Die Sehnsucht nach Normalität und Unterhaltung steht auch für die 17. Provinziale in Eberswalde, die in diesem Jahr ins Haus Schwärzetal umziehen musste. „Gut, dass wir es gewagt haben“, fasste Festivalleiter Kenneth Anders zur der Preisverleihung am Samstagabend zusammen.

1300 Besucher in Eberswalde sehen 46 Filme

Eine Woche lang sahen 1300 Gäste in nötigem Abstand 46 Animations-, Kurzspielfilme, Kurzdokus und Dokumentarfilme. Auch wenn die Filmnächte, die sonst im Festivalclub oder mit einer Party endeten, kürzer ausfielen, so war die Meinung der Gäste und Jurymitglieder doch einhellig positiv. Melanie Dralle aus Marienwerder, die sich zu den Fans des Filmfestes zählt, sagte: „Es war alles anders, aber spannend wie in jedem Jahr.“

Haus Schwärzetal wird zur Filmkulisse

Den 30 ehrenamtlichen Helfern und Honorarkräften sowie Mitarbeitern des Hauses Schwärzetal, die zur Hoffnungstaler Stiftung Lobetal gehören, gelang es, den sterilen Ort in eine Filmkulisse zu verwandeln. Feuer auf dem Hof loderten, Bänke luden zum Verweilen ein. Farbige Lichter, Stoffbahnen an den Wänden, Diashow zum Blick aus dem „Heimatfenster“ und ein begleitendes Musikprogramm mit vielen Live-Performances lockten Cineasten an.

Publikum entscheidet bei Provinziale Eberswalde mit

In der Vorauswahl waren 950 Filmbeiträge, die von einem Auswahlteam bereits gesichtet worden waren. In vier Kategorien traten die Wettbewerbsbeiträge aus aller Welt an. Vergeben wurden am Ende sieben Preise. Das Publikum hatte ein mächtiges Wort mitzureden.

Sonderpreis gemeinsam mit der Hochschule Eberswalde

Die Jury für den Sonderpreis „Der Stachel“, der in diesem Jahr auch Barnims Landrat Daniel Kurth angehörte, kürte den Dokumentarfilm „Kombinat“. Der Preis steht für Nachhaltigkeit und wird gemeinsam mit der Hochschule für nachhaltige Entwicklung vergeben. Hergestellt aus biologisch abbaubarem Polyactid und recyceltem Kunststoff ist er mit 1000 Euro dotiert. Der russische Regisseur Gabriel Tejedor nahm mit einer Videobotschaft sichtlich gerührt und voller Dankbarkeit die Auszeichnung entgegen. Das e aus dem 3D-Drucker ist international begehrt, weist es doch den Weg zu mutigen Projekten und alternativen Sichtweisen im Film.

Beste Animation aus Rumänien und Frankreich

Den Preis für die beste Animation erhielt „Opinci“, ein kleiner, 17 Minuten langer Film um große Gedanken des Menschseins und Lebens, den die Regisseure Anton und Damian Groves hergestellt hatten. 108 Einsendungen hatte es in dieser Kategorie gegeben, betonte Almuth Undisz.

Publikum legt Kommastelle in Eberswalde fest

Den Publikumspreis für den Kurzspielfilm, gestiftet von der Sparkasse Barnim, erhielt „La Traction des Poles“ – Anziehungskraft – von Marine Leveél. Die junge Französin war überglücklich. In ihrer Geschichte sucht ein schwuler Biobauer nicht nur seinen Eber, sondern vor allem die Liebe und Selbstachtung. Der Jurypreis in der Kategorie aus 650 Einsendungen ging an „Massacre“ (Massaker) von Maïté Sonnet aus Frankreich. Zwei Schwestern werden in einem zerstörenden Psychothriller zu eiskalten Engeln und wehren sich im Sonnenparadies gegen die Verdrängung und das Verlassensein.

Kurzer Dokumentarfilm entführt nach Nepal

Der beste kurze Dokfilm heißt „For your Sake“ von Ronja Hemm. Zwei Mädchen aus nepalesischen Dorf wollen nach Japan. Nervenkitzel und Generationenkonflikte erzählt Ronja Hemm. „Toll zu wissen, dass es trotz aller Herausforderungen dieses Festival gibt“, grüßte sie per Video. Der türkische Streifen „Queen Lear“ von Palen Esmer lag beim Publikum als langer Dokumentarfilm ab 45 Minuten vorn.

Hohe Qualität der Provinziale-Dokfilme

Den mit 4000 Euro dotierten Jurypreis für den Dokumentarfilm lang aber bekam ein portugiesischer Streifen. „Rising of the setting sun“, das den Bewohnern eines Atlantikdorfes die Veränderungen der Umwelt an die Ufer und in die Netze spült, traf den Nerv der Jury. Gemacht von Julie Hössle ließ er Betroffenheit zurück. In der Laudatio heißt es: „Der Film entführt auf die Hinterbühne der Insel, dahin, wo die Folgen des Anthropozäns unablässig sichtbar werden, wo Fischbestände schwinden, die Mägen der Seevögel voller Plastik sind und die Erinnerung an vergangene Vulkanausbrüche von der Fragilität menschlichen Seins künden. Dabei offenbart sich aber nicht nur eine Unheimlichkeit, sondern auch der Geist von Aufbruch.“
Die Qualität der Filme sei beeindruckend gewesen, betonte Mitglied Ullrich Wessollek. Am Rande wurde Dezernent Jan König gleich für die Provinziale 2021 verpflichtet.