Stadtgeschichte
: Spuren der Verschwundenen

Die Begegnung mit einer Holocaust-Überlebenden brachte sie dazu – seit 2003 erforscht Ellen Grünwald jüdisches Leben in Eberswalde. Um sie herum hat sich nun eine Initiative gegründet.
Von
Ellen Werner
Eberswalde
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Überwucherte Gräber: Auf den Spuren jüdischen Lebens in Eberswalde zeigt Ellen Grünwald Besuchern ihrer thematischen Stadtführungen auch den neuen jüdischen Friedhof an der Freienwalder Straße neben dem Waldfriedhof. Nach ihren langjährigen Recherchen zu dem Kapitel der Stadtgeschichte kann sie auch über manches Schicksal hinter den verwitterten Grabsteinen Auskunft geben.

Torsten Stapel

Ein Tag vor 16 Jahren; Lilli Kirsh, eine betagte Dame, steht vor Ellen Grünwalds Tür. Sie bittet die junge Mutter, einen Blick in das Haus in der Goethestraße werfen zu können. Vor dem Krieg, als Kind, habe sie darin gelebt. Ein Irrtum, stellt sich heraus. Das Haus in der früheren Bismarckstraße 23b, in dem das jüdische Mädchen Lilli, geboren mit dem Nachnamen Löwenthal, aufgewachsen war und das es 1938 mit seinen Eltern auf der Flucht vor den Nazis verlassen musste, gibt es nicht mehr. Doch die beiden Frauen kommen ins Gespräch, suchen gemeinsam nach Lillis Kindheitsort, nach Spuren ihrer Familie.

Ellen Grünwald, damals noch Behring, lässt das Treffen nicht mehr los. Das Verschwundene, die Verschwundenen, haben für die Eberswalder Erzieherin ein Gesicht bekommen. Sie forscht weiter, trägt Namen jüdischer Stadtbewohner zusammen. Fast 500 sind es fünf Jahre später, als sie das „Eberswalder Gedenkbuch für die jüdischen Opfer des Nationalsozialismus“ vorlegt.

„Ein ziemlicher Höhepunkt der Arbeit“, sagt die inzwischen 50-Jährige über das Buch. Doch überholt ist der Band schon zu seinem Erscheinen. Und, weniger bemerkt von der Öffentlichkeit: Die Recherchen gehen weiter. Gemeinsam mit Brigitta Heine, der Leiterin des Barnimer Kreisarchivs, durchforstet sie Archive und weitere Quellen. Annähernd 1500 Einträge umfasst ihre ehrenamtlich angelegte Namensdatenbank inzwischen.

Der Montag nur fürs Ehrenamt

Daneben wächst das Themenfeld auch in anderer Richtung. 2013 initiiert Grünwald die Verlegung von Stolpersteinen, sie bietet thematische Stadtführungen an, sie hält Vorträge an Schulen. Ihre Stelle an der Montessori-Schule reduziert sie auf eine Vier-Tage-Woche. Der Montag, ihr freier Tag, gelte allein der jüdischen Geschichte – der Recherche, Briefwechseln, der Vorbereitung von Führungen. „Aber dieser eine Tag reicht trotzdem nicht aus“, sagt sie. Nach mehr als 15 Jahren Ehrenamtsarbeit im eigenen Auftrag beschließt sie, mehr Leute ins Boot zu holen.

„Wir sind inzwischen etwa 15 Personen, die sich engagieren, auch über die Namensdatenbank hinaus“, sagt Ellen Grünwald. Das umfangreiche Register soll auf den Internetseiten der Kreisverwaltung veröffentlicht und zudem für den gesamten Barnim fortlaufend erweitert werden. Ein Ziel, das Grünwald und Heine künftig nicht mehr allein verfolgen. Bei einem Treffen im Paul-Wunderlich-Haus in der vergangenen Woche stellten die Ehrenamtlerinnen die Arbeit der vergangenen Jahre vor und gründeten mit weiteren Mitstreitern die Initiative „Spuren jüdischen Lebens in Eberswalde“, berichtet Fotograf Torsten Stapel für die Gruppe.

Marieta Böttger etwa, die frühere Integrationsbeauftragte im Barnim, habe Unterstützung von der Bürgerstiftung Barnim-Uckermark angeboten und wolle zudem als Privatperson für diverse Schreiben zur Verfügung stehen. Karl-Dietrich Laffin vom Finower Wasserturm-Verein gehe der jüdischen Geschichte der Messingwerksiedlung nach. Andere Mitglieder der Initiative wollen sich den zwei jüdischen Friedhöfen oder der Archivarbeit widmen. Studentin Zina Zaimeche flankiere die Aktivitäten mit einer Masterarbeit an der Eberswalder Hochschule.

„Eberswalde hat enorm viel zu bieten, was jüdische Geschichte angeht“, hebt Ellen Grünwald hervor. Gleichermaßen sei das Interesse daran gewachsen, nicht zuletzt mit dem 2012 eingeweihten Synagogendenkmal auch über die Stadtgrenzen hinaus. Ihr fällt vieles ein, was es für die neue Initiative anzupacken gilt: Bestandsaufnahmen für die jüdischen Friedhöfe, mehr Stolperstein-Führungen, die Erstellung eines Stolperstein-Flyers, der auf die Schicksale hinter den Stolpersteinen hinweisen sollte, mehr Bildungsarbeit an Schulen.

Konkret wird es im Herbst. Dann soll es eine Aufräumaktion auf den jüdischen Friedhöfen geben und die neue Namensdatenbank im Internet an den Start gehen.