Weitere Zeugenaussagen
: Freunde und Arbeitskollegen sagen im Mordprozess gegen Marco F. aus

Nachdem am vergangenen Montag bereits Freundinnen und Familienmitglieder des Opfers im Mordprozess gegen Marco F. ausgesagt hatten, traten am Donnerstag zwei weitere Freundinnen und Arbeitskollegen in den Zeugenstand.
Von
Ingmar Höfgen
Potsdam/Brandenburg
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ARCHIV - 25.02.2019, Hessen, Darmstadt: Die Statue der Justitia steht mit einer Waage und einem Schwert in der Hand auf dem Gerechtigkeitsbrunnen auf dem Frankfurter Römerberg. (zu "Weltwirtschaftsforum veröffentlicht seinen Bericht zur Gleichberechtigung") Foto: Arne Dedert/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Arne Dedert

Unterschiedlicher als am vergangenen Donnerstag vor dem Landgericht Potsdam können die Schilderungen über den Brandenburger kaum auseinandergehen, dem versuchter Mord an seiner langjährigen Partnerin vorgeworfen wird. Mit mehreren Messern soll er im April 2019 in der Nacht mehrfach auf sie eingestochen haben und ihr die Adern am Handgelenk aufgeschnitten haben. Obwohl sie viel Blut verloren hatte, wurde sie in einer stundenlangen Notoperation gerettet. Der Angeklagte bestreitet die Tat nicht, könne sich aber — wie berichtet — an das Geschehen zwischen dem Herausnehmen eines Messers und grellem Licht im Krankenhaus nicht erinnern. Auch er hatte versucht, sich umzubringen. Nachdem am vergangenen Montag bereits Freundinnen und Familienmitglieder des Opfers ausgesagt hatten, traten am Donnerstag zwei weitere Freundinnen in den Zeugenstand. „Je näher die Tat gerückt ist, desto unglücklicher war sie“, sagte die erste der beiden Zeugen. Ihr erzählte F.s langjährige Partnerin immer wieder von den Problemen und Ereignissen ihrer Beziehung. „Er hat verstanden, sie kleinzumachen“, schätzte sie ein. Allerdings: Erlebt hat die Zeugin den Angeklagten nicht auf diese Art. Wenn sie ihn mal traf, was selten vorkam, dann sei er höflich, fürsorglich gewesen, spielte gern mit den Kindern — und diese mit ihm. Alle negativen Dinge kannte sie nur aus Erzählungen des späteren Opfers. Schwer zu trennen war bei ihrer Aussage, was Wissen, Meinung, Eindruck und Einschätzung war. Als der Staatsanwalt genauer wissen wollte, wo die neun und ein Jahre alten Kinder im Falle einer Trennung leben sollten, musste sie passen. Was ihr das spätere Opfer vorher dazu gesagt hatte, konnte sie nicht mehr sagen.

Auch eine weitere Freundin beschrieb diesen Zwiespalt zwischen Erleben und Erzählen. Einmal soll die spätere Geschädigte zu ihr gesagt haben: „Ich glaube, dass Marco mich abgrundtief hasst.“ Die Zeugin berichtete, dass die damals neunjährige Tochter sich schon vorher Sorgen darüber gemacht habe, dass der Mama etwas passiert. Anlass war wohl, dass das Mädchen eine gewalttätige Aktion des Vaters gegen die Mutter mitbekommen haben soll. Das Mädchen war in der Tatnacht aufgewacht, hatte versucht, ihren Vater von weiteren Stichen abzuhalten und dann die Polizei gerufen. Einen Punkt schätzen die beiden Frauen aber gänzlich unterschiedlich ein. Bevor der Sohn im Jahr 2018 zur Welt kam, soll der Angeklagte befunden haben, dass sie sich dies neben dem Haus und angesichts des beitragsfreien letzten Kita–Jahres jetzt finanziell leisten könnten. „Ich war total schockiert. Man kann doch nicht an 4.000 Euro für die Kita  festmachen, ob man ein zweites Kind will“, fand eine Zeugin, während die andere meinte, es sei vollkommen richtig, dass man sich das überlegt.

Einen starken Kontrast bildeten dazu die Aussagen von Arbeitskollegen, die meist auch wie er Wasserball spielten. (Auch Trainer Christopher Bott wurde als Zeuge gehört.) Immer wieder wurde er als ehrlicher, offener Mensch beschrieben. Über Probleme habe er nur selten geredet — eigentlich nur, wenn etwas passiert war. Sie erfuhren, als seine Freundin 2013 die erste Trennung vollzog. Und seinen Trainer informierte er vor der zweiten, anstehenden Trennung darüber, dass er jetzt im Training und bei Spielen kürzertreten wolle — und erzählte ihm am Tag vor der Tat auch, was los ist.

Immer wieder versuchten die Richter auszuleuchten, ob es schon vor der Tat Gewalthandlungen oder Ausraster gab. Außer einer alkoholbedingten Prügelei mit 16, einem längeren Herunterstupsen im Training oder einem Biss unter der Dusche, als er von einem körperlich überlegenen Mitspieler in den Schwitzkasten genommen wurde, gab es nicht. „Ich wusste, dass man Marco nur bis zu einer bestimmten Stelle reizen kann“, sagte einer der Mitspieler. Danach wehrte er sich — und alle waren verdutzt. Ein Kollege erinnerte sich, dass er auf seinem Recht beharrte. Später war dann alles wieder okay und er habe sich entschuldigt. Die Tat habe ihm keiner zugetraut, sagte ein Arbeitskollege. Und so wie ihm sei es vielen gegangen.

In der kommenden Woche wird am Dienstag und Donnerstag verhandelt. Bereits am 10. Februar könnte es ein Urteil geben.