Sommertour der Grünen
: Alles Bio – auch die Urne

Wahlkampf zwischen Urnen führt Grünen-Landtagsmitglied Axel Vogel.
Von
Viola Petersson
Eberswalde
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  • Wahlkampf zwischen Urnen: Landtagsmitglied Axel Vogel (B90/Grüne) besuchte am Dienstag das Bestattungshaus Pöschel in Eberswalde. Inhaberin Sylvia Pöschel zeigte dem Gast unter anderem die Urnen aus biologisch abbaubarem Material.

    Wahlkampf zwischen Urnen: Landtagsmitglied Axel Vogel (B90/Grüne) besuchte am Dienstag das Bestattungshaus Pöschel in Eberswalde. Inhaberin Sylvia Pöschel zeigte dem Gast unter anderem die Urnen aus biologisch abbaubarem Material.

    torsten stapel
  • Erinnerung in Herzform: Diese Talismane, gefüllt mit etwas Totenasche, waren bislang eine Möglichkeit.

    Erinnerung in Herzform: Diese Talismane, gefüllt mit etwas Totenasche, waren bislang eine Möglichkeit.

    Torsten Stapel
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Seine Eltern waren einst in Oberbayern Totengräber. Deshalb sei er schon früh mit dem Tod konfrontiert worden und habe von jeher eine besondere Beziehung und Einstellung zum Lebensende, verrät Axel Vogel (Bündnis 90/Die Grünen), Mitglied im Brandenburger Landtag, am Dienstagvormittag bei seiner Stippvisite im Eberswalder Bestattungshaus Sylvia Pöschel. Der eigentliche Grund seines Besuches im Rahmen der Sommertour aber sei ein anderer. Der Landtag habe 2018 ein neues Bestattungsgesetz verabschiedet. Im Oktober sei dies in Kraft getreten. Der Abstimmung ohne Fraktionszwang sei eine „lebhafte Debatte“, eine Kontroverse vorausgegangen, wie er sie zuvor selten erlebt hatte, erklärt der Grünen-Politiker. Und verweist sogleich auf die Diskussion um das Verpressen von Totenasche zu Diamanten. Eine Option, die der Landtag letztlich mehrheitlich abgelehnt hat.

Trend zur halbanonymen Form

Und eine Frage, auf die auch Sylvia Pöschel prompt einsteigt. Sie habe die Debatte darum sehr interessiert verfolgt, sagt sie. Und sie sei nach wie vor irgendwie befremdet. Allein die Herstellung eines Rohdiamanten aus Ascheteilen würde um die 4000 Euro kosten. Weshalb schon aus finanziellen Gründen kaum ein Hinterbliebener in der Region solche Überlegungen anstellen würde. Worum es ginge, sei Erinnerung, sagt Pöschel. Gerade beim anhaltenden Trend (weg von der Erdbestattung, hin zur Feuerbestattung und zu anonymen bzw. halbanonymen Beisetzungsformen) sei Erinnerung wichtig. Sylvia Pöschel zeigt auf Talismane in ihrem Büro, etwa kleine Herzen, die mit etwas Asche gefüllt werden können. Eine Möglichkeit, von der vor allem Ehepartner gern Gebrauch machen würden. Aufgrund der Bestattungsgesetz-Novelle sei sie nun aber doch verunsichert, gesteht die 56-jährige Inhaberin. Axel Vogel notiert’s und verspricht Aufklärung.

Gastgeberin und Gast sprechen über den Wandel in der Bestattungskultur. In Eberswalde, so schätzt Sylvia Pöschel ein, würden etwa 80 Prozent der Hinterbliebenen inzwischen eine halbanonyme Bestattungsform wählen, etwa im Kirschengarten auf dem Waldfriedhof. Hauptargument sei die Frage der Pflege. Die übernehme bei diesen Varianten der städtische Friedhof. Die Angehörigen, darunter Kinder, die mitunter weit entfernt leben, werden nicht belastet. Bei Berlinern seien hingegen vor allem Ruheforst und Friedwald gefragt. Eine Entwicklung, die auch in der Barnimer Kreisstadt festzustellen ist. Weshalb die Stadt bekanntlich den Ruheforst um eine Fläche in Südend erweitern will.

Doch dies sind nicht die einzigen Herausforderungen, vor denen Bestatter und Friedhofsbetreiber stehen. Mit Blick auf die vielfältiger gewordene Bevölkerungsstruktur, auf die Vielzahl von Nationalitäten, gelte es auch, Satzungen anzupassen. Der Sargzwang bei Erdbestattungen, so erklärt Axel Vogel, sei aufgehoben. Bekanntlich werden im Islam Leichentücher für Bestattungen verwendet. Und Eberswalde hat nach Informationen der MOZ auf dem Waldfriedhof eine Grabfläche für muslimische Beisetzungen hergerichtet.

Dienst an den Lebenden

Da ist aber auch vom Preiskampf die Rede. Sylvia Pöschel wehrt sich gegen die Redewendung vom „Geschäft mit dem Tod“. Nicht nur, da die Konkurrenz in der Barnimer Kreisstadt bei insgesamt sieben Beerdigungsinstituten extrem hoch ist, sie versteht ihr Geschäft eher als Dienstleistung, als Dienst an den Lebenden, der Beratung, Hilfe bei der Trauerarbeit einschließt. Gestorben werde zwar immer, doch Beruf und Markt hätten sich in den vergangenen 30 Jahren stark verändert, so ihre Erfahrung. Und Sohn Christian, seit vier Jahren mit im Unternehmen, pflichtet ihr bei.

Am Freitag besucht Vogel den Friedhof der Stadt Angermünde, die von sich selbst sagt, gerade eine der modernsten Friedhofssatzungen auf den Weg gebracht zu haben, um geringer Auslastung und immer höheren Kosten zu begegnen. „Da bin ich selbst gespannt“, so der Grünen-Politiker.

Brandenburger Gesetzes-Novelle

Im Oktober 2018 trat in Brandenburg ein neues Bestattungsgesetz in Kraft. Zu den wesentlichen Änderungen der Novelle gehört eine Bestattungspflicht für Tot- und Fehlgeburten ab 500 Gramm. Bislang waren 1000 Gramm das "Maß  der Dinge". Fehlgeburten unter 500 Gramm sind auf Wunsch der Eltern zu bestatten. Eberswalde hat entsprechend diesen Neuerungen reagiert. Eltern können auf dem Waldfriedhof auf dem "Sternenkinderfeld" ihre totgeborenen Kinder beisetzen. Nähere Informationen dazu gibt es auch beim Initiativkreis Sternenkinder Barnim, der sich 2018 gegründet hat.⇥vp