Motorsport
: Kart-Sport bleibt eine Randerscheinung

Aktuell finden sich lediglich 800 Kart-Lizenzen deutschlandweit, eine Besserung ist nicht in Sicht. Es fehlen die Vorbilder und das nötige Kleingeld.
Von
Markus Pettelkau
Eberswalde
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  • OGA-kart Kart

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    Adac berlin-brandenburg
  • Rennkarts erreichen bis zu 150 km/h. Wer damit Rennen bestreiten möchte, braucht eine Lizenz.

    Rennkarts erreichen bis zu 150 km/h. Wer damit Rennen bestreiten möchte, braucht eine Lizenz.

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Vor 20 Jahren noch war vor allem die Formel 1 ein gigantisches Massenereignis. Im Schatten des Schumi-Booms wuchsen hierzulande Talente wie Sebastian Vettel  und viele weitere Hoffnungsträger heran. In den Nachwuchsklassen tummelten sich unzählige Talente mit dem Wunsch irgendwann einmal Profi zu werden. Diese Zeiten sind vorerst vorbei. Es gibt sie zwar, die Talente, aber es werden weniger. Fuhren im Jahr 2010 noch sieben deutsche Piloten in der Formel 1, wird zum Saisonstart am Wochenende in Australien nur noch Sebastian Vettel unter der schwarz-rot-goldenen Flagge seine Runden drehen. Woran liegt das? Fehlt die Jugendförderung?

Wenn Töchter oder Söhne davon träumen, einmal wie Sebastian Vettel oder Lewis Hamilton zu werden, muss das nicht unerfüllbar sein: Viele Motorsport-Clubs betreiben Jugend-Mannschaften, die den frühesten Weg in den Motorsport ebnen. Zugegeben: Vom Rennen fahren leben zu können wird für die meisten Aktiven immer ein Traum bleiben. Wer aber mit realistischen Zielen  an die Sache herangeht, der kann auf verschiedenen Wegen und in jedem Alter in den Motorsport finden und seine ganz eigenen Erfolge feiern.  Wer sich für Motorsport interessiert, beginnt meistens auf der Kartbahn.  Die kleinen Rennautos sind einfach zu hand­-haben, nicht zu schnell und machen Spaß. Seit Anfang der 60er Jahre gibt es diese Einsteigerklasse in Deutschland. Derzeit gibt es deutschlandweit 212 Bahnen, zu Hochzeiten in den 90ern waren es fast 600.

Kart-Slalom als Einstieg

Für viele ist Kartfahren ein „kann-man-mal-machen“-Sport. Ein- bis zweimal im Jahr mit Freunden auf der Kartbahn ein paar Runden drehen geht auch schon ordentlich ins Portemonnaie. Für 10 Minuten fahren zahlt man 10 bis 13 Euro. Viel Geld für so einen kurzen Spaß. Man verbindet mit Motorsport meistens hohe Kosten.  Beim Fußball schnappt man sich einen Ball und kickt los. Wer hobbymäßig Kart fahren möchte, muss erst einen Verein dafür finden, sich die Ausrüstung besorgen und idealerweise ein eigenes Gefährt leisten können. Wer dann noch Rennen fahren möchte, der muss noch etwas tiefer in die Tasche greifen. Reisekosten, Ersatzteile und neue Reifen bezahlen sich nicht von allein. Das schreckt viele Interessierte ab.

„Ganz so ist es aber nicht“, versichert Ralf Marquard vom MC Oranienburg. Der 10 Mitglieder starke Verein beteiligt sich seit mehr als 20 Jahren in der Kart-Slalom-Meisterschaft Berlin-Brandenburg und in der Norddeutschen Meisterschaft. Das Mitgliedsalter reicht von 6 bis 70 Jahre, umfasst also 4 Generationen. Kart-Slalom ist eine günstige Einstiegsvariante für Interessierte. „Es gibt bei uns einen kleinen Mitgliedsbeitrag, die Karts werden vom Verein gestellt. Es ist für fast jeden erschwinglich“, so Marquard. Anschaffungskosten fallen trotzdem an. Irgendwann wollen die Kleinen ja auch ihre eigenen Helme und Overalls haben. Ein günstiger Helm ist unter 200 Euro nicht zu finden, ein Overall kostet um die 50 Euro. Das Problem, dass die Clubs und Vereine eher klein sind, liege auch weniger an den Kosten oder dem Interesse der Kinder. „Die Eltern nehmen sich leider nicht die Zeit dafür, das ist sehr schade. Denn die Kids sind oft Feuer und Flamme. Aber wenn wir zu Wettkämpfen fahren, sind wir meist das Wochenende über unterwegs. Da haben viele Eltern halt keine Lust drauf.“

Autofahren hatte in der Vergangenheit einen besseren Ruf. Warum sollte man also sein Kind überhaupt für Motorsport begeistern? „Viele unterschätzen den Sport. Es geht ja nicht nur um Fahren. Wir bringen den Kindern auch bei wie die Technik funktioniert. Wie wechselt man Teile aus? Wie fährt man reifenschonend? Wie optimiert man seinen Fahrstil? Kein Kind geht hier raus ohne was zu lernen. Zudem sind wir eine kleine aber feine Gemeinschaft, die viel zusammen unternimmt.“ Ein Kart zu fahren bedeutet Verantwortung zu übernehmen. Daher muss eine gewisse Reife bei den Kindern vorhanden sein. Das Mindestalter liegt bei 6 Jahren (für Wettbewerbe 8 Jahre), zudem sollten die Kinder mindestens 1,20 Meter groß sein, um Gas und Bremse problemlos erreichen zu können. Kart-Slalom sei daher der perfekte Einstieg für Interessierte, so Marquard.

Die Kosten schrecken ab

Wer weiter voran will, der muss dann allerdings wirklich tiefer in die Tasche greifen. Ein eigenes Kart kostet rund 5000 Euro. Wer echte Rennen in einer lizensierten Serie fahren will, muss mit Kosten in Höhe von mindestens 12 000 bis 15 000 Euro rechnen. Je höher man es dann schafft, desto teurer wird es. D.h. man braucht einen potenten Sponsor. „Das ist leider so und schreckt viele Leute mit kleinem Geldbeutel ab.“, weiß auch Bernd Barig, Vorsitzender der Motorsportgemeinschaft Eberswalde. „Oft kommen Leute um sich zu informieren, aber sobald sie die Summen hören sind viele erschrocken.“ Kein Wunder, dass Rennfahrer oft aus besser gestellten Familien kommen. Mercedes‘ Formel 1-Teamchef Toto Wolff hatte einst ausgerechnet, dass man bis zur Formel 1 mit Kosten von mindestens 5 Millionen Euro rechnen muss. Dann muss noch das Talent stimmen, die Kontakte müssen geknüpft sein und man braucht jede Menge Glück um zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort zu sein. Die Motorsporthistorie steckt voller hoffnungsvoller Talente, die es aus diversen Gründen nicht geschafft haben Fuß zu fassen.

Wer einfach nur hobbymäßig karten will, kann in ganz Deutschland fündig werden. Der Deutsche Motor Sport Bund listet rund 2 000 Motorsportclubs mit verschiedenen Abteilungen (Kart, Kart-Slalom, Motocross etc.)  in Deutschland. Jugendförderung steht bei allen ganz oben auf der Prioritätenliste. Es gibt verschiedene Förderprogramme, z.B. durch den ADAC, aber dort aufgenommen zu werden wäre ein Sechser im Lotto. Und sein Talent muss man vorher auch erst beweisen. Man muss also schon vorher investiert haben. Daher bleibt Motorsport, außerhalb von Kart-Slalom, auch weiterhin ein kostspieligeres Hobby.

Immer mehr E-Karts

Trotzdem möchten die Verantwortlichen weiterhin an der Attraktivität des Motorsports arbeiten. Der ADAC Brandenburg-Berlin setzt dabei auf den zunehmenden Einsatz alternativer Antriebe. Dies gilt auch für den Kart-Bereich. Immer mehr Bahnbetreiber schaffen sich sogenannte E-Karts an. Ganz ohne Benzingeruch, aber mit den gleichen Fahreigenschaften ausgestattet wie Benziner. Für kleine Clubs wie den MC Oranienburg sind diese aber keine Alternative, so Ralf Marquard: „Die E-Karts sind noch zu teuer.“ Rund 10 000 Euro kosten die elektrobetriebenen Renner zurzeit. Der Absatz nimmt aber regelmäßig zu, denn viele Kartbahnen rüsten derzeit um.

Zudem finden sich immer mehr Anhänger des  sogenannten Simracings. In der virtuellen Welt finden mittlerweile ganze Meisterschaften statt, unter anderem der ADAC Digital Cup. Um ein realistisches Fahrgefühl zu bekommen, lassen sich die meisten Rennsimulationen neben der Steuerung mit Tastatur, Controller und Joystick auch mit speziellen Lenkrädern, Pedalen und Wählhebeln steuern. Es ist also nah an der Realität. Das Formel 1-Team Mclaren hatte vor zwei Jahren sogar einen Wettbewerb ausgelobt. Der Gewinner wurde als Simulatorfahrer ein Jahr lang angestellt. Neben dem Fahren wird im Simracing auch immer mehr Fokus auf Liveübertragung, welche auf YouTube und anderen Kanälen zu finden sind, gelegt. Hier wird sich vermehrt an einen Mix aus ESport-Übertragung und Motorsportübertragung orientiert. Das kann Jugendliche für Motorsport begeistern, ob es den Nachwuchs auch in die Motorsport-Clubs zieht ist allerdings fraglich. Und so wird, zumindest in absehbarer Zukunft, der Kartsport wohl eine Randerscheinung bleiben.

Motorsportclubs in der Region

Kart Club Oberhavel, André-Pican-Str. 1016515 OranienburgMC Oranienburg Mühlenbecker Weg 916515 OranienburgMotorsportgemeinschaft EberswaldeJägerstraße 14, 16227 EberswaldeMotorsportclub FinowtalPehlmann-Ring 6, 16244 SchorfheideMotorsportclub Glienicke/ Nb.Karl-Marx-Str. 69, 16547 BirkenwerderMotorsportclub WerneuchenFreienwalder Ch. 20, 16356 WerneuchenMotorsportclub ZehdenickMutzer Weg 1, 16792 Zehdenick