Personalmangel
: Termine für Physiotherapie erst wieder im Herbst

Physiotherapeutische Praxen sind am Limit. Viele suchen Fachkräfte zur Verstärkung, vergeblich. Die Folge sind lange Wartezeiten für Patienten.
Von
Viola Petersson
Eberswalde
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Mit eigener Praxis: Sabine Jeschke (r.) hat 2017 ihre Ausbildung zur Physiotherapeutin abgeschlossen. Jüngst eröffnete die Dannenbergerin in Eberswalde ihre Praxis. Im Herbst will die 34-Jährige noch eine Kollegin anstellen.

Andreas Gora

Um die zwei Dutzend physiotherapeutische Praxen gibt es in Eberswalde. Gefühlt so viele wie noch nie. Was es allerdings nicht gibt oder nur mit Glück: sofort freie Termine. „Wir nehmen zurzeit keine neuen Patienten an“, ist in einer Praxis zu lesen. In einer anderen heißt es: „Termine erst wieder im September.“ Oder: „Gern, wenn Sie einen Physiotherapeuten mitbringen.“ Ein Engpass, der nur Eberswalde trifft? Oder ein Problem, das die gesamte Branche berührt? MOZ erkundigte sich beim Deutschen Verband für Physiotherapie, Länderverbund Nordost.

Beruf wenig attraktiv

Vorstand Rainer Großmann erklärt sogleich: Nein, Eberswalde sei kein Einzelfall. Das Phänomen sei leider landesweit festzustellen. Auch in Berlin, wo er selbst eine Praxis betreibt, sei es eng mit Terminen. Das Problem: Es gebe keine oder nur kaum Fachkräfte auf dem Markt. Und  beruflicher Nachwuchs komme nicht ausreichend nach.

„Wir verzeichnen deutliche Rückgänge bei den Schülerzahlen“, so Großmann. Und bei Bewerbern. Etliche Schulen würden deshalb ums Überleben kämpfen. Im Herbst vorigen Jahres musste etwa die renommierte Vogler–Schule Berlin nach fast 70 Jahren Physiotherapeuten–Ausbildung ihre Pforten schließen. Laut einer Studie würden im Jahr 2030 in Berlin und Brandenburg 30 000 Therapeuten fehlen.

Die Ursache dafür sieht Großmann darin, dass der Beruf des Physiotherapeuten für junge Leute nicht sonderlich lukrativ erscheint. Vor allem unter finanziellen Aspekten. Einerseits müssen Schüler für die Ausbildung Schulgeld bezahlen, während angehende Krankenpfleger etwa eine Ausbildungsvergütung erhalten. Andererseits sei der Lohn selbst eine „Bremse“. Vor allem die „große Gerechtigkeitslücke“ zwischen ambulantem und stationärem Bereich. Während Berufsanfänger in der Klinik um die 2500 bis 2600 Euro brutto bekämen, müssten sich Einsteiger in einer ambulanten Praxis häufig mit 2100 Euro brutto  begnügen.  Die Forderung des Verbandes sei deshalb: Diese Kluft muss überwunden werden. „Was Kliniken im öffentlichen Dienst zahlen, das wäre aus unserer Sicht ein guter Einstieg.“

Erfreulicherweise sei in den vergangenen Monaten etwas Bewegung in die Entwicklung gekommen. In einigen Bundesländern wurde etwa das Schulgeld abgeschafft. Auch Brandenburg habe sich da auf den Weg gemacht. Zugleich, davon ist Großmann überzeugt, mache die zunehmende universitäre Ausrichtung der Ausbildung, die Akademisierung den Beruf wieder attraktiver. Ähnlich wie bei den Hebammen.

Ausbildung wie auch das Berufsgesetz, das aus dem Jahr 1994 stammt, müssten weiter reformiert werden. Bestimmte Themen bzw. Qualifikationen, wie die manuelle Lymphdrainage, müssten Teil der Grundausbildung werden, nennt der Vorstand ein Beispiel. Als Erfolg wertet Großmannn, dass per 1. Juli 2019 — ein Novum in der Geschichte — bundeseinheitliche Preise, also Vergütungssätze physiotherapeutischer Leistungen durch die Krankenkassen, eingeführt wurden.

Rücken und Co. in Warteschleife

Bis dato gab es sowohl zwischen den einzelnen Bundesländern erhebliche Unterschiede als auch zwischen den einzelnen Krankenkassen.  „Und wir sind noch nicht am Ende. Wir bereiten jetzt schon die Verhandlungen für 2020 vor. Die Branche ist laut geworden“, so Großmann. Das sei auch nötig. Denn der Bedarf, die Nachfrage nach physiotherapeutischen Leistungen sei groß. Was einerseits mit dem demografischen Wandel, andererseits mit dem wachsenden Gesundheitsbewusstsein der Bürger zusammenhänge.

Eine „große Veränderung“ des Marktes erwartet Großmann zudem von einer Neuerung, die 2021 in Kraft tritt. Dann soll nämlich die sogenannte Blanko–Verordnung eingeführt werden. Der Arzt vermerke auf dem Rezept die Diagnose. Und der Therapeut entscheidet über die Anwendung. „Was die Eigenverantwortung des Physiotherapeuten stärkt und den Beruf wieder attraktiver macht.“ Einstweilen brauchen Patienten weiter Geduld. Seite 15