Einzelhandel: Wer ist der bessere Kunde?
Jüngere Studien würden belegen, dass Fahrradfahrer öfter in die Stadtzentren kämen und vor allem in den kleineren, inhabergeführten Geschäften Geld ließen, erklärte etwa Ronald Benke, Vorstand des ADFC-Landesverbandes Brandenburg und Verkehrsplaner. Es seien also keineswegs nur die Autofahrer, die für Umsatz sorgen. In Großstädten funktionieren Fußgängerzonen doch auch, pflichtete ihm Frederic Bewer, Bürgermeister von Angermünde, bei. „Seien Sie mutig, probieren Sie es einfach mal aus“, rief er den Eberswaldern zu.
Früher hätte sie noch Parktaschen vor der Ladentür gehabt, den Verlust bedauere sie schmerzlich, erklärte indes Buchhändlerin Brigitte Puppe-Mahler. Manchmal habe sie sogar den Eindruck, die Kunden würden am liebsten „wie bei McDonald’s und dem dortigen ,Drive-in’ vorfahren und im Auto sitzenbleiben wollen“ für den Einkauf. Fakt sei, die Gesellschaft werde immer älter. Und viele Kunden könnten nicht (mehr) mit dem Rad fahren, seien aufs Auto angewiesen, warb Puppe-Mahler für beide Blickweisen und beide Zielgruppen. Ähnlich äußerte sich Tom Kräft. Auswärtige, so der Inhaber eines Modegeschäftes, seien auf eine entsprechende Infrastruktur angewiesen. Es brauche sowohl mehr Fahrradständer als auch Parkhäuser. Man müsse den Verkehr „als Gesamtheit sehen“, pflichtete Bäckermeister Björn Wiese bei, der in den vergangenen Jahren schon eine Zunahme des Radverkehrs feststellt hat. Einerseits wäre natürlich weniger Autoverkehr wünschenswert, mitunter könne sie kaum die Ladentür öffnen, so laut und stickig sei es, erklärte Schuhhändlerin Gaby Grimm. Andererseits höre sie von den Kunden stets Klagen über fehlende Parkplätze. Gleichzeitig plädierte die Geschäftsfrau für eine Reduzierung des Lieferverkehrs nach dänischem Vorbild.
Torsten Kleinteich befand: „In der Innenstadt gibt es einfach viel zu viele Autos.“ In der Vergangenheit seien einige Fehler in der Planung gemacht worden. Die Fahrbahn der Friedrich-Ebert-Straße im Bereich Einmündung Breite Straße sei viel zu großzügig bemessen. Dafür seien etwa die Bürgersteige im Bereich der Bushaltestellen am Markt zu eng. Dies müsste korrigiert werden. „Und wir müssen versuchen, den Durchgangsverkehr rauszunehmen.“ Die Stadt sollte „mutiger vorangehen“.
Dem widersprach die Abgeordnete Karen Oehler (Grüne) zum Teil: „Der größte Teil bei uns ist Ziel- und Quellverkehr.“ Der Durchgangsverkehr spiele eine untergeordnete Rolle. Im Übrigen sei stets zu berücksichtigen: „Wenn ich eine Straße entlaste, belaste ich eine andere.“ Ein weiteres wichtiges Thema sei die Frage der Barrierefreiheit. Auch die sei mit Aufenthaltsqualität für alle verbunden.
Der Stadtverordnete Götz Trieloff (FDP) gab zu bedenken: „Wir haben jetzt schon große Akzeptanzprobleme.“ Allein die Ausweisung eines Schutzstreifens für Radfahrer in der Heegermühler Straße habe für einen Riesen-Aufschrei gesorgt. Und anhaltenden Protest.
Frederic Bewer blieb hartnäckig: Das Auto müsse und sollte nicht der Maß der Dinge sein. Lastenräder und E-Bikes würden „völlig neue Entwicklungen und Möglichkeiten eröffnen“. Fahrrad und Einkauf gehören und passen zusammen, bekräftigte Ronald Benke. Untersuchungen zufolge seien die Radfahrer als Kunden deutlich treuer. Und stärken eben den lokalen Einzelhandel, während es die Autofahrer nach wie vor verstärkt auf die grüne Wiese zieht. Letztlich müsse natürlich jede Kommune für sich entscheiden: „Wollen wir dem Blech immer mehr Raum geben?“, so Bewer.
Stadt erarbeitet Mobilitätsplan
Eberswaldes Baudezernentin Anne Fellner verwies darauf, dass die Stadt gerade ein Mobilitätskonzept, den Mobilitätsplan 2030+, erarbeitet. Dabei ginge es genau um diese Fragen: „In welcher Stadt wollen wir leben?“ Wie soll der Verkehr organisiert werden? Wie viel Raum soll welchem Sektor eingeräumt werden? Wie kann die Verkehrswende gelingen? Eberswalde sei Gründungsmitglied der Arbeitsgemeinschaft Fahrradfreundliche Kommunen in Brandenburg. Und gehe durchaus mit mutigen Beispielen voran. Fellner nannte etwa den Zebrastreifen in der Friedrich-Ebert-Straße. Gleichzeitig bestätigte sie: „Der Einzelhandel steht vor großen Transformationsprozessen. Aber er gehört unbedingt, neben der Gastronomie, zu einer lebendigen Innenstadt.“ Deshalb sei er zu fördern.
In der Runde war von der wachsenden Konkurrenz durchs Internet die Rede, von Online-Händlern, die den Geschäftsleuten vor Ort das Leben schwer machen, von bequemen Kunden, vom anhaltenden Laden-Leerstand in Eberswalde, vom Wunsch nach mehr öffentlichen Personennahverkehr, der Verbindung zum Finowkanal. Eine kontroverse und gleichzeitig konstruktive Debatte. Ohne die eine Lösung, aber mit einigen Lösungsansätzen und Anregungen zum Nachdenken. Für Händler und Kunden.
Innenstadtkonferenz am 27. April
Eberswalde bewegt sich – unter diesem Motto lädt die Stadt am 27. April von 12 bis 14 Uhr in der Rathauspassage zur 1. Innenstadtkonferenz ein. Auf dem Programm stehen zwei Gastvorträge: VR-Easy (Digitale Stadtpräsentation) von Waldemar Wegner und Lozuka (Regionaler Online-Handel) von Patrick Schulte. In der folgenden offenen Diskussion geht es u. a. auch um Leerstand und Gastronomie. Dazu gibt es eine kulinarische Tafel. Willkommen sind neben Gewerbetreibenden u. a. auch Kulturakteure sowie Anlieger. ⇥vp

