Alt wie Methusalem: Schönes Leben voller Arbeit
Zu den Kindern zählt Hilde Aschermann mittlerweile eine große Schar: vier Enkel der beiden eigenen Kinder sowie sechs Urenkel und schon bald zwei Ur–Ur–Enkel.
Ein Blick zurück: 1919 kam Hilde Aschermann, kurz nach dem Ende des Ersten Weltkrieges, in Groß Schönebeck als Tochter eines Friseurmeisters auf die Welt. Mit 19 Jahren lernte sie 1938 ihren späteren Mann, Adolf Aschenbach, kennen. Er war als junger Mann aus dem strukturarmen Niedersachsen in die Schorfheide gekommen, um Tischler zu werden.
Mitten im Zweiten Weltkrieg, 1942, heirateten die beiden, 1944 wurde Tochter Karin geboren. Adolf wurde kurze Zeit später in Norwegen verwundet und lag lange im Lazarett. Hilde musste die schwere Zeit, als die amerikanischen Fliegerbomben über die Schorfheide fegten und später als die russischen Besatzer ihr Unwesen trieben, alleine durchstehen. Sie flüchtete mit ihrer Schwester nach Schluft. Nachts schlief sie zusammen mit anderen jungen Damen sicherheitshalber auf dem Dachboden aus Angst vor den Besatzungssoldaten.
Angst vor den Russen
Nach dem Krieg wurde die junge Familie vereint, Adolf machte seine Meisterprüfung und eröffnete 1952 eine eigene Tischlerei. Ans Übersiedeln in seine alte Heimat, die nunmehr im Westen lag, haben beide nie ernsthaft gedacht. Ihre Heimat war Groß Schönebeck. Stattdessen richteten sie sich im Sozialismus ein und fanden ihre Nische: Selbständige waren zu DDR–Zeiten nicht gern gesehen, wurden aber oft geduldet. Im Alltag hatten sie durchaus Nachteile, etwa beim Einkauf von Holz. Die Probleme wurden aber mit den damals üblichen Mitteln gelöst: „Ein Fuffziger in der Tasche half immer“, weiß Hilde zu berichten. Die Tischlerei florierte, im Jahre 1965 kaufte die Familie ein größeres Grundstück am Kastanienweg und baute ein neues Haus mit größerer Werkstatt.
Hilde selbst, mittlerweile Mutter zweier Kinder, musste auch an den Maschinen des Familienbetriebs stehen. Tagtäglich tausende von Löchern habe sie in Möbelstücke gebohrt, erinnert sich die 100–Jährige lebhaft. Nebenbei warteten nicht nur die kleinen Kinder, sondern auch noch der große Garten und 100 Hühner auf die resolute Frau. „Mein Leben war Arbeit, Arbeit, Arbeit“, bringt sie es auf den Punkt. Das kann ihre Tochter nur unterstreichen: Bis vor ein paar Jahren habe sie sogar den Garten noch selbst gemacht. Mittlerweile spielen allerdings die Knie nicht mehr mit. „Ginge es nach ihr, würde sie auch noch Kuchen backen“, erzählt ihre Tochter Karin Ludwig schmunzelnd.
Kuchenbacken gehörte zu ihren Lieblingsaufgaben, die bei den vielen Familienfesten auch oft gefragt waren. Überhaupt wurde der Familienzusammenhalt immer groß geschrieben. Nur mit den Schwiegereltern im Westen war dies schwierig: 1976 durfte Hilde erstmals nach Dassel fahren und konnte die alte Heimat ihres Mannes endlich sehen.
„Wir hatten ein schönes Leben“, blickt Hilde Aschermann zurück. Sie waren oft Kegeln, haben Ausflüge mit der Holzgenossenschaft gemacht und in Groß Schönebeck ließ es sich zu DDR–Zeiten sowieso gut leben.
Sie radelte fast täglich
Das ganze Leben spielte sich mehr oder minder in Groß Schönebeck ab. In den 80er Jahren kauften die Aschermanns ein Wochenendgrundstück am Weißen See in Böhmerheide. „Hier haben wir ein Häuschen gebaut und viele schöne Sommerstunden verbracht“, so Hilde Aschermann. Im Jahre 1983 verstarb mit 72 Jahren ihr Ehemann: „Die Goldene Hochzeit schafften wir leider nicht mehr“. In den folgenden Jahren lebte Hilde Aschermann abwechselnd in Groß Schönebeck bei ihrem Sohn Kurt sowie im Wochenendhaus. Selbst als 90–Jährige radelte sie fast täglich die fünf Kilometer weite Strecke zwischen den Orten. „Obwohl sie mittlerweile in Böhmerheide lebt, ist sie in ihrem Herzen Groß Schönebeckerin“, so ihre Tochter.
Selbst als 100–Jährige meistert sie den Alltag teils noch selbst. Wenn morgens der Pflegedienst kommt, sitzt sie bereits wartend im Zimmer, wenn später die Tochter kommt, freut sie sich auf eine gemeinsame Runde Rommee. Auf gute Karten im Leben konnte sie sich schließlich immer verlassen.

