Dass die Corona-Krise Menschen in Geldnöte bringt, spiegelt sich in den Statistiken für 2020 noch nicht wider. Im deutschlandweiten Trend war die Zahl der Schuldner im vergangenen Jahr wie schon in den Vorjahren rückläufig. Erste Schuldnerberatungen melden inzwischen allerdings eine deutliche Zunahme Ratsuchender: Leute, die in Kurzarbeit feststecken, ihre Nebenjobs verloren haben oder die ihr Gewerbe aufgeben mussten und deren Ersparnisse für die immer längere Durststrecke in der Pandemie nicht mehr ausreichen, um alle Rechnungen zu begleichen.

Barnimer mit Zahlungsschwierigkeiten derzeit ohne Beratung

Im Landkreis Barnim ist das nicht so – nicht, weil es diese Menschen hier nicht geben würde, sondern, neben anderen Gründen wohl auch aus diesem: Barnimer, die in Zahlungsschwierigkeiten geraten, ohne arbeitslos zu sein, haben derzeit gar keine Anlaufstelle.

Insolvenzberatungsstelle darf nur Hochverschuldete betreuen

„Ich könnte ihnen helfen, aber ich darf es nicht“, sagt Rainer Urbschat, der in Bernau die Insolvenzberatungsstelle der Arbeiterwohlfahrt (Awo) vom Kreisverband Bernau leitet. Mehr als 15 Jahre lang beriet der gelernte Wirtschaftskaufmann an der Adresse in der Weinbergstraße auch Verbraucher, die ihre Schulden noch ohne Eingreifen der Justiz abtragen können. Doch wenn ihn solche Schuldner jetzt um Hilfe bitten, muss er sie abweisen – Insolvenz- und Schuldnerberatung sind voneinander abgekoppelt.

Standorte in Bernau und Eberswalde seit Jahresbeginn dicht

Im Falle von Privatinsolvenzen zahlt das Land für die Beratungsstelle. Die Schuldnerberatungsstelle muss laut Sozialgesetzgebung jedoch der Kreis vorhalten. Und mit dem gab es seit Längerem Uneinigkeit über die Finanzierung – zuletzt offenbar so große, dass die Awo die Verträge für die bislang zwei Standorte Eberswalde und Bernau auslaufen ließ. Zum Jahresende hatten beide Stellen dichtgemacht.

Kreis präsentiert Übergangslösung

Umso mehr überraschte die Nachricht, dass der Wohlfahrtsverband so bald wie möglich doch wieder an den Start gehen solle. Yvonne Dankert, Sozialdezernentin im Barnim, hatte die Übergangslösung vor knapp zwei Wochen im Sozialausschuss angekündigt. Ob der Träger sich darauf einlassen würde, war da noch offen. „Inzwischen ist das unterschrieben zurückgegangen“, bestätigt nun aber Awo-Geschäftsführer Frank Peters.

Statt zwei Kollegen nur noch eine halbe Stelle

Allerdings ist die öffentliche Beratung für Schuldner künftig stark dezimiert. Den Zuschlag hat die Awo Bernau lediglich für den Standort Eberswalde bekommen, zudem nur bis Ende Juni. Bislang waren es außerdem zwei Beratungskräfte. Nun bleibt nur eine halbe Stelle übrig – offenbar von Mitteln, die vorher für beide Standorte genügen musste. Vor allem darauf, sein Personal in der Schuldnerberatung angemessen bezahlen zu können, nach dem Tarifvertrag für den Öffentlichen Dienst (TVöD), hatte der Sozialanbieter gedrungen. „Nun sieht es so aus, dass wir da sogar mit der letzten Entgeltsteigerung auf den aktuellen Stand kommen“, so Peters.

„Vier Monate sind keine Lösung für Betroffene“

Dahingehend sei man also zufrieden mit der Übergangsvariante. „Für vier Monate ist das natürlich keine Lösung für die Betroffenen“, beklagt der Awo-Chef gleichwohl. Die reguläre Ausschreibung für die Schuldnerberatung zum 1. Juli erfolgt europaweit. Ob die Arbeiterwohlfahrt dann auch wieder ins Rennen geht, hänge von den Rahmenbedingungen ab, sagt Peters. „Wenn Preis und Leistung stimmen, können wir uns das auch wieder vorstellen.“

Anderenorts beteiligen sich Wohnungsgesellschaften und Energieversorger

Aus seiner Sicht sollte der Kreis die finanzielle Basis ausbauen. In vielen anderen Landkreisen würden sich vor allem Wohnungsbaugesellschaften und Energieversorger als am häufigsten betroffene Gläubiger an der Finanzierung von Schuldnerberatungen beteiligen. Im Barnim, so berichtete Peters an anderer Stelle, trage die Hauptlast die Sparkasse, die 67.000 Euro zuschieße. Der Kreis gibt 10.000 Euro dazu. Laut Verwaltung hatte die Awo eine zusätzliche Summe von 48.000 Euro beantragt.

Mehr als 300 Fälle pro Jahr

Bedarf gebe es jedenfalls an beiden Standorten, sagt Frank Peters. Pro Jahr hätten sich in der Vergangenheit durchschnittlich 300 Schuldner an die Anlaufstelle gewandt, ein größerer Teil stets in Eberswalde. Im vergangenen Jahr zählte die Beratungsstelle zwar nur halb so viele Beratungsfälle, insgesamt 153. „Allerdings haben wir coronabedingt vor Ort nur Notberatungen gemacht, in Fällen, wo umfangreiche Dinge zu klären waren“, sagt Berater Rainer Urbschat. Zudem seien Sprechzeiten in Eberswalde über längere Zeit krankheitsbedingt ausgefallen.

Corona-Schuldner kommen erst noch

Menschen mit Corona-Schulden, „die kommen erst noch“, glaubt auch er. Schuldenprobleme häufen sich seiner Erfahrung nach über einen längeren Zeitraum an. „Meist sind es ja Leute, die jahraus, jahrein so gelebt und immer weitergekauft haben, ohne zu berechnen, ob sie auch zahlen können“, sagt Urbschat.

Beratung an zwei Wochentagen

Ab März soll für die Awo-Schuldnerberatung der alte Standort in der Zimmerstraße wieder in Betrieb gehen, mit wöchentlich zwei Sprechtagen. An welchen Wochentagen Schuldner hier Rat finden, will der Wohlfahrtsverband kurzfristig bekanntgeben.
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Mehr als 14.000 Schuldner im Barnim


So wie im deutschlandweiten Trend war die Zahl der Schuldner im Barnim 2020 rückläufig. Mit einer Überschuldungsquote von 9,36 Prozent, ausgewiesen im aktuellen Schuldneratlas der Wirtschaftsauskunftei Creditreform vom November, gibt aber immer noch fast jeder zehnte über 18-jährige Barnimer mehr Geld aus, als er einnimmt. Mehr als 14.200 Menschen im Landkreis gelten demnach als Schuldner. Experten erwarten für 2021 eine deutlich steigende Zahl überschuldeter Verbraucher.