Lost Places in Oderberg
: Zweite Brücke über die Alte Oder – welche Funktion sie einmal hatte

Mit großem Aufwand wird gerade die Brücke über die Alte Oder in Oderberg bei Eberswalde saniert. Eine zweite Brücke weiter östlich verfällt zunehmend. Das ist ihre Geschichte.
Von
Stephan Backert
Oderberg
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  • Die denkmalgeschützte Bahnbrücke über die Alte Oder in Oderberg. Ein Zug rollt hier schon lange nicht mehr.

    Die denkmalgeschützte Bahnbrücke über die Alte Oder in Oderberg. Ein Zug rollt hier schon lange nicht mehr.

    Stephan Backert
  • Die Stahlträger dieser Brücke sind noch immer stabil. Eine Weiternutzung scheint möglich.

    Die Stahlträger dieser Brücke sind noch immer stabil. Eine Weiternutzung scheint möglich.

    Stephan Backert
  • Auch in der Nähe des ehemaligen Bahnhofs Oderberg-Bralitz sind Spuren einer Eisenbahnbrücke zu erkennen.

    Auch in der Nähe des ehemaligen Bahnhofs Oderberg-Bralitz sind Spuren einer Eisenbahnbrücke zu erkennen.

    Stephan Backert
  • Der denkmalgeschützte Bahnhof Oderberg-Bralitz. Er befindet sich heute in Privatbesitz.

    Der denkmalgeschützte Bahnhof Oderberg-Bralitz. Er befindet sich heute in Privatbesitz.

    Stephan Backert
  • Historische Ansicht des Bahnhofes von Oderberg und Bralitz auf einer Infotafel des Heimatvereins vor dem Bahnhofsgebäude.

    Historische Ansicht des Bahnhofes von Oderberg und Bralitz auf einer Infotafel des Heimatvereins vor dem Bahnhofsgebäude.

    Stephan Backert
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Die Menschen in Oderberg sind froh, dass die Sanierung der Brücke der B158 über die Alte Oder begonnen hat. Während die Autoverbindung über diesen Teil des Oder-Havel-Kanals endlich auf den neuesten Stand gebracht wird, rostet in Sichtweite von der Autobrücke in Richtung Osten eine weitere Brücke vor sich hin.

Der Straßenname „Am Bahndamm“ in unmittelbarer Nähe deutet auf die ursprüngliche Funktion dieser Brücke hin. Sie war Teil der damaligen Bahnstrecke Bad Freienwalde – Oderberg – Angermünde, ehemalige Kursbuchstrecken-Nummer 296. Nach Angaben des Portals eberswalde-ffo.de steht die Brücke unter Denkmalschutz.

Eisenbahn im Aufbau

In den 1870er Jahren befand sich das Eisenbahnsystem in Deutschland noch immer im Aufbau. 1871 erhielt die Breslau-Schweidnitz-Freiburger Eisenbahn-Gesellschaft (BSF) die Konzession zum Bau einer Strecke von Liegnitz über Küstrin und Königsberg (Neumark) nach Stettin. Deren Verlauf war ausschließlich auf der östlichen Seite der Oder im heutigen Polen.

Um der Konkurrenz von der BSF nicht nachzustehen, baute die Berlin-Stettiner Eisenbahn-Gesellschaft (BStE) eine Verbindung westlich der Oder von Bad Freienwalde über Oderberg nach Angermünde. Von Angermünde aus bestanden bereits weitere Verbindungen dieser Bahngesellschaft zu den wichtigen Ostseehäfen Stettin und Swinemünde. Ursprünglich war das Konzept der BStE, eine Verbindung vom Oberschlesischen Kohlerevier zur Ostsee zu schaffen. Die eingleisige, 30 Kilometer lange Strecke kam aber nie über den Status einer Regionalstrecke mit eher mäßigen Fahrgastzahlen hinaus.

Von der Silvesterparty in den Zug

Das deutete sich schon ein wenig bei der Eröffnung an. An einer Infotafel des Heimatvereins Bralitz beim denkmalgeschützten ehemaligen Oderberger Bahnhof ist zu lesen, dass der erste planmäßige Zug am ersten Januar 1877 um 6 Uhr morgens von Freienwalde nach Angermünde fuhr. In Erwartung einer Eröffnungsfeier hätten sich drei junge Männer direkt von der Silvesterfeier zum Bahnhof begeben, wo aber alles still gewesen sei. Sie seien die einzigen Fahrgäste gewesen. Am 28. April 1877 habe es dann aber laut Heimatverein eine Feier im Zuge der offiziellen Eröffnung der gesamten Strecke von Frankfurt nach Stettin gegeben.

Die Gegend war und ist dünn besiedelt. Einen Bedarf, diese Verbindung zweigleisig auszubauen oder zu elektrifizieren hat es nie gegeben. Lediglich vier Zugpaare verkehrten 1944 tagsüber auf dieser Strecke. Etwas bedeutender war der Güterverkehr, da die Strecke eine direkte Verbindung zwischen Angermünde und dem Eisenbahnknoten Frankfurt bildete.

Kompletter Abbau der Strecke

1945, kurz vor Ende des zweiten Weltkrieges, sprengten Wehrmachtsangehörige die Brücke über die Alte Oder bei Bad Freienwalde. Der Vormarsch der Roten Armee auf Berlin sollte aufgehalten werden. Nach der deutschen Kapitulation wurde auf Befehl der Sowjetischen Militäradministration in Deutschland die komplette Strecke abgebaut und als Reparationsleistung in die damalige Sowjetunion geschafft.

Doch die Situation änderte sich schnell. Noch vor Gründung der DDR hatte man erkannt, dass diese Verbindung eine wichtige Entlastung für die auf ein Gleis reduzierte Verbindung Berlin-Angermünde war. Bis 1949 wurde die Strecke Bad Freienwalde – Angermünde mit kleinen Anpassungen eingleisig wiederaufgebaut. Auf Grund der neuen Staatsgrenze zwischen der DDR und Polen bekam diese Bahnverbindung auch eine gewisse strategische Bedeutung. Das Verhältnis Polen – DDR war, obwohl es beides sozialistische Bruderländer waren, nie frei von politischen Spannungen.

Stilllegung in den 90er Jahren

Mit der Wende änderten sich die Rahmenbedingungen noch einmal. Immer mehr Güterverkehr wurde auf die Straße verlagert. Am 31. Dezember 1994 fuhr der letzte Güterzug. Der Personenverkehr wurde am 28. Mai 1995 eingestellt. Offiziell wurde die Strecke am 30. November 1997 stillgelegt. Immer weniger Spuren dieser Bahnverbindung sind heute noch zu sehen.

Erst im Frühjahr 2022 wurde in Angermünde eine Brücke dieser Verbindung abgerissen. Sie machte Platz für einen Radweg. Versuche, die Überreste der Bahnstrecke touristisch zu nutzen, zum Beispiel für den Freizeitverkehr mit Draisinen, sind bisher gescheitert.

Der genaue Verlauf der ehemaligen Verbindung

● Das war der genaue Verlauf der 30 Kilometer langen Bahnverbindung:

Kilometer 0,0: Angermünde

Kilometer 6,2: ehemaliger Bahnhof Neu Künkendorf

Kilometer 10,9: Lüdersdorf

Kilometer 16,5: Saaten-Neuendorf

Kilometer 18,9: Oderberg (Haltepunkt)

Kilometer 22,3 Bahnhof Oderberg-Bralitz

Kilometer 24,4 Bralitz (Haltepunkt)

Kilometer 30,0 Bad Freienwalde