Lebensgeschichte: Zuhause beim Weihnachtsmann

Kaffeepause daheim: Leierkastenmann Henry Pepinski hat im Dezember Dutzende Auftritte in Verkleidung.
MOZ/Thomas BurckhardtNein, Henry Pepinski öffnet für uns nicht das 24. Türchen, auch wenn man das von ihm beinahe erwarten könnte. Seit fast 20 Jahren ist der Urberliner in Eichhorst Am Werbellinkanal zuhause – hinter der Hausnummer 21.
Als Rauschebart kennt man den 65-Jährigen hier seit neun Jahren. Damals wurde für die Eberswalder Rathauspassage ein Weihnachtsmann gesucht. Pepinski überzeugte. Heute gibt es kaum einen Weihnachtsmarkt in der Region, auf dem er nicht anzutreffen wäre. Inzwischen hat er sogar zwei Kostüme. Weil es, wie er erklärt, so oft regne und eines gar nicht so schnell trocknen könne, bis er es zum nächsten Einsatz braucht.
Dass es ihn damals in die Schorfheide verschlug, war Zufall. In einer veralteten Immobilienzeitung, die mal jemand bei ihm liegengelassen hatte, war Pepinski auf eine Anzeige für einen sogenannten Vierseitenhof in Teltow-Fläming gestoßen. „Ich wusste nicht, was das ist und wollte mir den Hof nur mal ansehen“, erzählt der gebürtige Prenzlberger, der nicht vorgehabt hatte, Berlin jemals zu verlassen. „Und, wo fahren wir diesmal hin?“, habe seine Frau am Wochenende darauf gefragt.
Kreuz und quer durch Brandenburg fuhr das Paar fortan. „Wir hatten gerade unsere Ga-stronomie aufgegeben und die Wochenenden plötzlich frei“, erzählt Brigitte Pepinski zwischen Kaffee und Stollengebäck. Einmal führte der Heimweg über Eichhorst, auf das sich in dem längst nicht mehr aktuellen Blatt ebenfalls eine Annonce bezog. Hier könne es ihm gefallen, stellte Henry Pepinski fest. „Das war der teuerste Satz“, weiß er heute. Ein Jahr später richteten sich Pepinskis in dem 1875 erbauten Haus ein.
Einen Namen gemacht hat er sich in der Region noch vor seinen Weihnachtsmannzeiten als Leierkastenmann. Sein großes Hobby verdankt Henry Pepinski seiner Mutter. Für ein Ständchen zum Muttertag hatte er sich „die Kiste“ ausgeliehen. „So kam die Liebe zum Leierkasten und ich musste ihn dann auch haben.“ Drei Jahre lang habe er mit dem Vorbesitzer der Drehorgel, die er sich damals noch regelmäßig auslieh, über den Verkauf verhandelt.
Als Alleinunterhalter auch mit Kinderprogrammen vermittelt ihn nun sein Sohn, der das Café „Eiszeit“ in Eichhorst betreibt. Brigitte und Henry Pepinski hatten vor 30 Jahren beide jeweils einen Sohn in die Ehe mitgebracht. Der Jüngere folgte ihnen in die Schorfheide, für einige Stunden sind sie heute bei ihm angestellt. Am häufigsten tritt Henry Pepinski jedoch ehrenamtlich auf.
Gelernt hatte er ursprünglich einmal Polsterer und Dekorateur. „Eigentlich wollte ich Architektur studieren“, erzählt Pepinski. Daraus wurde zu DDR-Zeiten nichts. Die Arbeit schmiss er hin und bewarb sich beim Fernsehfunk. Anheuern hätte er dort zwar können, vom angebotenen Verdienst leben allerdings nicht, erinnert er sich. „Dann habe ich erst einmal nichts gemacht – bis der ABV vorbeikam.“ Arbeitslos zu sein, galt in der DDR als asozial. Kurze Zeit nach dem Besuch des Abschnittsbevollmächtigten hatte Pepinski eine Stelle in einem Delikatladen. Bald war er Verkaufsstellenleiter.
Später half er gelegentlich in seiner Stammkneipe am Tresen aus. „Daraus wurden dann 30 Jahre Gastronomie.“ Pepinski lernte Koch und übernahm Mitte der 80er-Jahre als Küchenleiter die Großküche vom Freibad Pankow. Brigitte Pepinski musste mit anpacken, wenn die Söhne mal baden gehen wollten. "Damals gab es auch schon kein Personal“, sagt ihr Mann. „An guten Tagen hatten wir über 35 000 Badegäste. Da haben wir am Tag 10 000 Essen ausgereicht.“ Bockwürste wurden in Waschmaschinen vom Typ WM 66 erhitzt. „Bis zu anderthalb Tonnen haben wir an einem Wochenende verkauft.“
Lebensgeschichte in einem Buch
Den Traum von der eigenen Kneipe verwirklichte er sich gemeinsam mit seiner Frau. „Vier Läden hatten wir insgesamt.“ Die Mieten für die Lokale verdoppelten und verfünffachten sich mit der Zeit und Ende der 90er-Jahre gab das Paar auf.
Zu erzählen gibt es aus dieser Zeit und auch aus Eichhorster Zeiten vieles. „Ich habe vor, alles mal aufzuschreiben“, sagt Henry Pepinski. „Allein aus meinem kleinen Leben könnte ich drei Bücher verfassen.“ Angefangen hat er erst einmal mit Stichworten. Nachlesen könne man seine Lebensgeschichte Weihnachten im nächsten Jahr, hofft Pepinski.
In diesem Jahr versammelt sich Heiligabend wieder die Familie im Eichhorster Haus. Und am Nachmittag hat Henry Pepinski noch einige Termine – natürlich im roten Mantel.
Drei weihnachtliche Fragen an Henry Pepinski
Wie heißt Ihr Lieblingsweihnachtslied?Das ist auf jeden Fall "In der Weihnachtsbäckerei", das singe ich oft mit Kindern und habe es auch auf dem Leierkasten. Und zu "Schneeflöckchen, Weißröckchen" gab es mal eine schöne Begebenheit: Auf einem Weihnachtsmarkt habe ich angefangen, das Lied zu spielen. Kurz darauf hat es geschneit.
Und wie sieht Weihnachten in kulinarischer Hinsicht bei Ihnen aus? Gans und Ente gibt es bei uns schon Heiligabend, weil an den Feiertagen alle schon wieder ihren Verpflichtungen nachgehen müssen. Dazu gibt es Grünkohl und Rotkohl, Klöße und Kartoffeln. Für das Festmahl wird alljährlich der antike Silberleuchter geputzt. Wir sitzen gut gekleidet, ich auch mit Schlips und Kragen, an der feierlich geschmückten Tafel.
Was ist Ihr Weihnachtswunsch?Ich wünsche mir, dass die Arbeit mehr geachtet wird und ich wünsche mir für uns alle mehr Freundlichkeit untereinander.⇥wer