Tierschutz
: Während es um Zuständigkeiten geht, leiden die Tiere

Verwahrloste Katzen sorgen in Nauen seit 2016 für Diskussionen. Anwohner wissen nicht, an wen sie sich noch wenden sollen.
Von
Silvia Passow
Nauen
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Tierschützerin Daniela Arendt, umgeben von den Bewohnern der Katzenwohnung. Allein 12 Katzen kamen im Februar dazu.

Silvia Passow

Lebenshof, nicht Gnadenhof, das ist Arendt wichtig. „Leben hat nichts mit Gnade zu tun“, sagt Arendt. Im Paragraf 1 des Tierschutzgesetztes steht: „Zweck dieses Gesetzes ist es, aus der Verantwortung des Menschen für das Tier als Mitgeschöpf dessen Leben und Wohlbefinden zu schützen. Niemand darf ein Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen.“

Die Liste der auf dem Hof lebenden Tiere ist lang und sie wird beinahe jeden Tag länger: Pferd, Ponys, Ziege, Schweine, rund 30 Hunde, 60 bis 70 Katzen, dazu allerhand Nager, Geflügel und verletzte Wildtiere. „Wir haben zwei bis drei Anfragen am Tag“, sagt Koch. Koch und Arend betreiben ihren Lebenshof seit rund zehn Jahren. Sie sind dabei auf Spenden angewiesen.

Spenden gewinnen, ist für den Tierlebenshof eine Herausforderung. Anders als im Tierheim werden die hier lebenden Tiere nicht vermittelt. Sie bleiben bis an ihr Lebensende. Sie haben oft schreckliches erfahren. Hunde, denen die Ohren abgeschnitten wurden, mit der Haushaltschere, bei vollem Bewusstsein. Hunde, denen die Stimmbänder durchtrennt wurden, damit sie nicht mehr bellen. Zum verhungern eingesperrte Tiere, die noch rechtzeitig gerettet werden konnten. Katzen, denen man zum Spaß die Hüften ausgekugelt hat, auf deren Körper die Besitzer Zigaretten ausdrückten. Die Liste der Grausamkeiten ist ebenso lang, wie die der Bewohner.

Die Schäden sind nicht nur körperlicher Natur. Das Vertrauen der hier beheimateten Tiere in den Menschen ist gestört. Arendt und Koch brauchen oft Wochen und Monate, damit die Tiere ihnen vertrauen, nicht ängstlich beißen oder anders versuchen, sich den Menschen vom Leib zu halten. Eine Lebensaufgabe, von früh bis spät, jeden Tag. Und während Koch erzählt, klingelt schon wieder das Telefon.

Die Verantwortung weitergereicht

Ortswechsel: Die Anwohner wissen nicht mehr, an wen sie sich wenden sollen. Auf einem Grundstück in ihrer Nachbarschaft in Nauen leben überdurchschnittlich viele Katzen. Die Tiere, so erzählt ein Anwohner, seien im schlechten Zustand, legten sich zum Sterben in die Schuppen oder Garagen.

Der Umstand ist dem Ordnungsamt der Stadt Nauen seit 2016 bekannt, bestätigte Ilona Pagel, Leiterin im Fachbereich Ordnung und Sicherheit. Auch der Tierschutzverein Falkensee hatte auf die Umstände aufmerksam gemacht. Die Stadt stellt auf Nachfrage zunächst einmal fest, dass es sich hier nicht um herrenlose Katzen handelt und erklärt: „Herrenlose Tiere teilen das Schicksal von wildlebenden Tieren, ohne dass der Mensch, bzw. die Behörde verpflichtet wäre, diese in Obhut zu nehmen und von Schmerzen und Leiden zu befreien.“ Die rund zwanzig Katzen gehörten einer betagten Dame. Die Stadt verweist damit auf die Zuständigkeit der Veterinäramtes.

Das Veterinäramt hatte mehrfach Mitarbeiter vor Ort, erklärt der Landkreis auf Nachfrage. Die Besitzerin sei sehr an ihren Katzen interessiert, heißt es hier weiter und sie wären ausreichend ernährt. Der Bestand von rund 20 Katzen wird hier bestätigt. Auch, dass es Beschwerden durch die Nachbarn gibt. Das inzwischen Tierschutzvereine sich der Katzen angenommen haben, sie einfangen und kastrieren lassen, ist dem Kreis ebenfalls bekannt.

Bereits im Oktober letzten Jahres erklärte sich die Verwaltung bereit, bei Kontakt mit herrenlosen Katzen, diese auch kastrieren zu lassen. Dies erklärte sie im Ausschuss für Ordnung, Sicherheit und Verkehr. In diesem Zusammenhang überreichte der Abgeordnete Raimond Heydt (Piraten) ein Angebot des Lebenshofes, die kastrierten Katzen aufzunehmen. Laut Ilona Pagel, Leiterin des Fachbereiches Ordnung und Sicherheit, wurde das Angebot von der Verwaltung geprüft und abgelehnt. Zur Begründung hieß es unter anderen, dass der Verein wirtschaftlich nicht leistungsfähig sei. Der Verein ruft regelmäßig zu Spenden auf, auch mit Hinweis auf zu zahlende Rechnungen.

Ferner informierte die Verwaltung in der Sitzung vom 6. März darüber, dass die Gemeinde nicht in der Verpflichtung stehe, herrenlose Tiere in Verwahrung zu nehmen. Allerdings hatte der Tierlebenshof das Angebot zu diesem Zeitpunkt bereits zurückgezogen.

Mitte März besuchte Bürgermeister Manuel Meger (LWN) den Tierlebenshof. Rund eineinhalb Stunde ließ er sich über das Areal führen. Koch zeigte ihm die Katzenwohnung und sprach von den Schicksalen der Tiere. Gegenüber der Presse gibt Meger sich an diesem Tag zugeknöpft. Bei einem Rundgang über das Gelände erwähnt er dessen Potenzial. Wie das gemeint ist? Kein Kommentar. Sein Eindruck beim Abschied? „Dazu möchte ich mich nicht äußern“, sagt der Verwaltungschef.

Koch sagt, er habe mit der Geländeführung für Klarheit sorgen wollen. „Ich wollte, dass sich Herr Meger hier vor Ort selbst überzeugen kann.“ Koch sagt auch, er habe keine guten Erfahrungen mit der Stadtverwaltung. Es gab in den letzten Jahren einige Differenzen. Koch und Arendt wissen, um den Tieren zu helfen, muss die Politik die Voraussetzungen schaffen. Beide haben sich für die anstehenden Kommunalwahlen aufstellen lassen.

In der letzten Sitzung des Ausschusses für Ordnung, Sicherheit und Verkehr setzte Raimond Heydt erneut die Situation auf dem „Katzengrundstück“ auf die Tagesordnung. Er berichtet, wie er sich mit einzelnen Akteuren getroffen habe. Heydt erzählt von unterernährten, verletzten und mit Parasiten belasteten Tieren. Er sagt, er habe noch einmal Kontakt zum Tierschutz aufgenommen. Die Situation in der Nachbarschaft sei kritisch, einer der Anwohner will die Tiere vergiften. „Da muss etwas passieren“, sagt er. Wieder werden die Zuständigkeiten ausgetauscht. Ilona Pagel will noch einmal Kontakt mit dem Veterinäramt aufnehmen. Meger stimmt ihr zu.