Die hatte es sich zur Aufgabe gemacht, 14- bis 17-jährige jüdische Jugendliche auf die Ausreise nach Palästina vorzubereiten und dafür mit dem nötigen beruflichen Rüstzeug auszustatten. Es gab sie in den 1930er-Jahren an vielen Orten Deutschlands. 13 Standorte sind allein in Brandenburg vermerkt. Der sogenannte Hof Wecker in Rüdnitz zum Beispiel beherbergte nachweislich bis zu 60 Personen um 1934/35. Die Ausbildung dort bot die Chance, das faschistische Deutschland zu verlassen. Insgesamt konnten sich zwischen 1933 und 1941 mehr als 66 500 Menschen durch Berufsausbildung auf die erzwungene Emigration vorbereiten. Die Alija, wie es heißt, war die Vorbereitung zum Aufstieg nach Palästina.
Mit einer Ausstellung, die am Sonntag um 14 Uhr im Eberswalder Familiengarten - durch die Corona-Zeit verzögert – eröffnet wird, wird dieser jüdischen und europäischen Geschichte nachgegangen. Nachdem "Chawerim – Jüdische Selbstorganisation, Widerständigkeit und die Hachschara-Bewegung", so der Titel der Ausstellung, schon in Potsdam zu sehen war, kommt sie nun in den Barnim. Zur Eröffnung haben sich einige Politiker und Vertreter von Institutionen angesagt.
Eine Ausbildung der Jugendlichen, die gemeinsam auf Höfen und in Gemeinschaftsunterkünften lebten, dauerte in der Regel zwei Jahre für landwirtschaftliche, gärtnerische oder hauswirtschaftliche Berufe. Eine handwerkliche Ausbildung wurde mit drei Jahren angesetzt. Ziel sollte sein, die jungen Menschen in Palästina auf eine Zukunft vorzubereiten, die arbeitsreich und zielgerichtet für die Gemeinschaft sein sollte. 1934 zählte die Chaluz (auf Deutsch Pionier) 15 000 Mitglieder, davon 3500 Hachschara-Teilnehmer. 32 Einrichtungen sind deutschlandweit vermerkt.
Das Gut Rüdnitz an der Bahnlinie Berlin–Eberswalde war das erste Vorbereitungszentrum für die Aliyah-Jugendlichen. Es folgten unter anderem Ahrensdorf bei Trebbin, Schiebinchen (Sommerfeld/Niederlausitz), Polenzwerder bei Eberswalde, Gut Winkel bei Fürstenwalde, Kibbuz Rissen bei Hamburg, Kibbuz Jägerlust bei Flensburg, Gehringshof bei Fulda. Auch in Berlin gab es Einrichtungen, ebenso in Köln. Die ideologische Grundlage für dieses Programm war der Zionismus, der von zwei großen Dachverbänden, dem Hechaluz und Bachad, mit Leben erfüllt wurde.
Michael Guttmann hat die Bewegung untersucht und seine Forschungsergebnisse aufgeschrieben. Der Rüdnitzer war vor einigen Jahren im Israel-Urlaub von Hans-Josef Ehrlich, geboren am 13. September 1921, angesprochen worden. Ehrlich konnte sich gut an die Hachschara in Rüdnitz erinnern. Als Offizier in Israel änderte er auf Weisung Ben Gurions seinen Namen in Joske Ereli. Später, im Kibbuz En Gedi am Toten Meer, lebte Ereli und wurde später sogar Fremdenverkehrsdirektor. Der deutsch-stämmige Jude erwarb sich Verdienste in der Verständigung von Deutschen und Juden. 2009 wurde er mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Eine von vielen Geschichten, die es zu bewahren gilt.
Er konnte auch darüber berichten, wie die Auswanderungswilligen lernten, jüdische Feste feierten und die Geschichte studierten. Es war die Vorbereitung auf ein Leben und Arbeiten im Kollektiv, denn in den Kubuzzim fand die Bewegung ihre praktische Fortsetzung vor Ort in Palästina. Handwerker oder Bauern waren dort willkommen. Überliefert ist für Rüdnitz, das berichtet der Ortschronist, dass Paul-Egon Israel Schlesinger die Aufsicht hielt. Er gehörte zur Jewish Agency for Palästina in Berlin.
Gedenkstein erinnert
Bei den Bauern im Dorf wurde geholfen und gelernt, heute erinnert ein Gedenkstein im Ort an dieses Kapitel der Ortsgeschichte. In der Ausbildung lernten die Jugendlichen, weiß Rainer Staude zu berichten, auch Hebräisch. Es wurde beisammen gesessen und laut diskutiert. Erst mit Einreisezertifikat gelang den meisten später die Ausreise aus Deutschland. Übergangsweise wurde auch Station in verschiedenen europäischen Ländern wie Schweden oder in Übersee gemacht.
Nicht allen Jugendlichen gelang die Flucht. Viele sahen ihre Familien nie wieder. 1941 machte die SS aus den Hachschara-Einrichtungen Sammelzentren für die Deportation der Menschen in Konzentrationslager.
Info: Für Sonntag muss man sich unter info@buergerstiftung-barnim.de anmelden. Die Exposition läuft bis zum 5. September zu den Öffnungszeiten des Familiengartens, Am Alten Walzwerk 1.