Gesundheit in Eberswalde
: Chronische Schmerzen – wie Nina Kaiser anderen helfen möchte

Nina Kaiser ist seit einer Rücken-OP 2019 teilweise gelähmt, sie sitzt im Rollstuhl. Den Beruf als Krankenschwester musste sie an den Nagel hängen. Dennoch will die Eberswalderin anderen Betroffenen Mut machen.
Von
Viola Petersson
Eberswalde
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Leidet seit 2019 an Rücken- und Nervenschmerzen: Nina Kaiser. Seither ist sie auf den Rollstuhl angewiesen. Der ihr aber, so sagt die 40-Jährige, ein Stück Freiheit zurückgegeben hat.

Viola Petersson

Etwa jeder sechste Deutsche leidet Erhebungen der Fachgesellschaft zufolge an chronischen Schmerzen. In Eberswalde wären dies immerhin rund 7000 Bürger. Die 40-jährige Nina Kaiser ist eine von ihnen. Seit einer Not-OP am Rücken 2019 ist Schmerz ihr ständiger Begleiter. Aufgrund einer partiellen Lähmung infolge des Eingriffs sitzt die frühere Krankenschwester überdies im Rollstuhl. Trotz ihrer permanenten Schmerzen und der Odyssee, die hinter ihr liegt, Nina Kaiser hat nicht verzagt. Im Gegenteil: Sie will ihre Erfahrungen teilen und hat deshalb jetzt – mit Unterstützung der entsprechenden hiesigen Kontaktstelle – eine Selbsthilfegruppe Chronischer Schmerz in Eberswalde gegründet.

Ihre Geschichte: Aufgrund massiver Rückenprobleme, die bereits zu neurologischen Ausfällen geführt hatten, musste sich Kaiser – damals noch in Bayern lebend – einer Not-OP unterziehen. Mit allen Risiken. Dabei sei das Rückenmark schwer verletzt worden. Seitdem leide sie an chronischen Schmerzen und ist auf den Rollstuhl angewiesen. Denn Laufen sei nicht mehr möglich, erzählt die heute 40-Jährige, ohne dass dies (an-)klagend klingt.

Schmerzlicher Abschied vom Berufsleben

Es folgten Reha, kleine Fortschritte, ein Aufenthalt in der Schmerzklinik in Eberswalde, wohin Kaiser 2021 umgezogen war, Therapien, die bis heute andauern. Und die zwischenzeitliche Hoffnung, doch wieder arbeiten zu können. In einem Bürojob. Nach weiteren Komplikationen und Einschränkungen an einer Hand habe sich allerdings auch diese Hoffnung zerschlagen. Kaiser hat inzwischen Pflegegrad 3, seit einem Jahr ist sie Früh-Rentnerin, bezieht volle Erwerbsminderungsrente. Zwei Mal täglich kommt der ambulante Pflegedienst, übernimmt pflegerische Leistungen und hilft bei der Hauswirtschaft. Und im Dezember wurde zudem Eingliederungshilfe bewilligt, die ihr unter anderem Mobilitätstraining mit ihrem elektrischen Rollstuhl ermöglicht.

Neue Räume: Nach dem Umbau der früheren Schlaganfallstation, der Stroke Unit, hat die Schmerz-Tagesklinik jetzt dort ihr Domizil. Hier der große Gruppenraum mit Patienten in einer Therapiepause.

Thomas Burckhardt

Versuch mit Cannabis zeigte keine Wirkung

Im Laufe der gut vier Jahre habe sie die verschiedensten Medikamente und Therapien „ausprobiert“, sagt Kaiser. Strom in Form eines sogenannten TENS-Gerätes, Atemtechniken, Meditation, Maltherapie, Physio oder Ergotherapie. Nicht alles hat Linderung gebracht. „Was hilft, ist sehr individuell“, weiß Kaiser, die vor ihrer Erkrankung 16 Jahre lang als Krankenschwester gearbeitet hat. „Bei mir war und ist es eine Kombination aus Atemübungen, Stufenlagerung und Schreiben.“ Schreiben heißt: Tagebuch führen und sich der Kalligraphie widmen. Das Fokussieren aufs schöne Schreiben verändere die Wahrnehmung. Die Schmerzen, so sagt die Wahl-Eberswalderin, treten temporär in den Hintergrund. An guten Tagen erreiche sie heute – auf einer Schmerzskala von null bis zehn – eine Intensität zwischen drei und fünf. An schlechten eine sieben oder acht. Früher waren es ständig zwischen fünf und zehn. „Also schon eine Verbesserung“, sagt Kaiser.

Zu danken sei dies auch der medikamentösen Therapie. Dazu gehöre unter anderem Morphium, das bei „mir gut anschlägt“ und wirkt. Im Gegensatz zu Cannabis. Der Therapieversuch damit sei nicht erfolgreich gewesen, erzählt Nina Kaiser. Freilich: Die Medikamente haben auch ihre Nebenwirkungen. Die Betroffene zählt etwa Konzentrationsschwierigkeiten, Müdigkeit, Schlafprobleme und Gewichtszunahme auf. Die schmerzmedizinische Behandlung sei durch die Schmerzambulanz am Werner-Forßmann-Krankenhaus gesichert. Unter Leitung von Dr. Kortina Lück, wo sich die Patientin gut aufgehoben fühlt.

Entscheidend aber sei der eigene Umgang mit der Krankheit und den Schmerzen. „Je mehr Sicherheit man gewinnt, desto mehr stabilisiert sich die Situation.“ Natürlich habe auch sie während des mehr als vierjährigen Leidensweges depressive Phasen gehabt, gesteht Kaiser. Der „Tiefpunkt“ sei gewesen, als auch noch ihre Hand „ausfiel“. Ein Gefühl, „wieder von vorne anzufangen“. Total zurückgeworfen zu sein. Mit der Unterstützung ihrer Familie, von Freunden und Bekannten habe sie dieses Tal überwunden. Und sie habe sich immer wieder Ziele gesetzt. Die offenbar, so machen die Schilderungen von Nina Kaiser deutlich, der Schlüssel zu mehr Lebensqualität, mehr Autonomie für sie sind. „Dinge machen zu können“, das gebe ihr Kraft. Zuerst habe sie wieder ein Ehrenamt übernommen: in der Senioren-WG im Haus Schorfheidestraße 34, wo sie wohnt, eine Art Besuchsdienst und – wenn nötig – Sterbebegleitung. Als Krankenschwester hatte sie vor Jahren eine palliative Zusatzausbildung absolviert. Und nun die Bildung der Selbsthilfegruppe.

Keine Jammer-Runde

„Das soll keine Jammer-Runde sein“, stellt die 40-Jährige sogleich mit einem Lachen klar. Vielmehr wolle sie anderen Betroffenen Mut machen. Und es ginge um Austausch. Austausch von Erfahrungen und Informationen. Vor allem zur sozialen und medizinischen Infrastruktur in Eberswalde. „Als ich vor drei Jahren nach Eberswalde kam, kannte ich niemanden.“ Eine barrierefreie Wohnung, ambulante Fachärzte finden, Antragstellung bei den Behörden, bei all dem war sie zunächst auf sich allein gestellt. Kaiser spricht von einem vermeintlichen „Versorgungsloch“. Doch nach und nach habe sie festgestellt, dass „eigentlich fast alles da ist, was es braucht“. Bis hin etwa zur Wohnraumberatung durch den Pflegestützpunkt Barnim im Paul-Wunderlich-Haus oder zur Kontakt- und Beratungsstelle für Selbsthilfe im Barnim unter Leitung von Petra May.

Heute sei sie gut versorgt. „180 Grad anders“ als nach der Not-OP mit dem Ergebnis Rückenmarksverletzung und der Diagnose Chronische Schmerzen. „Damals habe ich mich sehr hilflos gefühlt“, beschreibt sie in der Rückschau den Moment des Schocks. Inzwischen habe sie jedoch praktisch den „Mount Everest bestiegen“. So fühle sich der Fortschritt zumindest an. Wobei sie noch nicht ganz den Gipfel erklommen habe. „Ich habe noch Ziele“, sagt die 40-Jährige selbstbewusst und stets Zuversicht erstrahlend.

Schmerz-Tagesklinik Eberswalde

- Haus- und Fachärzte können Schmerzpatienten ab sofort direkt in die Schmerz-Tagesklinik einweisen, so Oberärztin Dr. Kortina Lück. Terminvereinbarungen zum Vorgespräch für die Patienten sind unter Tel. 03334 691246 möglich.

- Voraussetzung für die Aufnahme sind bestimmte Kriterien, die auf der Webseite der Klinik zu finden sind. Dazu gehören etwa chronische Schmerzen des Bewegungsapparates mit hoher Schmerzintensität, gravierende somatische Begleiterkrankungen sowie manifeste oder drohende Beeinträchtigung der Lebensqualität und/oder der Arbeitsfähigkeit.

Mit Blick auf den Bedarf, der weiter wachsen dürfte, will das Werner-Forßmann-Krankenhaus die Kapazität der Tagesklinik für Schmerztherapie verdoppeln. Statt acht sollen ab Herbst 16 Plätze zur Verfügung stehen, erklärt Dr. Kortina Lück, die die Schmerzklinik in Eberswalde aufgebaut hat und leitet. 2018 war die Klinik eröffnet worden, seit 2019 ergänzt eine Ambulanz das Angebot. Ende Januar hat die Tagesklinik neue Räume bezogen. Die frühere Stroke Unit war für die Schmerzklinik umgebaut worden. Die vierwöchige multimodale Schmerztherapie umfasst unter anderem Psycho- und Ernährungstherapie, aber auch Biofeedback, Qigong und Stoßwellentherapie, nennt Dr. Lück einige Besonderheiten. Überdies gebe es eine Kooperation mit der Reha-Klinik in Wolletz, wo die Patienten einen Tag in der Woche verbringen, und zwar mit den unterschiedlichsten Bewegungs- und Entspannungstherapien.

Teil der multimodalen Schmerztherapie in Eberswalde: die Stoßwellentherapie. Sie kommt zum Beispiel bei Fersensporn, Kalkschulter oder Tennisarm zur Anwendung.

Thomas Burkchardt

Neben Schmerzen, die das Muskel-/Skelettsystem und die Gelenke betreffen, würden in der Klinik vor allem auch Kopfschmerzen, Fibromyalgie sowie mitunter Phantomschmerz eine Rolle spielen. Die Eberswalder Klinik sei die einzige im ganzen Nordosten Brandenburgs. Vergleichbare Angebote gebe es allein in Sommerfeld (Oberhavel), Strausberg (Märkisch-Oderland) sowie Berlin. Mit zum Teil sehr langen Wartezeiten, „in denen sich der Schmerz leider weiter chronifiziert“, so die Expertin. Einmal im Monat lädt sie zudem Haus- und Fachärzte zu einer interdisziplinären Schmerzkonferenz ein, um Patienten vorzustellen und einzelne, teils komplizierte Fälle zu besprechen.

Nächster Treff der Selbsthilfegruppe: 18. April, 15.30 Uhr, in der Bahnhofstraße 20; ab 2. Mai dann 14-täglich, 15.30 Uhr, im Bürgerzentrum Schorfheidestraße 13

Leitet die Abteilung für Schmerztherapie am „Forßmann“: Dr. Kortina Lück. Sie bildet auch künftige Schmerzmediziner aus.

Thomas Burckhardt

Chronischer Schmerz – Zahlen und Fakten

- Ob Rücken-, Kopf-, Nerven- oder Tumorschmerz - laut Deutscher Schmerzgesellschaft lebt in jedem dritten Haushalt ein Mensch, der unter Schmerzen leidet. Etwa 17 Prozent aller Deutschen sind von lang anhaltenden, chronischen Schmerzen betroffen. Also mehr als 12 Millionen Menschen. Durchschnittlich dauert ihre Leidensgeschichte sieben Jahre, bei mehr als 20 Prozent sogar über 20 Jahre.

- Bei mehr als der Hälfte der Betroffenen dauert es mehr als zwei Jahre, bis sie eine wirksame Schmerzbehandlung erhalten. Und nur ein Zehntel aller Patienten mit chornischen Schmerzen werden überhaupt einem Spezialisten vorgestellt.

- Die Betroffenen leiden der Fachgesellschaft zufolge nicht nur unter dem Dauerschmerz an sich, sondern vielfach auch unter unter den zunehmenden körperlichen Einschränkungen im Alltag. Die wiederum häufig mit depressiver Stimmung, Ängsten sowie Schlafstörungen einhergehen.

- Chronische Schmerzen verursachen zudem hohe Kosten fürs Gesundheitssystem und die Gesellschaft. Die Rede ist von geschätzten 38 Milliarden Euro jährlich. Davon entfielen etwa zehn Milliarden Euro auf die reinen Behandlungskosten. Den Löwenanteil aber machen Krankengeld, Arbeitsausfall und Frühberentung aus.