Eigene Songtexte, Raps und Drehbücher zu schreiben gehört nicht zu jedermanns Alltag dazu – noch hat ein jeder auch das Talent dafür. Die neun Mädchen aus der Theatergruppe „Theater im Walde“ haben einen Ort gefunden, wo sie sich sicher fühlen. Sie kommen alle aus den unterschiedlichsten Haushalten und haben alle eine andere Geschichte oder Probleme, mit denen sie sich rumschlagen müssen.
Mehrmals die Woche proben sie im Exil – an dem einen Ort, wo sie all das ausdrücken können und sagen dürfen, was ihnen woanders schwerfällt. Keiner lacht den anderen aus, geschweige denn wird jemand zu etwas gedrängt, wozu man sich nicht bereit fühlt. Unter dem wachsamen Auge von Swantje Henke blühen die vier deutschen und fünf syrischen Mädchen in ihren Rollen auf. Jeder hat sein ganz eigenes Talent oder es wird so lange ausprobiert, bis jedes der Mädchen ein Projekt vor Augen hat.

Über Mobbing, Ausgrenzung und Kriminalität wird gesprochen

Die meisten sind zwischen zehn und dreizehn Jahre alt und haben bereits einiges erlebt. Sie verarbeiten ihre Gefühle und Gedanken mittels Texte oder Szenen. Themen wie Mobbing, Ausgrenzung oder Kriminalität gehören mit dazu und erschrecken den ein oder anderen Zuhörer im ersten Moment. Vor allem, wenn man davon liest, wie eine Elfjährige ganz trocken mit dem Tod in ihren Songtext umgeht. Man fragt sich, wie ihre Geschichten aussehen und wie man ihnen helfen kann.
Seit 2015 stellen Swantje Henke und ihr Partner Justin Evans regelmäßig Projekte mithilfe von Fördergeldern auf die Beine, wo Mädchen und Jungen zusammenkommen, um von ihrer Lebensrealität zu berichten. Mittels verschiedener Darstellungsformen wie Musik, Film, Schauspiel oder Fotografie erzählt jeder von ihnen eine andere Geschichte aus dem Alltag oder Themen, die sie bewegen. Oftmals wechseln sie untereinander ihre Rollen miteinander aus, ganz nach dem Prinzip von Augusto Boal. Ziel ist, dass jeder von ihnen ein Gefühl dafür bekommt, was es heißt, in der Haut von jemand anderes zu stecken. Vor allem Mobbingszenen gehen den Mädchen nahe. Sich vorzustellen, wie man selbst mit einmal ausgegrenzt wird, ist ein herausforderndes Erlebnis.
Für ihre Schützlinge ist Henke kein Weg zu weit – und das wortwörtlich. „Ich spiele gerne Shuttle-Service, wenn ich weiß, dass sie dann auch wenigstens hier ankommen“, sagt sie mit einem verschmitzten Lachen. Für viele Mädchen ist es schwierig, die Erlaubnis von Eltern zu bekommen, alleine den Bus oder Zug zu nehmen. Vor allem im Winter, wo es schneller dunkel wird. Für einige bietet aber auch der kulturelle Unterschied bereits eine Hürde, überhaupt an den Proben teilnehmen zu dürfen. „Das ist fast schon eine 50/50-Chance.“ Trotzdem kämpft sie weiterhin, dass alle kommen können.
Neun Monate geht eine Projektphase und dann tourt die Gruppe durch Städte wie Eberswalde, Berlin, Angermünde oder Oderberg. Je nachdem, wo die Kinder wohnen. „Wir spielen immer da, wo auch die Kinder herkommen.“ Was als Patinnenprojekt für syrische Mädchen begonnen hat, ist zu einem Wohlfühlort unterschiedlichster Charaktere geworden.

Sprachtalente und zukünftige Drehbuchautoren

Manche von ihnen kommen bereits seit Jahren. Am längsten dabei ist Lisa. Seitdem sie sechs ist, nimmt sie jedes Jahr wieder teil und erzählt voller Stolz, dass sie bald elf wird. Sie übt noch fleißig für ihren großen Auftritt am Sonntag, wo sie ihren selbst geschriebenen Song präsentieren darf. Es werden dann Lieder auf Deutsch, Arabisch oder sogar Koreanisch vorgetragen. Fatima, Lemar und Tasneim gehören zu den besonders sprachtalentierten Mädchen aus der Runde.
Bis zu vier oder fünf Sprachen können die Elf- bis Dreizehnjährigen fließend sprechen. Englisch, Kurdisch, Deutsch oder Arabisch gehören mitunter dazu. „Sie springen dann auch immer von einer Sprache zur nächsten. Einfach so mitten drinnen“, erzählt Swantje Henke. Im Hintergrund lächeln die Mädchen etwas verlegen, aber nehmen es sich nicht vorweg, ihre Sprachkünste zu demonstrieren. Egal, ob es um Fotografie, Filmen, Tanzen, Texte oder Szenenschreiben geht, jedes der Mädchen hat seine eigene Leidenschaft, die Mithilfe des Projektes hervorgehoben wird.

Wann und wo treten die Mädels auf?

Am Sonntag, dem 27.11., ist Stichtag im Exil. Von 14 bis 19 Uhr kann man sich die Vorführung der Mädchen anschauen und eventuell fühlt sich ja das ein oder andere Kind dazu inspiriert, nächstes Jahr der Truppe beizutreten.