Lohn
: Zwischen Bauboom und Fachkräftemangel

Was haben Bauarbeiter vom Bauboom im Barnim? Gehälter der Branche rangieren weiter unter Durchschnitt.
Von
Marco Marschall
Eberswalde
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Es wird gebaut: An den entstehenden modernen Hochhäusern in Eberswalde Westend wird per Kran ein Balkonteil hinaufgebracht. Im Stadtteil baut ein privater Investor für zehn Millionen Euro.

Thomas Burckhardt

In Klandorf in der Schorfheide sollten Regenentwässerungsmulden an der Dorfstraße instandgesetzt werden. 90 000 Euro waren dafür eingeplant. Bei 110 000 Euro lag das günstigste Angebot – nur für einen Teil der Straße. 30 Kilometer östlich von Klandorf, einmal quer durch den Barnim, liegt die Gemeinde Liepe. Dort muss die Brücke über den Oder–Havel–Kanal abgerissen und neugebaut werden. Vier Millionen sollte das kosten. Die Baufirmen wollten acht.

Laut Tarif mehr drin

Das Problem der steigenden Baupreise trifft nahezu alle Kommunen. Firmen hätten jetzt fette Jahre, die Auftragsbücher seien voll, heißt es. Doch steigen damit auch die Gehälter? Bisher liegen bei der Agentur für Arbeit in Eberswalde nur die Statistiken bis 2017 vor. Doch da zeigt das Beispiel der Vollzeitbeschäftigten in Hoch– und Tiefbauberufen im Barnim: ja, sie steigen. Wenngleich wohl kaum im Verhältnis zu den Baupreisen. Bekam der Hoch– und Tiefbauer 2013 durchschnittlich 2191 Euro brutto im Monat waren es vier Jahre später 2368 Euro.

Das sind etwa 250 Euro mehr  als der in der Baubranche verbindliche Mindestlohn. Der beträgt 12,20 Euro die Stunde, auf den Monat gerechnet 2114 Euro. Es ist aber auch weit entfernt davon, was gemäß Tarif mit entsprechender Qualifizierung möglich ist. Nach „Tarifvertrag zur Regelung der Löhne und Ausbildungsvergütungen im Baugewerbe in den fünf neuen Bundesländern mit Ausnahme des Landes Berlin“ vom 2018 rangieren die geforderten Gehälter deutlich darüber. Je nach Lohngruppe (2a bis 6) ergeben sich Stundenlöhne von 15 bis 20 Euro, also 2600 Euro bis 3500 Euro brutto im Monat. Es gebe durchaus Firmen, die nach Tarif entlohnen, sagt  Matthias Steinberg von der Industriegewerkschaft Bauen–Agrar–Umwelt Berlin–Brandenburg mit Sitz in Eberswalde. „Aber es gibt eben auch solche, die das zahlen könnten, es aber nicht tun“, erklärt er.

Ein Straßenbaubetrieb aus der Region will dazu keine Einschätzung geben. Der Mindestlohn werde natürlich gezahlt, alles weitere mache jedes Unternehmen für sich. Eine kleinere Barnimer Firma, die Putz–, Maurer– und Betonarbeiten anbietet, hält 20 Euro auf Nachfrage für utopisch. 15 Euro aber würden durchaus überwiesen. Ihre Facharbeiter seien schon immer über Mindestlohn bezahlt worden. Die hohen Baupreise, heißt es, als wir den Hintergrund der Recherche erklären, kämen auch durch steigende Transport– und Materialkosten zustande.

Azubis im Hochbau gefragt

Laut Entgeltatlas 2017 liegen die Durchschnittsgehälter für Trockenbauer, Tiefbauer oder Maurer im Land zum Teil deutlich unter 2690 Euro — laut Deutschem Gewerkschaftsbund Berlin–Brandenburg derzeit das branchenübergreifende Durchschnittsgehalt bei Vollzeitarbeit in Brandenburg. Dabei suchen auch Barnimer Baubetriebe händeringend Leute. Insgesamt 149 freie Stellen sind bei der Arbeitsagentur Eberswalde gemeldet. Davon werden im Hoch– und Tiefbau 83 und im Aus– und Trockenbau 66 Kräfte gebraucht. Konkret fehlen Beton– und Stahlbetonbauer, Maurer, Dachdecker, Gerüstbauer, Tiefbauer, Fliesenleger, Maler, Aus– und Trockenbauer sowie Bautischler.

Ausbildungsberufe im Baugewerbe stehen eher weniger hoch im Kurs. In die Top 10 der von Bewerbern angegebenen Wunschberufe schafft es nur der Maler und Lackierer. Von den 109 gemeldeten Ausbildungsplätzen im Bereich Bau, Architektur, Vermessung und Gebäudetechnik blieben zuletzt 21 unbesetzt. Vor allem Azubis im Hochbau sind gefragt. Wobei ein Problem der Branche weiterhin darin besteht, dass es sich um eine nahezu reine Männerdomäne handelt. In ganz Brandenburg liegt der Frauenanteil bei den Hochbaufacharbeitern bei unter einem Prozent, bei den Tiefbauern bei einem Prozent und bei den Trockenbauern bei zwei Prozent.