Spirituosen: Obstbrände aus Niederfinow entstehen im Schweinestall
Eine Tafel für Gäste steht dort. Im Regal in der Ecke warten Brände und Liköre aus Hauszwetschge oder Löhrpflaume auf Käufer oder Verkoster. Sie sind in braune bauchige Flaschen abgefüllt, die an alte Arzneifläschchen erinnern, wie sie einst in Apotheken standen. Voluminöse Gläser mit eingelegtem Obst lagern ganz oben im Regal. Das Kernstück des Betriebs, die kupferfarben glänzende Brennanlage fällt sofort ins Auge. Wer den kugelförmigen Kessel öffnet, dem steigt noch das intensiv fruchtige Aroma des letzten Brennvorgangs in die Nase.
Raus aufs Land
„Das war schon immer so eine Spinnerei. Wenn wir groß sind, machen wir eine Brennerei auf“, sagt Stefan Müller (50). An seiner Seite seine Frau Jana (33). Beide hätten zwar schon in der Gastronomie gearbeitet, bevor sie Schnapsbrenner wurden aber etwas völlig anderes gemacht. Er arbeitete als Geschäftsführer für ein Kopierwerk, sie für einen Filmverleih. Beide in Berlin, wo Stefan Müller als gebürtiger Schwabe bereits seit 20 Jahren lebt. Nun sind sie rausgezogen aufs Land, wollten ihre Geschäftsidee nicht in der Hauptstadt verwirklichen. „Schnaps brennen hat was mit Obst, mit Landwirtschaft zu tun“, sagt Stefan Müller. Er wollte nicht in die Ecke des typischen Berliner Startups gesteckt werden und hatte für die Brennerei ganz Brandenburg ins Auge gefasst.
Bei eBay Kleinanzeigen stieß das Paar auf den kleinen Bauernhof direkt an der Straße zum Schiffshebewerk, das in Sichtweite zum Grundstück liegt. Die Touristenattraktion, die jedes Jahr mehr als 100 000 Besucher anlockt, war ein starkes Argument für die Standortwahl. „Die Touristen schauen sich das Hebewerk an, essen vielleicht noch eine Currywurst und fahren wieder heim“, sagt Stefan Müller. Mit seinen Bränden oder Likören könnten sie nun etwas direkt aus Niederfinow mitnehmen und hätten mit der Brennerei ein zusätzliches Ausflugsziel.
Die Brände und Liköre, von denen 7000 bis 8000 Flaschen in diesem Jahr produziert werden sollen, werden allerdings längst in Gaststätten der Hauptstadt ausgeschenkt und können in Regionalläden wie Globus Naturkost in Eberswalde oder an der Milchtankstelle in Dannenberg erworben werden. Der Absatz der edlen Tropfen scheint also geregelt. Erst im August 2019 hatte die Brennerei ihren Betrieb aufgenommen und seitdem bereits einige Gäste zur Verkostung empfangen können, die meisten tatsächlich aus dem Barnim. Eine bessere Dorfkneipe aber wollen Jana und Stefan Müller nicht führen. Ihr Hofladen öffnet Freitag bis Sonntag und wann immer sie da sind. Darüber hinaus aber werden auf Anfrage Verköstigungsabende angeboten, zu denen auch Speisen gereicht werden.
Doch kann jeder aus Berlin nach Brandenburg gezogene Laie einfach so Schnaps brennen? Technischen Sachverstand braucht es dafür schon. Um ihn sich anzueignen hat Stefan Müller unter anderem in Österreich Seminare besucht. „Ich bin gelernter Werkzeugmacher und habe das Wesen einer Brennanlage schnell verstanden. Wenn man dann noch riechen und schmecken kann“, sagt er. Die Lizenz zum Brennen käme letztlich mit dem Erwerb der Brennanlage. Diese werde vom Zoll abgenommen, der dann die Genehmigung zum Betrieb gibt.
Für ganz geringe Mengen gehe das auch genehmigungsfrei. Das gilt für Kleinbrennanlagen, die nur 0,5 Liter Maische fassen und am Ende des Brennvorgangs etwa ein halbes Schnapsglas reinen Alkohol ergeben. Eher eine Spielerei, meint Stefan Müller, dessen Anlage bis zu 230 Liter Maische fasst und je nach verwendetem Obst zwischen vier und 20 Liter Alkohol ergibt. Zur Maische werden die Früchte unter Beigabe von Hefe in sogenannten Gärtanks. Nach dem Destillationsprozess gewinnt Müller mit seiner Anlage 85 bis 86-prozentigen Alkohol. Da diesen so niemand trinken will, wird er mit destilliertem Wasser verdünnt, bis er die gewünschten Prozente hat.
Wer nun auf den Geschmack gekommen ist und selbst brennen möchte, muss wenngleich er sich das technisch zutraut, auch noch Geld in die Hand nehmen. 80 000 Euro haben Stefan und Jana Müller allein in die Brennanlage gesteckt. Insgesamt haben sie zur Verwirklichung ihrer „Schnapsidee“ ohne den Grundstückskauf etwa 200 000 Euro investiert. Dafür gab es eine Leader-Förderung von 45 Prozent.
Das Gütesiegel des Biosphärenreservats Schorfheide-Chorin kann sich die Feinbrennerei nach nicht mal einem Jahr in Betrieb ebenfalls anheften. Bei ihren Früchten legen sie Wert darauf, möglichst regional, in jedem Fall aber Bio einzukaufen.
Gin und Ferienwohnung
Und die Ideen gehen noch weiter. Gin soll es irgendwann auch noch aus Niederfinow geben. Dafür allerdings müsse der Alkohol zugekauft werden. „Der Alkoholgehalt muss nach dem ersten Destillationsprozess 96 Prozent betragen. Das erreicht keine kleine Brennanlage“, erklärt Stefan Müller. Der Alkohol wird dann mit Wacholder, als einziges Geschmackskriterium für Gin, und je nach Belieben mit anderen Kräutern aromatisiert. Auch die Umbaupläne am ehemaligen Stallgebäude gehen noch weiter. Damit nach der Verköstigung niemand mehr nach Hause fahren muss, soll direkt über der Brennerei eine Ferienwohnung entstehen.



