Wie die DDR-Staatsgrößen lebten, das interessierte kurz nach der Wende viele. Zu Honeckers Jagdhaus „Wildfang“ bei Eichhorst etwa pilgerte man. „Vor der Hütte stand ein kleines Vogelhäuschen“, erinnert sich Eckhard Herrmann, der es sich auch mal ansah. Was der Künstler damals nicht ahnte und später lange nicht wusste: Auf dem Dachboden des Fachwerkgebäudes würde eine seiner wenigen Auftragsarbeiten aus den Zeiten des untergegangenen Staates Jahrzehnte überdauern.

26 Einzelteile in Kisten verpackt

Heute hängt das Werk – eine Materialcollage als Wandrelief aus 26 Einzelteilen – in der Finowfurter Schulaula. Ende März wurde es dort angebracht. Die Übergabe einzuleiten, war eine der letzten Amtshandlungen von Schorfheides Ex-Bürgermeister Uwe Schoknecht, der sich Anfang 2020 in den Ruhestand verabschiedete. „Es war mir wichtig, das noch zu machen“, sagt Schoknecht. „Fast ist es ein Wunder, dass das Relief über all die Jahre erhalten geblieben ist.“

Darstellung geprägt vom sozialistischen Realismus

Im Zentrum des Bildes steht ein junges Paar mit zwei Kindern. Hinweise auf die politische Epoche fehlen, abgesehen von der deutlich vom sozialistischen Realismus geprägten Darstellungsweise. Dafür gibt es einen starken Heimatbezug. Ein Baum symbolisiert Verwurzelung. Mit Holz, Steinen, Beton und Kupfer brachte der Schöpfer Motive und Materialien aus dem Dorf Finowfurt mit seinen Ortsteilen Schöpfurt und Steinfurt sowie der Landschaft, die es umgab, auf eine Fläche.

„Wandgestaltung für den Kultur- und Speisesaal“

Einen Titel hatte sie nicht. „Wandgestaltung für den Kultur- und Speiseraum ZBE Frischeier Finowfurt“, so hat Herrmann die Arbeit in seinen Rechnungsbüchern einst verzeichnet. „1987 habe ich das beendet. Es hing nicht lange“, erzählt der selbst in dem Dorf geborene Metallbildhauer, der den größten Teil seines Lebens in Eberswalde verbracht und gearbeitet hat. „Nach der Abwicklung des Betriebes wurde es in ein paar Kisten verpackt.“

200.000 Legehennen und Eier für Westberlin

Die ZBE, die Abkürzung stand für Zwischenbetriebliche Einrichtung, war ein Zusammenschluss mehrerer Landwirtschaftlicher Produktionsgenossenschaften (LPG) der Region. Im Volksmund wurde er noch lange nach seiner Existenz auch „Hühner-Kim“ genannt, wobei Kim eine weitere Abkürzung darstellte: für „Kombinat Industrielle Mast“. In dem mit seinen Futtersilos und riesigen Stallanlagen weithin sichtbaren Betrieb war einem historischen Abriss der Gesellschaft zur Erforschung und Förderung der Märkischen Eiszeitstraße zufolge Platz für 200.000 Legehennen. Auch Westberlin soll beliefert worden sein. Anfang der 90er-Jahre ging das Eier-Kombinat an die Treuhand.

Üblicher Weg hätte ins Kunstarchiv Beeskow geführt

Abzuwickeln hatte es der in Wendezeiten von der Belegschaft gewählte letzte Leiter Christian Ehrlich, verstorben 2020. „Ich besuchte ihn damals, weil wir ein paar Möbel von ihm brauchten“, erinnert sich der Eberswalder Reimer Loose (76) an die Tage der Betriebsauflösung auf dem Gelände des heutigen Fachmarktzentrums an der B167. Loose war zu dieser Zeit Aufbauleiter des Biosphärenreservates Schorfheide-Chorin. Deren Verwaltung, heute in Angermünde, hatte ihren Sitz anfangs auf „Wildfang“.

Erhalt für künftige Ausstellungen der Biosphäre

Er hätte da etwas, das er eigentlich auch der Treuhand übergeben müsse, habe Ehrlich gesagt: das Relief aus dem Kultursaal. Üblicherweise wäre das abmontierte Werk wie alle Kunstobjekte der verflossenen Epoche ins Kunstarchiv Beeskow gekommen, dessen Depot heute 23.000 Arbeiten von DDR-Künstlern beherbergt. Ehrlich habe dies jedoch nicht gewollt, berichtet Loose. „Das gehört doch in die Biosphäre“, fand der Betriebschef. Er schlug vor, Herrmanns Arbeit für Ausstellungen aufzuheben.

Vom Kunstobjekt auf dem Dachboden weiß kaum jemand

Reimer Loose versprach, dafür zu sorgen, das Relief später wieder öffentlich zu zeigen. Die Verbindung zu der Kulturlandschaft und ihrer nachhaltigen Nutzung lag für ihn auf der Hand. „Und dann habe ich es ordentlich eingelagert, so dass keiner auch nur ein Teil mausen konnte“, erzählt der Ruheständler. „Es hat auch so gut wie niemand davon gewusst.“

Außer Honeckers Jagdhaus zwei weitere Lagerstätten

In Honeckers Jagdhaus blieb die Palette mit den Reliefteilen den größten Teil der drei Jahrzehnte. Erst als die Naturwacht, die dort noch ihren Stützpunkt hatte, 2012 ins frühere Bahnhofsgebäude in Groß Schönebeck zog, brachte Reimer Loose sie auf den nächsten Dachboden. Einige Jahre lagerte das Kunstobjekt in einem Gebäude der Bildungseinrichtung Buckow. Bevor sein Bewahrer es an die Gemeinde Schorfheide weiterreichte, befand es sich eine Zeitlang auch in Schulräumen in der Eberswalder Biesenthaler Straße.

Jetzt war die Zeit reif dafür

Warum es so lange gedauert hat, bis es wiederauftauchte? In Vergessenheit geraten sei es bei ihm nie, erklärt Loose. „In den ersten Jahren nach der Wende hatten die Menschen genug andere Sorgen“, war ihm klar. „Jetzt war die Zeit reif dafür.“
Das sieht auch Uwe Schoknecht so. „Die beiden Männer haben Weitblick bewiesen“, findet er. „Es ist wirklich ein schönes Objekt. Erst einmal ist es DDR-Kunstgeschichte – und dann natürlich auch ein Zeitzeugnis.“ Zu sehen sind auf den kupfergetriebenen Flächen unter anderem die längst nicht mehr existenten Silos von der Eierfabrik sowie das damalige Volksgut auf der anderen Straßenseite, das als Schlossgut nach langem Dornröschenschlaf derzeit zu einer Hotelanlage umgebaut wird.

Damals gab es um die 8000 Mark für die Arbeit

Natürlich habe er nicht noch einmal Geld für sein Kunstwerk bekommen, greift Eckhard Herrmann etwaigen Nachfragen vor. Damals dürfte es eine Summe von etwa 8000 Mark gewesen sein, schätzt er nach den noch erhaltenen Teilrechnungen.
Mit etwa 1000 Euro beziffert die Gemeinde lediglich den Aufwand für das Bauamt, die Voraussetzung zur Montage am neuen Ort zu schaffen. Nicht nur Schüler und Lehrer sehen es dort. In der Aula tagen auch Kommunalpolitiker. In pandemiefreien Zeiten finden öffentliche Veranstaltungen statt.

Das Original war größer

Hinter der Bühne in dem großen, luftigen und lichtreichen Saal wirkt das Relief wie ausgemessen für die Nische, in der es angebracht ist. Doch der Eindruck täuscht. „Das Original ist eigentlich vier Meter lang“, sagt der Künstler, die neue Version nur drei Meter. „Deswegen musste ich auch einige Dinge ändern.“ Manche Teile sind zusammengerückt, andere seitenverkehrt angeordnet.

Donnerkeile aus Rostow am Don

Einige Details haben für Herrmann bis heute einen persönlichen Bezug. Den Ziegelstein mit der Originalprägung „Steinfurth“, der für die vielen früheren Ziegeleien in der Region steht, fand er mal im Ort. Ein Mühlstein stammt aus Privatbesitz – Herrmanns Großvater war Mühlenbauer. Und dann sind da noch versteinerte Fossilien, wie er sie als Kind in den Kiesgruben fand. Nur bei den Donnerkeilen habe er ein wenig geschummelt, erzählt der Künstler. Die habe er in Wahrheit von einer Studienreise aus Rostow am Don mitgebracht.
Verschwunden sei keines seiner Werke aus der Vorwende-Ära. Abgesehen von der Spartakiade-Flamme, acht Reliefs, die vor der alten Schwimmhalle zu sehen waren. „Damit war ich aber schon zu DDR-Zeiten nicht glücklich“, sagt Eckhard Herrmann. Als sie nach der Sanierung des Sportzentrums Westend wieder angebracht werden sollten, habe er selbst Veto eingelegt.

Die meisten Arbeiten entstanden nach der Wende

Ohnehin seien die meisten seiner Arbeiten nach der Wende entstanden. „Die war eine richtige Befreiung für mich“, erklärt Herrmann. Flächige Arbeiten, Reliefs, schuf er keine mehr, wandte sich stattdessen der Metallplastik zu, die an der Burg Giebichenstein in Halle auch sein Studienfach war. Er gewann viele Wettbewerbe und ist als Metallbildhauer bis heute gefragt. Zur Zeit arbeitet Eckhard Herrmann im Auftrag der Stadt Arneburg (Sachsen-Anhalt) an Heinrich I., einem überlebensgroßen Denkmal für den ersten deutschen König.
In der Schule streicht der Künstler über das kupferne Gesicht der jungen Frau. Heute würde er es besser machen, glaubt er. Mit Techniken, die es lebendiger wirken lassen. „Es ist ein künstlerisches Zeitdokument“, sagt Herrmann. „Nicht weniger und nicht mehr.“