Hinter Nebelschwaden taucht der Wegweiser nach Bralitz in der Dunkelheit auf. Der knapp 600 Einwohner große Ortsteil von Bad Freienwalde, im Nirgendwo zwischen Barnim und Märkisch-Oderland, ist ein Schauplatz für Mord und Totschlag. Vielleicht der ideale Schauplatz. Gespenstisch ragt der Turm, der für den kleinen Ort etwas zu groß erscheinenden neugotischen Kirche in den Nachthimmel. Vor dem Eingang sind kleine Bildschirme an Stativen befestigt. An der Mauer des Kirchhofes stehen fünf Lkw. Ein paar Zaungäste haben sich eingefunden und verfolgen das Geschehen hinter der Mauer.
Eine Frau und ein alter Mann an Krücken laufen an einer Grabreihe entlang. Ihre Unterhaltung ist gut zu verstehen, denn im Dorf ist es so still, dass das entfernte  Hundegebell fast störend wirkt. Paul heißt der Mann an der Technik, der über seine Kopfhörer jedes noch so kleine Geräusch wahrnimmt. Auch das leise Grummeln ganz weit oben über Bralitz. "Wir haben einen Flieger", sagt er. Der sei aber weniger problematisch als der Dieselmotor, der in der Nähe läuft. Erst als er abgestellt ist, kann die Szene erneut gedreht werden.
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Nach Bibi ein Thriller
Der Kirchhof und auch das Gotteshaus selbst gehören zum Set eines Films. "Wir können nicht anders" wird das Werk von Schauspieler und Regisseur Detlev Buck heißen, der schon den gesamten Dezember in der Region dreht. Viele Szenen sind im nahen Oderberg entstanden. Auf dem Markt wurde gefilmt und in der Angermünder Straße. 24 Drehtage. Am letzten darf die Märkische Oderzeitung dabei sein. In einem Jahr etwa werden die Szenen auf der Kinoleinwand laufen, etwas später voraussichtlich im ZDF. Budget: 2,6 Millionen Euro. Kostja Ullmann und die Musikerin Alli Neumann sind als Schauspieler mit dabei, genauso wie Sophia Thomalla oder Peter Kurth (Babylon Berlin). "Und Herr Buck spielt, wie Sie sehen, auch selbst mit", sagt Produzentin Sonja Schmitt, die uns am Eingang zum Kirchhof empfängt.
Tatsächlich. Der Alte an den Krücken, der mit Vollbart und weißem Haar aus der Ferne ein wenig an Heidis Großvater erinnert, ist Buck. Licht und Kameras sind auf den 57-Jährigen und die 45-jährige Schauspielerin Anika Mauer gerichtet. Eine Tonangel über ihren Köpfen fängt den Dialog ein. Nach mehreren Versuchen ist Buck zufrieden und hat kurz Zeit für ein Pressegespräch.
Worum es geht in seinem Film? "In erster Linie geht es um Eifersucht", erzählt Buck. Doch es sei sehr komplex. Die Szenerie vertraut. Ähnlich wie in seinem Film "Wir können auch anders" von 1993 ist es eine Reise aufs Land.  Edda (Alli Neumann) und Sam (Kostja Ullmann) fahren in einem Campingbus zur Geburtstagsfeier von Eddas Vater Sigi und geraten in ein Eifersuchtsdrama, das nicht nur wegen Samuels Versuch zu schlichten eskaliert und auch Opfer fordert. "Eigentlich ein Thriller", sagt Buck gefragt nach dem Genre. "Aber mit Humor. Sonst kann ich das gar nicht. Zu viel Spannung ist gar nicht gut."
Buck, der in der Region auch "Bibi und Tina" gedreht hat, spielt den gehandicapten Bürgermeister von Friedberg, wie der Ort im Film heißen wird. Die Landschaft spiele eine große Rolle im Film, sagt der Regisseur. Eine Landschaft, die er selbst außerhalb der Drehzeiten, kaum genießen kann. "Um 6.30 Uhr aus dem Hotel. Beim Frühstück wird es langsam hell, und im Dunkeln geht es wieder zurück ins Hotel", beschreibt der Filmemacher. "Bei einem Glas Rotwein oder einem Eichhörnchentod  wird dann der nächste Tag besprochen."
Socken für Thomalla
Eichhörnchentod – das ist die Umschreibung für einen Haselnussschnaps, wie er Buck in Oderberg kredenzt wurde. Für Sophia Thomalla gab es Socken. Der Filmemacher erzählt auch von einem Mädchen aus Oderberg, das die Darstellerin gefragt hatte, was sie sich zu Weihnachten wünsche. Thomallas Antwort: Socken. Bald darauf kam das Mädchen erneut zum Dreh und schenkte ihr welche. Ein Zeichen dafür, wie das Filmteam in der Region aufgenommen wurde. Sehr geduldig und auch neugierig seien alle gewesen. "Jeder Film trägt zur Belebung bei", sagt Buck.
Auch im Klingelbeutel. Und so stört es Jürgen Borngräber vom Gemeindekirchenrat nicht, dass im 1889/90 erbauten Gotteshaus von Bralitz gedreht wird. "Die Region wird dadurch vielleicht bekannter", sagt er als Beobachter am Set. Eberhard Krispin, 92, Pfarrer im Ruhestand, wird später in einer Szene in der Kirche mitspielen. "Ich hab nüscht zu sagen. Nur dastehen und freundlich lächeln", sagt er. Allerdings wird es noch eine Weile dauern, bis die Szene gedreht wird. Kurz nach 20 Uhr filmt Detlev Buck zunächst das Glockengeläut. Dann wird der Crew die "Mittagspause" verkündet. Wenig später ist das zwischen 50 und 60 Mitarbeiter starke Team plötzlich vom Drehort verschwunden.
Belebt bleibt Bralitz an diesem Abend trotzdem. Nicht weit von der Kirche entfernt sitzen 70 Kleindarsteller seit 17 Uhr im Gemeindehaus und warten auf ihren Einsatz zur letzten Klappe. Viele kommen aus der Region. Genervt ist niemand. So ein Dreh sei spannend, jede Stunde des Wartens bezahlt, und dann ist da schließlich noch Detlev Buck. "So ein sympathischer Mann", sagt die 67-jährige Traute Selent aus Golzow. Sie ist Teil einer Runde von Seniorinnen, die schon in einer anderen Szene ihren Auftritt hatte. Zu Ende gehen wird ihr Arbeitstag gegen 1 Uhr in der Nacht. Dann ist die letzte Szene von "Wir können nicht anders" im Kasten – und Bralitz darf vom Filmstart träumen.