Ärztemangel: Kein Nachfolger für Zahnärztin in Britz

Engpässe erreichen Zahnmedizin: Dr. Ingeborg Spitzer schließt ihre Praxis in Britz, da sie keinen Nachfolger gefunden hatte.
Viola Petersson/MOZGleichwohl: Eigentlich könnte es sofort weitergehen an der Wiesenstraße. Wenn sich eine Nachfolgeregelung fände. „Alles ist voll funktionsfähig und einsatzbereit“, erklärt die Zahnmedizinerin. Noch hat die 73-Jährige die Hoffnung auf eine Lösung nicht aufgegeben.
Zwei Mal hatte Dr. Spitzer bereits „verlängert“. Zu ihrem 65. Geburtstag hatte sie erklärt, noch zwei Jahre dranzuhängen. Es wurden zunächst fünf Jahre. Beim 70. Geburtstag verkündete sie, weitere zwei Jahre zu praktizieren. Um keine Lücke in Britz entstehen zu lassen und einen Nachfolger zu finden. Trotz intensiver Bemühungen, auch über die Kassenzahnärztliche Vereinigung Brandenburg, sei dies leider nicht gelungen, bedauert die Stomatologin. So dass sie nun einen Schlussstrich zog.
Britzerin hofft noch auf Lösung
Zunächst. „Ich führe Gespräche mit der GLG“, so die Britzerin. Sie könne sich eine Fortführung der Praxis unter dem Dach eines Medizinischen Versorgungszentrums (MVZ) vorstellen. Sie selbst wäre sogar bereit, noch ein, zwei Tage pro Woche als angestellte Zahnärztin zu arbeiten. Dank eines ähnlichen Modells sei es bereits in Bad Freienwalde gelungen, den Bestand einer Zahnarztpraxis zu sichern und die Versorgung fortzuführen. Eben als GLG-Praxis.
Dr. Ortrud Vargas Hein, im regionalen Klinikkonzern als Verwaltungsdirektorin für die ambulanten Geschäftsfelder zuständig, erklärt auf Anfrage: In Bad Freienwalde habe die GLG im Herbst vorigen Jahres eine Praxis eröffnet, in der eine junge Zahnärztin aus der Klinik für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie des Forßmann-Krankenhauses sowie ein älterer Kollege arbeiten. Das Duo würde sich die Sprechzeiten teilen. „Ich finde das Modell sehr gut“, so Vargas Hein. Und prinzipiell sei die GLG offen für weitere solcher Projekte. Hauptproblem, vor dem auch die Unternehmensgruppe steht, sei das Gewinnen junger Kollegen. Das Klinikum Barnim verfüge personell nur über begrenzte Kapazitäten. Aktuell seien diese ausgeschöpft. „Aber wir arbeiten dran“, versichert sie, nachdem es mit Dr. Spitzer einen „Kennenlerntermin“ gegeben habe.
Die Kassenzahnärztliche Vereinigung (KZV) Brandenburg bestätigt gegenüber dieser Zeitung, dass es vor allem im „sehr ländlichen Bereich“ Probleme mit der Nachbesetzung von Zahnarztpraxen gibt. Landesweit registriere man bereits mehr Praxisschließungen als Neuzulassungen. Eine Entwicklung, die sich innerhalb der nächsten zehn Jahre verschärfen werde. Denn es gingen immer mehr Kollegen in den Ruhestand. Aus diesem Grund versuche die KZV gegenzusteuern. Wie Rainer Linke, stellvertretender Vorsitzender des Vorstandes, erklärt, habe die KZV im September 2018 den „Praxislotsen“ ins Leben gerufen. Dabei handele es sich um ein monatlich stattfindendes individuelles, kostenloses Beratungsangebot. Zahnärzte, so das Anliegen, sollen bei der Praxisabgabe, -übernahme bzw. Existenzgründung unterstützt werden. Vor allem wolle man älteren Kollegen bei der Suche eines Praxisnachfolgers behilflich sein.
KZV versucht gegenzusteuern
Darüber hinaus, so Linke, gebe es Gesprächsrunden mit den Landkreisen und Kommunen, um „gemeinsam die Verbesserung der zahnärztlichen Versorgung zu erreichen“. Mit dem Landkreis Barnim habe es im August 2019 ein Gespräch dazu gegeben. Auch wenn, statistisch gesehen, der Versorgungsgrad noch relativ gut ist. Mit 92,6 Prozent. Punktuell aber gibt es bereits Engpässe. Wie eben in Britz, wo einst zwei Zahnärzte praktizierten.
Dr. Ingeborg Spitzer war 1977 nach Studium und Fachzahnarztausbildung nach Britz gekommen. Sie trat damals eine Stelle im Betriebsambulatorium des Fleischwerkes SVKE an. 1991 machte sie sich selbstständig, eröffnete ihre Praxis. Noch vor der Wende hat die Stomatologin promoviert. In der Dissertation beschäftigte sie sich mit Kiefergelenkbeschwerden. Dazu hat sie an der Uni Leipzig eine Untersuchungsreihe durchgeführt. Mit Sensoren, die seinerzeit im Bauwesen eingesetzt wurden. „Ein bisschen abenteuerlich“ sagt Dr. Spitzer schmunzelnd. „Heute würde man das digital machen.“
Zahlen und Fakten zur Versorgungssituation
Im Landkreis Barnim gibt es laut Kassenzahnärztlicher Vereinigung (KZV) Land Brandenburg aktuell 122 Zahnärzte: 84 Vertragszahnärzte, also Stomatologen mit eigener Praxis, sowie 38 angestellte Zahnärzte.
Bezogen auf die Einwohnerzahl hat ein Zahnarzt im Barnim 1482,5 Bürger zu versorgen. Dies entspricht einem Versorgungsgrad von 92,6 Prozent. Im Bereich der Kieferorthopädie (AK bis 18 Jahre) liegt der Versorgungsgrad bei 104,2 Prozent.
Der Versorgungsgrad von 92,6 Prozent gilt laut KZV als "regelrecht". Die aktuelle Quote sei vergleichbar mit Havelland, Potsdam-Mittelmark, Teltow-Fläming. Deutlich drüber liegen etwa Frankfurt (Oder) mit 145 Prozent, Potsdam und Cottbus mit je 110 Prozent.
Die KZV schätzt die Versorgung im Barnim (noch) als relativ konstant ein. Der Grad sank von Ende 2016 (96,8 Prozent) bis Ende 2019 nur leicht.
Aber: Das Durchschnittsalter der Vertragszahnärzte im Barnim liegt aktuell bei 54,6 Jahren, das der angestellten Mediziner bei 45,5 Jahren. Deshalb seien in den nächsten Jahren "Zulassungsverzichte" zu erwarten.