„Widerstand ist weiblich.“ Nicht nur mit Blick auf die aktuellen Proteste in Belarus werde dies deutlich, meint Kerstin Kämpfe, Leiterin des Jagdschlosses Schorfheide. Auch im vergangenen Jahrhundert habe es bereits Beispiele hierfür gegeben. Eine dieser mutigen Frauen sei die französische Kunsthistorikerin Rose Valland gewesen.
Dem Wirken der Widerstandskämpferin ist es zu verdanken, dass schätzungsweise knapp 60.000 Gemälde und Kunstwerke, die im Zuge des von den Nationalsozialisten organisierten staatlichen Kunstraubs aus dem besetzten Frankreich entwendet wurden, nach dem Zweiten Weltkrieg wieder zurückgeführt werden konnten.

Listen ermöglichten Rückführung von Kunstwerken

Eine bis 18. Oktober im Jagdschloss Schorfheide zu sehende Wanderausstellung mit dem Titel „Rose Valland – Auf der Suche nach enteigneter Kunst“ führt nun durch die hierzulande zumeist wenig bekannte Lebensgeschichte der hoch dekorierten französischen Offizierin. Als Konsvervatorin im Musée du Jeu de Paume saß sie während des zweiten Weltkriegs an einem logistischen Knotenpunkt des staatlich organisierten NS-Kunstraubs.
Das Pariser Museum diente den Nazis als Depot für Kunstgegenstände, die nach Deutschland verschickt werden sollten, wo sie nicht selten die Anwesen hoher NS-Funktionäre schmückten. Kunstgegenstände, die zuvor von bereits deportierten oder geflohenen Juden oder aus Museen gestohlen wurden. Unter äußerst gefährlichen Bedingungen war es Rose Valland gelungen, detaillierte Listen dieser Gemälde oder Skulpturen mitsamt deren vorgesehenen Bestimmungsorten anzulegen.
Diese Listen ermöglichten es, dass nach dem Zweiten Weltkrieg zahlreiche gestohlene Kunstgegenstände aufgespürt und an die rechtmäßigen Eigentümer oder deren Nachfahren wieder zurückgeführt werden konnten. Als Offizierin der französischen Armee war die vor vierzig Jahren verstorbene Valland selbst aktiv an solchen Rückführungen beteiligt.

Transportkisten als Informationsboxen

Platz gefunden hat die Sonderausstellung in der Museumsscheune des Jagdschlosses, die auch die Ausstellung „Jagd & Macht“ enthält. Umfunktionierte, meterhohe Transportkisten aus Holz dienen dabei als Informationsboxen. Ausgestattet mit zahlreichen nachgedruckten Archivdokumenten, Karten oder Zeitungsausschnitten geben sie Einblick in den Werdegang Rose Vallands, das System des NS-Kunstraubs und den teils langwierigen Prozess der Restitution, also der Rückführung von Gegenständen an die rechtmäßigen Besitzer.
Zwar dürfte es wohl auch an dem zur Verfügung stehenden Platz gelegen haben, dass die letzte dieser Transportkisten vor einem zur Dauerausstellung „Jagd & Macht“ gehörenden Modells von Carinhall steht. Doch die Anordnung ergibt durchaus Sinn. Schließlich landeten nicht wenige Stücke der in eben jene Holzkisten verladenen Raubkunst auch in dem einstigen Anwesen des Reichsjägermeisters Hermann Göring, das nur wenige Kilometer von Ausstellungsort entfernt stand.

Nächster Stopp ist Bonn

Der feierlichen Eröffnung der vierwöchigen Wanderausstellung war eine mit internationalen Wissenschaftlern besetzte Tagung vorausgegangen, die sich mit verschiedenen Aspekten des Wirkens Rose Vallands auseinandersetze und dieses in den größeren Kontext des deutschen Kunstraubens während des Zweiten Weltkrieg setzte. So widmete sich ein Tagungsbeitrag etwa der Person Hermann Görings in den Augen Vallands. Ihre Auseinandersetzung mit dem hochrangigen Nazi, der sich geschickt in die Logistik des für die Organisation des Raubs verantwortlichen Einsatzstabs Reichsleiter Rosenberg (ERR) hineindrängte, um so seine private Kunstsammlung zu vergrößern, hatte dabei fast obsessive Züge, sagt Kerstin Kämpfe im Rückblick auf die Tagung. Diese führte die Widerstandskämpferin einst selbst auf das Gelände des 1945 gesprengten Carinhalls.
Im Anschluss an die vier Wochen in Groß Schönebeck soll die Ausstellung weiter an das Institut Français in Bonn ziehen. Auch in der Französischen Botschaft in Berlin soll sie noch zu sehen sein.

Raubkunst und Restitution


Als „Raubkunst“ werden von den Nationalsozialisten gestohlene Gemälde, Skulpturen oder andere Kunstgegenstände bezeichnet. Heute schätzt man, dass gut 600.000 Kunstwerke gestohlen wurden. Den Versuch, die Kunstwerke wieder an ihre früheren Besitzern zurückzugeben, bezeichnet man als Restitution.