Dieses liegt bereits in Sichtweite, nur wenige hundert Meter vom Startpunkt am östlichen Ende des Oder-Havel-Kanals entfernt und ist namensgebender Höhepunkt der Paddeltour an diesem Tag. Nach kurzem Herantasten, kleineren Pirouetten, aber ohne nennenswerte Ausreißer bringen die Steuerfrauen und -männer ihre Kanus auf Kurs flussaufwärts.
Begleitet wird die Gruppe von Temperaturen um 30 Grad und wolkenfreiem Himmel, getragen von ruhigem Wasser unter dem Rumpf. Die Uferlinie ist gesäumt von Schilfrohr, aus dem der Gesang von Rohrspatzen dringt. Sofort stellt sich das Gefühl eines Naturerlebnisses ein. Fast vergisst man, dass es wirtschaftliche Erwägungen waren, die vor über 100 Jahren zum Ausbau der künstlichen Wasserstraße führten.
Im Hebewerk wartet bereits ein Fahrgastschiff, ein Segelboot stößt ebenfalls noch hinzu. "Wir werden freundlicherweise mitgenommen", verrät Förster. Ein Recht auf Passage hätten Kanufahrer nämlich nicht. Knapp 20 Minuten dauert die Schleusung, mit der ein Höhenunterschied von 36 Metern überwunden wird. Verlassen wird das Kanu dabei nicht.

Faszinierender Stahlkoloss in Niederfinow

Mit kräftigem Wummern setzt sich der Trog der 1934 in Betrieb genommenen Konstruktion in Bewegung. Die Blicke der eben noch in angeregter Unterhaltung vertieften Teilnehmer richten sich nach oben und wandern fasziniert die genieteten Stahlpfeiler entlang. "Schon erstaunlich", hallt es durch das Hebewerk. Während es nach unten geht, ziehen Stahlseile wuchtige Betonblöcke in die Höhe. 4290 Tonnen Ausgleichsgewicht. Alles läuft überraschend schnell ab. Nach Süden hin eröffnet sich der Blick auf die hügelige Landschaft vor Falkenberg.
Unten angekommen setzt sich Karsten Förster mit seinem Kanu wieder vor die Gruppe, die ihm, kräftig paddelnd, Richtung Lieper See folgt. Im April seien es zwanzig Jahre geworden seit er den Kanuverleih Oderberg betreibt, erzählt er. Im Hauptberuf eigentlich Bauleiter für Elektro- und Automatisierungstechnik, sei er viel unterwegs. Am Wochenende aber, da führe er Touristen mit Kanus durch die Region um Oderberg.
Der Verleih bietet verschiedene Ausflugsfahrten an. Die "Frühaufsteher"-Tour etwa, für alle, die den Sonnenaufgang vom Wasser aus beobachten möchten. Die "Mondscheintour" führt nach Einbruch der Dunkelheit über die Alte Oder. Sogar eine Oma-Opa-Enkel-Tour gibt es, inklusive Kaffee und Kuchen.
Per Kanu durch das Schiffshebewerk Niederfinow

Bildergalerie Per Kanu durch das Schiffshebewerk Niederfinow

Mit dem Kanu durch das Schiffshebewerk geht es bereits seit zehn Jahren. Immer samstags, immer mit Förster als Reiseführer. Bei gut 14 Touren im Jahr, so schätzt er, müsse er die Strecke also weit über einhundert Mal entlang gepaddelt sein. Langweilig? "Das wird es nie", sagt der Oderberger entschlossen.
Kanufahren, das sei eben Entschleunigung. "Im wahrsten Sinne des Wortes." Doch Paddeln, schiebt er hinterher, das könne man überall. "Es geht auch darum, etwas zu erleben." Das möchte er seinen Kunden in Form der Touren bieten. Erholsame Naturerlebnisse als Konzept.
Entlang der neun Kilometer langen Strecke hängen die Äste der Uferbäume schwer herab in der heißen Luft. Nur gelegentlich rascheln ihre Blätter im Wind einer kühlen und sehr willkommenen Brise. Um der Anstrengung entgegenzuwirken, werden kleine Pausen an schattigen  Uferplätzen eingelegt. Auch eine Rast an der Lieper Brücke ist Teil der Tour. Die mitgebrachte Verpflegung stellt der Kanuverleih. Rasch finden die Wiener, der Käse und das Brot aus regionaler Produktion dankbare Abnehmer.

Neun Kilometer bis Oderberg

Einige Teilnehmer ziehen Zwischenbilanz. "Hier ist alles etwas breiter und freier", meint etwa Vincenz Schiema. Der Spandauer ist Teil eines Gespanns von drei Pärchen. Jedes Jahr kämen sie zu Paddeltouren zusammen, erzählt er. Aber die heutige Tour sei anders. Entspannter. Dank weiter Wasserflächen seien auch tiefhängende Äste, denen man ausweichen müsse, kein Thema. Er spreche aus Erfahrung. Nur das Kanu sei etwas wackelig. Bisher, erklärt er, seien sie andere Ruderboote gewohnt gewesen.
Die restliche Strecke führt gemächlich flussaufwärts. Nur wenige Schiffe kreuzen den Weg der Gruppe. So bleibt nicht nur den Kindern ausgiebig Zeit, von den Kanus aus die Tiere entlang der Uferlinie zu bestaunen. Besondere Begeisterung ruft dabei eine Schwanenmutter hervor, die kurz vor dem Oderberger See mit zwei Dunenküken aus dem Schilfrohr schwimmt.
Nach knapp fünf Stunden wird am Steg des Kanuverleihs Oderberg wieder Erde unter die Füße genommen. Es eröffnet sich der Blick in schwitzende, aber zufriedene Gesichter. "Ein Erlebnis für Jung und Alt", urteilt Michael Ihring, der mit seiner Frau, seinen beiden Kindern und seinen Eltern dabei war. Begeistert beginnt seine Tochter zu erzählen. Einen Angler, der gerade einen Karpfen aus dem Wasser zog, hätten sie beobachtet. Mit ihren Händen demonstriert sie die stattliche Größe des Fischs. Libellen seien über das Wasser gesummt. Und ein Graureiher lauerte am Ufer. Das Kanu, so der Eindruck beim Lauschen ihrer freudigen Aufzählung, scheint vor allem eines gewesen zu sein: Beiwerk zu einem schönen Tag.

Selbst ins Kanu steigen

Die Tour durch das Schiffshebewerk Niederfinow startet von Mai bis September jeden Samstag um 10 Uhr.

Treffpunkt ist am Kanuverleih Oderberg (Hermann-Seidel-Straße 62, 16248 Oderberg).

Dauer ca. 4-5 Stunden, Preis pro Person:25 Euro. Voranmeldung nötig.

Kontakt: info@kanu-oderberg.de,Telefon: 0174 5315452.

Weitere Touren und Informationen unter: www.kanu-oderberg.de