Tarifstreit
: 20 Prozent mehr Lohn für Pfleger und Schwestern

Pflegekräfte im „Forßmann"erhalten bis 2022 deutlich mehr Lohn. Gleichzeitig sinkt die Arbeitszeit. Im Gegenzug verzichten sie auf Urlaubsgeld.
Von
Viola Petersson
Eberswalde
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  • Haben gut lachen: die Pflegekräfte im "Forßmann". Der Kampf hat sich gelohnt. Ab 2020 gibt es in drei Schritten insgesamt 20 Prozent mehr Geld. Gleichzeitig sinkt die Arbeitszeit um eine halbe Stunde pro Woche.

    Haben gut lachen: die Pflegekräfte im "Forßmann". Der Kampf hat sich gelohnt. Ab 2020 gibt es in drei Schritten insgesamt 20 Prozent mehr Geld. Gleichzeitig sinkt die Arbeitszeit um eine halbe Stunde pro Woche.

    Wiedl, Hans
  • Ver.di-Aktion im Tarifstreit: Gewerkschafter Ivo Garbe (am Mikro) weiß die Belegschaft hinter sich.

    Ver.di-Aktion im Tarifstreit: Gewerkschafter Ivo Garbe (am Mikro) weiß die Belegschaft hinter sich.

    Sven Klamann/MOZ
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Die Pflegekräfte des zum Klinikkonzern GLG gehörenden Werner–Forßmann–Krankenhauses erhalten bis 2022 deutlich mehr Gehalt. Die Grundvergütung soll  in drei Schritten um insgesamt 20 Prozent steigen. Dies ist eines der aus Arbeitnehmersicht wohl wichtigsten Ergebnisse der Verhandlungen zum Manteltarifvertrag, die am Mittwochnachmittag mit einer Einigung endeten.

Beide Parteien sprachen nach den Gesprächen von einem „Durchbruch“. Die Tarifkommission der Gewerkschaft Ver.di hat noch am Abend das Gesamtpaket einmütig angenommen, so Verhandlungsführer Ivo Garbe. Er bezeichnete das Ergebnis sogar als „großen Wurf“. Auf einer außerordentlichen Betriebsversammlung wurden die Mitarbeiter am Donnerstagmittag über die Details informiert.

Annäherung an TVöD

Laut Pressemitteilung, die GLG und Gewerkschaft gemeinsam herausgegeben haben, wurde von den Partnern eine neue Struktur der Entgeltvereinbarung beschlossen, und zwar in Anlehnung an den Tarifvertrag des öffentlichen Dienstes (TVöD). Dies war bekanntlich eine der Hauptforderungen von Ver.di.  Diese neue Tabellenstruktur, so Garbe, sei für viele Fachkräfte mit einer höheren Eingruppierung verbunden. Gleichzeitig ginge die Veränderung mit einer Anpassung der Zuschläge und Bereitschaftsdienstbewertungen an das TVöD–Niveau einher.

Die Erhöhung der Grundvergütung um 20 Prozent erstrecke sich über drei Jahre. Die erste Steigerung, um mindestens fünf Prozent, gebe es zum 1. April 2020, die weiteren zum 1. Januar 2021 und 1. Januar 2022. Zudem reduziere sich die Arbeitszeit ab Anfang 2021 für alle Pfleger ab dem fünften Jahr Betriebszugehörigkeit um 30 Minuten pro Woche, also von 40 auf 39,5 Wochenstunden. „Wir sind damit einen großen Schritt hin zum TVöD gegangen, haben starke materielle Verbesserungen erreicht“, so Garbe.

Als „Wermutstropfen“ und gleichzeitig als Zeichen der Bereitschaft zu Zugeständnissen sieht der Gewerkschaftssekretär die Vereinbarung an, für die Laufzeit auf Urlaubsgeld zu verzichten (das seien pro Jahr 255 Euro) und das Weihnachtsgeld bei 60 Prozent „einzufrieren“.  Eine bittere Pille, die die Mitarbeiter offenbar schlucken.

GLG–Geschäftsführer Jörg Mocek, für die kaufmännische Seite im Konzern zuständig, sprach mit Blick auf das Ende des Tarifstreits und den erzielten Kompromiss gegenüber der Zeitung von einem „richtigen Schritt zum richtigen Zeitpunkt“. Die 20–prozentige Gehaltssteigerung, wollte er betont wissen, sei eingebettet  in ein Gesamtpaket. Sie sei insbesondere im Kontext der neuen rechtlichen Bestimmungen zu sehen.

Seit Jahresbeginn seien allein 19 Gesetze bzw. Gesetzesänderungen beschlossen worden, die die Krankenhausfinanzierung und die personelle Ausstattung betreffen. All diese Normen würden darauf zielen, die Qualität der Pflege in den Kliniken zu fördern, zu stärken. Insofern stehe auch das „Forßmann“ vor der Aufgabe, strukturelle und organisatorische Veränderungen zu vollziehen, um das Haus „für die Zukunft aufzustellen“. Und um jene Erlöse zu erzielen, die unter anderem eben zur Finanzierung des jetzigen Tarifabschlusses nötig sind. Eine Kreditaufnahme sei momentan keine Option.

Parlamentarischer Beistand

Laut Mocek liegt das Jahreseinkommen (Grundvergütung) der Pflegekräfte in Brandenburg aktuell bei durchschnittlich knapp 30 000 Euro brutto.   Eine dreijährig examinierte Schwester  im „Forßmann“ ginge derzeit im Schnitt mit Zuschlägen mit etwa 40 000 Euro nach Hause.

Ver.di hatte zum 31. März den Manteltarifvertrag gekündigt. Seither rangen die Parteien um eine Einigung. Das erste Arbeitgeber–Angebot hatte die Belegschaft als unzureichend abgelehnt. In einer Pausenaktion Anfang September drohten die Pfleger mit Streik. Auch die Politik hatte sich in die Auseinandersetzung eingeschaltet. Das Eberswalder Parlament leistete den Pflegern gewissermaßen per Beschluss Schützenhilfe.

Die Ver.di–Mitglieder müssen der Einigung noch zustimmen.