Corona-Krise: Schorfheides Shakespeare-Initiator fehlt das Theater

Im Erzählergewand: Neben diversen Rollen übernimmt Schaubühnen-Schauspieler Thomas Bading in seinen Shakespeare-Inszenierungen die Erzählpassagen. Mit einem kleinen Ensemble gibt er im Kletterwald Schorfheide jetzt "Hamlet" als szenische Lesung.
Mark BollhorstHerr Bading, Sie haben noch nicht viel geprobt, oder? Es hieß, im Moment gibt es einen Dreh. Woran arbeiten Sie gerade?
Um für den „Hamlet“ zu proben, bleibt nicht viel Zeit. Nach den Entwicklungen um Corona hatten wir „Shakespeare im Kletterwald“ für dieses Jahr ursprünglich abgesagt. Geplant waren eigentlich „Die lustigen Weiber von Windsor“, eine richtige Inszenierung. Es kamen aber doch so viele Anfragen, dass ich gesagt habe: Gut, dann liest du eben den „Hamlet“. Den habe ich gewissermaßen parat. Ich habe selbst gerade knapp vier Wochen lang in Bad Schlema im Erzgebirge gedreht – einen Erzgebirgskrimi. Und noch in dieser Woche war ich in Köln, weil meine Tochter Bella, die 13-Jährige, dort dreht. Einen Kinofilm mit Christoph Maria Herbst. Mehr kann ich darüber natürlich noch nicht sagen.
Und über Ihre eigene Rolle im Erzgebirgskrimi?
Die ist ganz witzig, der Film hat Spaß gemacht. Ich bin da Polizeihauptmeister und finde die Leiche, weil das aber eine Gegend ist, in der sonst nichts passiert, überfordert mich das und mir wird immerzu schlecht. Der dritte Erzgebirgskrimi "Sterben statt erben“ jetzt war der erste, bei dem ich mitgemacht habe. Vielleicht bin ich auch in der nächsten Folge dabei.
Drehen unter Corona-Bedingungen – wie war das jetzt für Sie?
Man muss ständig Tests machen lassen, mindestens einmal die Woche. Am Set wird man kontrolliert, es ist immer jemand da, der darauf achtet, dass Masken getragen werden. Wenn wir drehen, kommen die Masken natürlich ab. Sobald man den Drehort verlässt, heißt es aber: Maske auf. Das war schon ein bisschen komisch, bizarr, wir sitzen da alle im Erzgebirgswald, wo außer uns kein Mensch ist, und haben die Masken im Gesicht. Aber verständlich ist es auch, es hängt viel an so einer Produktion. Und es ist gut, dass wir arbeiten können. Am Theater ja nicht, da setzen wir seit fünfeinhalb Monaten aus.
Fehlt Ihnen das Theater oder ist Ihr Leben im Moment einfach nur anders?
Oh ja, das fehlt mir. Ich bin ja seit 40 Jahren am Theater, erst acht Jahre in Halle, dann am Deutschen Theater und jetzt seit 21 Jahren an der Schaubühne. Aber ich merke auch, dass die Kräfte langsam schwinden. In Berlin, wo man immer Oberklasse abliefern muss, ist doch vieles sehr fordernd. Für mich ist das auch wie ein langsamer Abschied von der Bühne jetzt in der Krise und vielleicht ist das auch gut. Ich werde auf alle Fälle ein bisschen reduzieren am Theater. Ich würde zum Beispiel gern wieder selbst mehr inszenieren. Durch die vielen Gastspiele, das viele Herumreisen mit der Schaubühne in den letzten Jahren, kam ich dazu kaum noch.
Waren Sie in den Corona-Monaten auch häufiger in der Schorfheide?
Ja, wir waren in der Schorfheide, allesamt. Es war sehr schön, dass wir mal alle zusammen Zeit hatten. Das war einfach dran, nachdem wir so viel arbeiten und unterwegs sind. Selbst Emma, die sehr viel dreht und jetzt auch für eine neue Serie längere Zeit in Krakau ist, blieb zwei Monate. Das war eine wichtige Zeit für uns als Familie.
Zurück zum Stück – warum eigentlich immer wieder Shakespeare? Weil der eine sichere Bank beim Publikum ist?
Ja, zum einen denke ich, dass er eine sichere Bank ist. Zum anderen will ich diese Sprachqualität, die Shakespeare auf die Welt gebracht hat, erhalten. Meine Intention ist, auch den Spaß an der Sprache zu erhalten, ich will ihn nicht so sehr vereinfachen. Ich bin auch immer wieder erstaunt, dass die vielen Kinder im Kletterwald da mitgehen können.
Weltliteratur neu inszeniert für Kinder und Erwachsene, heißt das Credo bei dem Format. Kriegen Sie das auch beim „Hamlet“ hin – Kinder bei der Stange zu halten? Im Vergleich zu den typisch Shakespearschen Liebesverwirrspielen der letzten Jahre ist das ja eher schwere Kost.
Das weiß ich nicht, da bin ich gespannt. Ich könnte mir vorstellen, dass man gut mit Stimmungen arbeiten kann. Es gibt den Geist des toten Vaters, es ist dunkel, es ist gefährlich. Auf das Begräbnis folgt ein großes Fest. Vielleicht kann man die Kinder mit dem Wechsel von Spannung kriegen. Ich habe den Text sehr stark bearbeitet, die Grundlage aber wieder von Barbara Kindermann übernommen, die viele Shakespeare-Stücke in Kinderbüchern nacherzählt hat. Wir spielen Szenen, die original Shakespeare sind. Dann geht es aber auch wieder in die Erzählung rein, fast ins Märchenhafte.
„Hamlet“ begleitet Sie schon Ihr gesamtes Schauspielerleben. Wie oft hatten Sie schon mit ihm zu tun?
Gespielt habe ich ihn bei Peter Sodann in Halle, acht Jahre lang, da war ich eigentlich schon am Deutschen Theater. Später habe ich ihn inszeniert und dann, bei den Rheingau-Festspielen, auch mal komplett allein gelesen, begleitet von einer Musikerin.
Diesmal sind Sie zu viert. Wie schon in den ersten Jahren ist wieder Katrin Schwingel dabei. Außerdem gibt es zwei neue Gesichter, den Schauspieler Hans Heinrich Hardt und den Musiker Michael Eimann.
Die Schauspieler wollten gern mitmachen – das ist für mich auch schön, weil es so etwas Neues und keine Wiederholung ist. Slixs-Sänger Michael Eimann, der schon mit Bobby McFerrin um die Welt getourt ist, macht die Musik.
„Shakespeare im Kletterwald“ lebt auch von den Effekten am Seil und in der Höhe. Fehlen die Ihnen selbst in diesem Jahr?
Ja, doch. Die Stimmungen, die das Stück hat, hätte ich schon gern gezeigt. Die Burgszene, der Geist ganz oben … Ich hätte große Lust, das hier zu inszenieren. Mit meiner Tochter, die ich gern als Hamlet besetzen würde. Aber vielleicht können wir das später noch einmal machen. Wir sind sicher nicht das letzte Mal im Kletterwald.
„Hamlet“ von William Shakespeare, szenische Lesung mit Thomas Bading, Freitag und Sonnabend ab 20 Uhr im Kletterwald Schorfheide, Eintritt auf Spendenbasis, Klappstühle sind mitzubringen; weitere Informationen: www.kletterwald-schorfheide.de
Zur Person
Geboren wurde Thomas Bading 1959 in Quedlinburg. Sein erstes Engagement hatte er 1983 bei Peter Sodann in Halle. In den 90er-Jahren spielte er am Deutschen Theater. Vor 21 Jahren wechselte er an die Berliner Schaubühne, wo er unter der Regie von Thomas Ostermeier ab November im Stück "Das Leben des Vernon Subutex" auf der Bühne steht. Bekannt ist Bading aber auch aus Rollen im Kino und im Fernsehen ("Fikkefuchs", "Barbara", "Weissensee"). Als Shakespeare-Regisseur begleitet er seit Langem die Burghofspiele Eltville (Rheinland Pfalz). Seit 2017 inszeniert er Shakespeare im Kletterwald Schorfheide. Bading hat drei Kinder: einen 32-jährigen Sohn aus einer früheren Beziehung, Filmschauspielerin Emma (22) und Bella (13), die ebenfalls vor der Kamera steht. Auch seine Frau Claudia Geisler-Bading ist Schauspielerin. Thomas Bading lebt in Potsdam und in einem Wochenendhaus in der Schorfheide.⇥wer