Gewerkschaftsaktion: Rote Protest-Zeichen auf Eberswalder Fußwegen

Gesprächsbereit: Evelyn Berger und Jens Gröger
Andrea LinneUm Arbeitnehmer und Gewerkschafter dennoch auf die richtige Spur zu locken, planen die Barnimer, den Protestzug, der sonst vom Karl-Marx-Platz bis zum Eberswalder Markt führt, symbolisch zu kennzeichnen. Dazu sollen große, rote Losungen den Weg weisen, die aufgesprüht und später vom Regen weggewaschen werden können. Die Anträge dazu hat die Gewerkschaft schon gestellt. „So kann jeder als Spaziergänger den Weg nachgehen und sehen, dass es uns gibt“, ermuntert die 53-Jährige zur Feiertagsrunde durch die Kreisstadt.
Im Livestream ab 11 Uhr gibt es unter www.dgb.de/erstermai die eigentliche Demonstration, die mit Einspielern, Solidaritätsbekundungen und Botschaften aus ganz Deutschland gespickt ist. Auch Talks, Interviews und Musik sowie Comedy untermalen das Programm, das zudem interaktive Aufforderungen zum Mitdiskutieren enthalten soll. Denn die Situation ist besonders: „Seit 1949 mit der Gründung des Deutschen Gewerkschaftsbundes ist noch nie eine 1.-Mai-Kundgebung ausgefallen“, sagt Evelyn Berger.
Die Themen sind aktuell: Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, Kurzarbeitergeld, Mindestlohn, Mindestausbildungsvergütung, Urlaubs- und Weihnachtsgeld, Lohn- und Gehaltserhöhungen. Die Ängste um Arbeitsplätze seien täglich zu spüren. Auch die Sorge, dass Kostenersparnisse bei Firmen durch Kurzarbeit und angeblich nicht nötige Auszubildende nach der Corona-Zeit dauerhaft bleiben könnten. Der Druck, die verloren gegangene Dividende wieder einzufahren, verführe vielleicht. „Wir sind täglich am Telefon und hören von den Sorgen der Mitglieder“, macht Jens Gröger deutlich. Zwar sei in Bezug auf Tarifverhandlungen – zum Beispiel für den Öffentlichen Personen- und Nahverkehr im Land Brandenburg – aktuell etwas Zurückhaltung angesagt, aber der Tarifvertrag Nahverkehr wurde zum 30. Juni gekündigt und muss neu verhandelt werden. Da die Busgesellschaften zurzeit viele Sorgen hätten, lasse sich die Gewerkschaft dafür Zeit. „Wir müssen aber ran an die Gehälter, sonst wandern uns die Busfahrer nach Berlin ab“, macht der Geschäftsführer deutlich.
Solidargedanken beleuchten
Heftige Kritik, so Berger, gibt es auch an der Verlängerung des Arbeitszeitgesetzes. Im Handel würden Beschäftigte aktuell am Limit arbeiten. Zwölf Stunden täglich und die Öffnung der Sonntagsklausel brächte viele kräftemäßig an die Grenze des Machbaren. Und doch würden, so Evelyn Berger, sogar im Handel einige Ketten über Kurzarbeit nachdenken. „Wir müssen jetzt sehr genau aufpassen, dass Arbeitgeber das nicht ausnutzen“, so die engagierte Gewerkschaftsfrau. Auch der Solidargedanke, der jetzt gerühmt werde, sei zu beleuchten, wenn es um die Bezahlung von Pflegekräften und Einzelhandelsbeschäftigten, Busfahrern oder vielen anderen Berufsgruppen geht, die jetzt am meisten von allen gebraucht würden. Auch viele Metallbetriebe, darunter Kranbau Eberswalde und Rote Erde, würden aktuell über Kurzarbeit sprechen. „Bei der schlechten Bezahlung vieler in Brandenburg rutschen Arbeitnehmer schnell an die Armutsgrenze mit dem Kurzarbeitergeld“, warnt Evelyn Berger. Von Solo-Selbständigen und Berufsgruppen, die bisher keine Unterstützung erhalten haben, gar nicht zu reden. „Das alles müssen wir bedenken, wenn wir über Aufstockung von Kurzarbeitergeld oder Hilfen reden“, setzt sie nach. „Da sind wir noch nicht am Ende der Fahnenstange.“
Ein ganz anderes Problem sieht sie in den Ausbildungsplätzen vieler Betriebe. Viele Firmen bildeten aktuell nicht mehr aus oder hielten sich mit Stellenausschreibungen zurück. Es klaffe eine Lücke zwischen Nachfrage und Bedarf, obwohl die Situation vor Corona noch umgekehrt gewesen sei.
Auch der Schutz der Azubis vor dem Kurzarbeiter-Status werde aufgeweicht. „Wir müssen dagegen kämpfen, dass wir hier große Rückschritte im Berufsbildungsgesetz für Auszubildende hinnehmen müssen. Oder wieder Jugendliche haben, die massenhaft keinen Ausbildungsplatz finden“, macht Gröger im Zuge der Corona-Krise deutlich. Umso wichtiger sei es, auch am 1. Mai Flagge zu zeigen – ob auf Marktplätzen oder am heimischen Balkon.
Info: Die Telefonberatung bei Ver.di ist wochentags von 8 bis 18 Uhr unter Tel. 03334 58590 oder unter per E-Mail jens.groeger@verdi.de zu erreichen. Das Gewerkschaftshaus in Eberswalde hat weiter geschlossen.