Eberswalder Stadtgeschichte
: Fassadenfüllende Verbeugung vor dem Wiederaufbau

Das Wandbild an dem der Eisenbahnstraße zugewandten Giebel des Mehrfamlienhauses in der Grabowstraße 34 a wird in diesem Sommer 60 Jahre alt. Und ist immer noch ein Blickfang.
Von
Sven Klamann
Eberswalde
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Blickfang seit bald 60 Jahren: Haus und Wandbild an der Eisenbahn-/Ecke Grabowstraße stammen von 1960.

Sven Klamann/MOZ

Die 121. Ausgabe des Fotorätsels Blick fürs Detail hat offenbar keine Mitspielerin und keinen Mitspieler überfordert. Alle Einsender haben den Ausschnitt vom sich bückenden Bauarbeiter, der in der Sonnabendausgabe zu sehen war, korrekt dem Wandbild zugeordnet, das zum WHG–Haus in der Grabowstraße 34 a gehört, aber von der Eisenbahnstraße aus zu sehen ist.

Die Auskünfte von Birgit Klitzke, Leiterin des Museums in Eberswalde, bleiben ungewöhnlich vage. „In unserem Haus gibt es zu dieser Graffito–Kunst keine Informationen“, schreibt sie. Und ist, wie sich später zeigen wird, dann doch auf der richtigen Spur, als sie folgende Vermutung äußert: „Es könnte sich dabei um ein Werk von Rudolf Grunemann aus den 1960er Jahren handeln und zeigt den Wiederaufbau der Stadt.“

Für Gewissheit über den Urheber des Wandbildes sorgt bald darauf ein Praktikant im Kreisarchiv Barnim, der den Jahresband 1960 der Tageszeitung Neuer Tag, des Vorgängers der Märkischen Oderzeitung, durchgesehen hat und am 15. Juli folgende Notiz fand: „Ein Sgraffito–Wandbild, nach einem Entwurf des Frankfurter Grafikers Grunemann, schmückt jetzt den Neubaugiebel Eisenbahn–, Ecke Grabowstraße“.

15 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges war in Eberswalde der Wiederaufbau im vollen Gange. Vor allem in den letzten Kriegstagen hatten der Artilleriebeschuss, vor allem aber die Fliegerangriffe und die dadurch entfachten Brände für eine Spur der Verwüstung in der Stadt gesorgt, die einem Trümmerfeld glich: 389 Häuser waren komplett zerstört, 106 Häuser wiesen größere, 315 Häuser mittlere und 1259 Häuser leichte Schäden auf.

Namhafter Künstler am Werk

Dass bei dieser Ausgangslage dennoch sogar Kunst am Bau verwirklicht wurde, ist bemerkenswert. Weshalb Rudolf Grunemann den Auftrag bekam, ist den Unterlagen nicht mehr zu entnehmen. Dafür hat die WHG–Mitarbeiterin Beate Blankenburg zahlreiche andere Schriftstücke gefunden — unter anderem ein Schreiben vom Rat des Kreises Eberswalde, der am 25. September 1958 mitteilt: „Hiermit bestätigen wir, dass das Gelände Eberswalde, Eisenbahnstr., Ecke Grabowstr., zum Aufbaugebiet erklärt wird. Die erforderlichen Vorarbeiten sind eingeleitet“.

Der Künstler, von dem der Entwurf für die Fassadengestaltung kam, war kein Unbekannter: Rudolf Grunemann, 1906 bis 1981, war ein Maler, Grafiker, Illustrator und Holzschneider mit Geburts–, Wohn– und Sterbeort Frankfurt (Oder), der mehr als 3000 Werke hinterlassen hat.

Die Arbeit für Eberswalde ist in Sgrafitto–Putztechnik gefertigt. Das Wort ist vom italienischen Verb sgraffiare oder graffiare abgeleitet, das sich mit kratzen übersetzen lässt. Farbkonstraste entstehen dadurch, dass teilweise Putzschichten entfernt werden. Besonders oft war Sgraffito im Böhmen und im Italien des 16. Jahrhunderts angewendet worden. Bis heute erlernen Stuckateure diese Fertigkeit.

„Dieses Haus und zwei weitere Blöcke waren Ruinen, wurden enttrümmert und wieder aufgebaut“, berichtet Ingrid Ploschenz, die noch Frauen Steine klopfen gesehen hat, da sie bis 1965 neben der Hirsch–Apotheke wohnte. Ihr hat Fortuna diesmal den Wochenpreis zugedacht.