Am Montagnachmittag habe er ihn noch in Berlin beim offiziellen Empfang anlässlich des polnischen Nationalfeiertags, also auf diplomatischem Parkett, getroffen. Am Abend begrüßte Martin Hoeck von der gleichnamigen Stiftung den polnischen Botschafter Andrzej Przyłebski in der deutschen Provinz – beim 12. Diplomatischen Salon.
Der übte sich denn abseits der politischen Bühne im Streitgespräch mit den Barnimern nicht unbedingt in der Kunst der Diplomatie. Przyłebski redete Klartext. Immer wieder müsse er seit seinem Dienstantritt in Berlin 2016 Polen verteidigen, ließ der Botschafter das Publikum wissen, um auch in Eberswalde sogleich diese Rolle einzunehmen.
Mehr Philosophie als Diplomatie
Przyłebski sprach über die Transformationsprozesse seit Ende der 1980er-Jahre, über die – seiner Meinung nach – Misswirtschaft unter Donald Tusk, über das angebliche Versagen des Staates und die unter der neuen Regierung 2015 eingeleiteten Reformen.  "Polen geht es gut, so gut wie in den letzten 30 Jahren nicht", behauptete er. Das Verständnis für Polen im Ausland indes sei "ungenügend" bis "falsch". Der Botschafter sparte nicht mit Kritik, gegenüber Brüssel, gegenüber der deutschen Politik, der Justiz und vor allem auch den Medien, den Journalisten, die Objektivität vermissen ließen. Gleichwohl, so konstatierte der 60-Jährige, sei die Sympathie der Polen für Deutschland groß.
Was ihm an Deutschland besonders gefalle, fragte Gastgeber Martin Hoeck. Und Przyłebski hob die "deutsche Philosophie" hervor. Er selbst sehe sich als "polnischer Botschafter und deutscher Philosoph". Przyłebski, der Philosophie und Sozialwissenschaften studiert hat, ist u. a. Mitglied des Vorstands der Internationalen Hegel-Gesellschaft. Was ihm an Deutschland indes missfalle, seien die "postmodernen" Entwicklungstendenzen. Etwa der Hang zu "multikulti" oder die Ehe für alle. Womit er – erwartungsgemäß – das Publikum herausforderte und auf Widerspruch stieß. Ebenso wie mit seinem gewagten (und sicher nicht ganz ernst gemeinten) Vorschlag zur Überwindung sprachlicher Barrieren: "Wenn England jetzt die EU verlässt", gebe es keinen Grund mehr, Englisch zu sprechen. Stattdessen sollte Esperanto eingeführt werden.
Kopfschütteln bei Zuhörern, nachdenkliche Mienen, Gegenworte. Aber auch die Meinung: "Das ist die große Politik", so Roman Sadowski, Geschäftsführer der HTS Targatz GmbH, die 2016 die Wäscherei übernahm. Auch er sei damals mit Ängsten nach Deutschland gekommen – und habe hier eine zweite Heimat gefunden, so der Pole. Er hoffe, dass es "irgendwann keine Vorurteile mehr gibt". Und nicht mehr von "polnischer Wirtschaft" die Rede ist, sondern von "wir Europäer". Beifall.
Beziehungen zwischen Nachbarn
Bürgermeister Friedhelm Boginski zeigte sich ebenfalls davon überzeugt, dass es jenseits der großen Politik zum Teil schon eine sehr gute Zusammenarbeit gebe. Eberswalde sei dafür ein Beispiel. Etwa mit der Partnerschaft zu Gorzow, mit Verbindungen von Kulturakteuren und Zoo nach Stettin oder dem Seniorenbeirat nach Barlinek. Sowie zwischen Unternehmen.
Ein Abend mit großem Diskussionspotenzial, wie Martin Heock resümierte. Ein streitbarer Austausch. Eben unter Nachbarn. Getragen aber durch ein großes Interesse, wie die Resonanz zeigte.