Auch, dass sie 100 Jahre geworden ist, sagt sie, begreife sie gar nicht recht. Sie habe sich nicht besonders gesund ernährt, entbehrungsreiche Zeiten hinter sich, in denen die grünen Kirschen vom Baum den Hunger stillen mussten.
"Seitdem ich alt bin geht’s mir gut", sagt sie. Etwas unsicher fühle sie sich am Tag ihres runden Geburtstags, an dem im Alloheim das Duo "Prima" mit Gitarre und Akkordeon die ersten Ständchen bringt und Schorfheides Bürgermeister Wilhelm Westerkamp einen Blumenstrauß überreicht. Seitens des Pflegeheims gibt es außerdem eine Urkunde zur Aufnahme in den Club der Hundertjährigen. Ein derart hohes Alter ist auch in einer Seniorenresidenz nicht alltäglich.

Häufige Tapetenwechsel

Seit fünf Jahren lebt Emmy Treudler nun schon im Altersheim in Altenhof unmittelbar am Werbellinsee. Die Gegend ist ihr vertraut. Sie war schon früher ihre Heimat – allerdings nicht durchgängig und auch nicht von Kindesbeinen an. Häufige Tapetenwechsel gehören zum Leben der 100-Jährigen dazu. "Neun mal bin ich umgezogen", erinnert sich Emmy Treudler an ihrem Jubiläumstag noch ganz genau. Angefangen hatte alles in einem kleinen Dorf im Harz. In Herrmanns-acker ist die Jubilarin am 31. August 1920 als Emmy Kratzing geboren worden und in einer Großfamilie aufgewachsen, die dieser Bezeichnung gerecht wird. Von ihren neun Geschwistern ist heute niemand mehr am Leben.
Emmy gilt damals als gute Schülerin und als Leseratte – ihre Leidenschaft für Literatur aber soll erst viele Jahre später eine Rolle spielen. Die Jubilarin lernt 1936 zunächst Verkäuferin. Als 19-Jährige heiratet sie ihren ersten Mann Karl Krüger. Bei Geburt der beiden Kinder Jürgen (1940) und Uta (1942) ist der Ehemann schon als Soldat eingezogen worden. Die gemeinsame Zeit der Familie währt nur kurz. Bei Kriegsende gilt der Ehemann als vermisst. Emmy ist 25 und mit zwei Kindern auf sich allein gestellt.

Nächtelange Näharbeiten

Ihr Sohn Jürgen, der an ihrem Geburtstag zusammen mit Tochter Uta und dem jüngsten Sohn Roland zu den ersten Gratulanten in der Seniorenresidenz gehört, wo der Tag an einer liebevoll gedeckten Kaffeetafel beginnt, hat den Lebenslauf der Jubilarin aufgeschrieben. Er erzählt darin von nächtelangen Näharbeiten, mit denen die Mutter versuchte, die Lebenssituation der kleinen Familie zu verbessern und davon, dass sie trotzdem gesellschaftlich aktiv war und sich für die Dorfjugend engagierte.
Beruflich qualifiziert sie sich in mehreren Lehrgängen zur Heimerzieherin und lernt ihren zweiten Mann Joachim Treudler kennen. Wieder muss die Familie ein tragisches Schicksal durchstehen, als die gemeinsame Tochter Carola im Alter von nur drei Jahren an Tuberkulose stirbt. Fünf Jahre später wird Sohn Roland geboren.
Mehrfach zieht die Familie berufsbedingt um. Emmy Treudler ist als Angestellte im kulturellen Bereich tätig und qualifiziert sich von der buchhändlerischen Hilfskraft im Alter von 52 Jahren über ein Fachschulfernstudium zur Bibliothekarin weiter. Als solche leitet sie die Stadtbibliothek Köthen (Sachsen-Anhalt) und nach dem Umzug nach Altenhof 1975 die Kinderbibliothek in der früheren Pionierrepublik, der heutigen Europäischen Jugenderholungs- und Begegnungsstätte am Werbellinsee. Mit der Rente zieht Emmy Treudler nach Eberswalde und nach dem Tod ihres Mannes zum Sohn Roland, der in Niederfinow lebt.
Für eine eher nicht sesshafte Natur der Jubilarin sprechen auch die vielen Reisen, die sie nach der Wende unternimmt. Per Autobus, Schiff und Flugzeug ist sie unterwegs, bereist unter anderem Spanien, Griechenland und Polen. Eine Flusskreuzfahrt in der Ukraine ist ihr noch gut im Gedächtnis, genauso wie einige Leserreisen organisiert von der Märkischen Oderzeitung. Wegen gesundheitlicher Probleme zieht sie 2001 nochmal nach Joachimsthal in die Nähe von Sohn Jürgen und der Schwiegertochter.

Enkel und Urenkel

An den Erfahrungen aus ihrem buchstäblich bewegten Leben, den Erzählungen und Fotos haben auch die jüngeren Nachfahren gern Teil. Vier von fünf Enkel sowie acht von neun Urenkel haben sich zum Geburtstag vor dem Haupteingang der Seniorenresidenz in Altenhof versammelt. Sie wollen ihre Oma beziehungsweise Uroma überraschen und haben drei Ständchen vorbereitet.
Es ist ein guter Anlass für die Familie zusammenzukommen, sagen sie als sie coronabedingt alle mit Mundschutz vor der Residenz stehen. "Wir haben gestern Abend schon gefeiert", berichten die Nachfahren. Für Partystimmung sprechen auch die Schilder, die aus gegebenem Anlass in die Luft gehalten werden. "Rabbatz und Remmidemmi"  und "100 Jahre Emmy" ist dort zu lesen.
Nach dem Trubel am Morgen und einer Mittagsruhe soll die Jubilarin noch aus dem Heim zu einem anderen Festort ganz im Kreis der großen Familie geholt werden. Umzüge ist die 100-Jährige ja gewohnt.