Naturschutz: Professor aus Eberswalde sieht EU auf Holzweg

Ein Autorenteam um Hochschulprofessor Pierre Ibisch aus Eberswalde fordert, die Wälder erhalten statt Bäume neu zu pflanzen. (Symbolbild)
Nadja Voigt/MOZGemeinsam mit Waldexperten aus Polen, Spanien und Schweden kritisiert er die Biodiversitätsstrategie der EU in einem Beitrag, der kürzlich im renommierten Wissenschaftsmagazin Science Berücksichtigung fand.
Anpflanzen nur Symbolhandlung
Massenweises Anpflanzen von Baumsetzlingen wird darin als Aktionismus und Symbolhandlung kritisiert, der Erhalt von Wäldern, statt deren intensive wirtschaftliche Nutzung gefordert. Doch gilt Holz nicht als nachhaltiger Rohstoff und bisher auch zur Wärmeerzeugung als klimapolitisch Okay, da nur zuvor durch den Baum gebundenes CO2 freigesetzt wird? „Ich selbst sehe das sehr kritisch. Die energetische Nutzung von Holz hat die Beanspruchung von Wäldern hochgetrieben und letztlich muss man die Frage stellen, ob Holzverbrennung zum Klimaschutz beiträgt“, sagt Pierre Ibisch im Gespräch mit der Märkischen Oderzeitung. Auch bei der Holzverbrennung werde CO² freigesetzt und der Wald wachse sehr zeitverzögert nach.
Doch selbst an der HNE wird mit Holzpellets geheizt. „Das ist vor Jahren nach bestem Wissen und Gewissen umgestellt worden. Heute gibt es Zweifel, aber auch Kollegen, die das richtig finden“, sagt Ibisch. Die Nachfrage nach Brennholz sei gestiegen, so dass es keineswegs nur Restholz sei, was da für die Verbrennung genutzt werde, stellt er fest.
Die vier Autoren des Science-Beitrags kritisieren zudem, dass die EU Wälder wiederherstellen wolle, aber hierfür lediglich das Pflanzen von drei Milliarden Bäumen vorgesehen sei. Statt einfach Bäume zu pflanzen, müsse vielmehr dafür gesorgt werden, dass die Übernutzung von Wäldern gestoppt werde und dass mehr Wälder sich selbst regenerieren können. Dringend sei stärker darauf zu achten, dass Wälder mit einem geschlossenen Kronendach ein kühleres Waldklima bewahrten. Außerdem müsse eine weitere Zerschneidung von Wäldern durch Straßen und Forstwege beendet werden.
Das Pflanzen von Bäumen könne sogar schädlich sein, wird argumentiert – eben wenn exotische Bäume verwendet werden, weil diese angeblich besser an den Klimawandel angepasst seien. „Ich sehe das skeptisch. Weltweit kenne ich kein Beispiel, wo die Einführung anderer Baumarten erfolgreich war“, sagt Ibisch. Auch bei diesen vermeintlichen „Superbäumen“ bestünde das Risiko, dass sie unter dem Klimawandel oder auch eingeschleppten Schädlingen leiden – im Falle der Douglasie in Deutschland führe gerade die Douglasiengallmücke zu ersten besorgniserregenden Schäden.
„Jeder Baum, den wir jetzt nicht pflanzen, wird später unseren Enkeln fehlen“ so laute ein Lieblingssatz von Deutschlands Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner. Allerdings, so die Autoren, ginge das auch günstiger, wenn man den Wald stärker sich selbst überließe und Schadflächen nicht durch „totale Schadholzberäumung“ misshandeln würde. Während viele der gepflanzten Bäume absterben, sei natürliche Nachfolge erfolgsversprechender und kostenlos.
Selbstheilung der Natur
Den Wald selbst machen lassen lautet also der Ansatz der Autoren – oder weniger ist mehr. „Das fällt schwer, weil wir immer gewohnt sind, zu machen und zu gestalten“, so Ibisch, doch führe der aktuelle Aktionismus mit Blick auf die Totholzentfernung zu massiven Schädigungen von Waldböden. Es bestehe nicht nur die Gefahr, dass Steuergelder verschwendet werden, sondern dass ihr Einsatz Umweltschäden hervorruft.
Ziele der neuen EU-weiten Biodiversitätsstrategie
Die Biodiversitätsstrategie der EU geht davon aus, dass der Verlust an biologischer Vielfalt und der Zusammenbruch von Ökosystemen eine der größten Bedrohungen der Menschheit im nächsten Jahrzehnt darstellt. Der derzeitige Verlust an Artenvielfalt ist beispiellos, Schuld daran eine menschengemachte Zerstörung.
Ziel ist die Wiederherstellung geschädigter Land- und Meeresökosysteme in ganz Europa. Erreicht werden soll das durch die Stärkung der Biolandwirtschaft und biodiversitätsreicher Landschaftselemente auf landwirtschaftlichen Nutzflächen, das Aufhalten und Umkehren des Verlusts an Bestäubern, der Reduzierung des Einsatzes und der Risiken von Pestiziden um 50 Prozent bis 2030, die Rückführung in einen freien Flusslauf von Fließgewässern in der EU auf mindestens 25 000 Kilometern sowie das Anpflanzen von drei Milliarden Bäumen bis 2030. Vorgesehen sind jährliche Investitionen von 20 Milliarden Euro in Biodiversität aus EU- und nationalen Quellen sowie aus dem Privatsektor.⇥mm
