Am Mittwoch wurde die Nachricht von der Ende 2021 möglichen Werksschließung der Thyssenkrupp Rothe Erde GmbH in Eberswalde öffentlich. Die IG Metall hatte in einer Pressemitteilung Widerstand angekündigt. Schließlich würden nun 80 Beschäftigte um ihren Arbeitsplatz fürchten. Die Schließung sei in den Augen der Gewerkschaft inakzeptabel.
In einem Statement auf Nachfrage der MOZ gibt es nur eine knappe Antwort des Unternehmens. „Eine mögliche Schließung des Werkes Eberswalde wird derzeit geprüft. Die Betriebsparteien haben in dieser Angelegenheit bereits Gespräche aufgenommen. In einer Belegschaftsversammlung Anfang September wurden die Beschäftigten des Werkes über die aktuellen Entwicklungen informiert“, heißt es seitens der Firma.

China und Indien billiger

Etwas ausführlicher sind die Gründe für eine Werksschließung in einem Schreiben formuliert, das an die Mitarbeiter gerichtet ist und am Donnerstag der MOZ-Redaktion zugespielt wurde. Demnach setzt der gestiegene Preisdruck dem Standort zu. Das Eberswalder Werk ist auf die Serienfertigung von Blattlagern für Windenergie mit einem Durchmesserbereich bis 3500 Millimeter ausgerichtet. Zum einen fänden die Maße immer seltener Verwendung, zum anderen schwenkten Auftraggeber zunehmend auf sogenannte Low Cost Countries wie Indien und China um.

Investitionen wären nötig

Die in Eberswalde gemietete Fertigungshalle sei unter anderem aufgrund der Platzverhältnisse nicht für andere Produkte geeignet. Erhebliche Investitionen wären dafür nötig. Das sei auch im Vergleich mit anderen Unternehmensstandorten nicht wirtschaftlich. Das Unternehmen bedaure diese Entwicklung und sei sich der sozialen Tragweite des Vorhabens bewusst, heißt es in dem Schreiben.
Auch die Eberswalder Arbeitsagentur bedauert die mögliche Schließung, macht den Arbeitnehmern aber Hoffnung. „Aus heutiger Sicht bestehen in der Metallbranche sowohl in der Hauptstadt-Region als auch darüber hinaus gute Chancen, eine neue Beschäftigung beispielsweise in den Bereichen Metallbau, Schweißtechnik und Zerspanung zu finden“, heißt es auf Anfrage.

Tesla als Chance für Arbeiter

Aktuell gibt es im Agenturbezirk Eberswalde in diesen Berufsgruppen 105 der Arbeitsagentur gemeldete freie Stellen. In Berlin-Brandenburg sind es insgesamt rund 1300. Dies sei der Stand vom August. Auch die Tesla-Ansiedlung in Grünheide böte vielleicht einen Lichtblick für Arbeitnehmer der Branche aus dem Raum Eberswalde. Natürlich spielten dabei auch Qualifizierung und die Familie eine wichtige Rolle, heißt es seitens der Agentur.
Barnims Landrat Daniel Kurth reagiert mit Bestürzung auf die Nachricht einer möglichen Werksschließung Ende 2021. Bisher seien noch keine Gespräche mit dem Unternehmen geplant. Es werde aber versucht dies einzurichten.

Landrat weist auf Tradition hin

Der Landrat weist in seiner Antwort auf eine MOZ-Anfrage auf die Tradition Eberswaldes als Standort der Metallindustrie seit dem 17. Jahrhundert hin. „Das Werk Thyssenkrupp Rothe Erde Eberswalde, das aus dem VEB Kranbau Eberswalde hervorging, fand über mehrere Stationen mit der Produktion von Großwälzlagern eine Nische, in der die Metalltradition der Region ihre Fortsetzung fand. Wenn Rothe Erde schließt, geht wieder ein Teil davon verloren. Das schwächt natürlich den Industriestandort Eberswalde, ja ganz Ostbrandenburg“, meint Kurth.
Industriearbeitsplätze mit hoher Wertschöpfung würden verloren gehen, so der Landrat weiter. Um die lohne es sich immer zu kämpfen. Als Teil eines Großkonzerns mit Standorten in zehn Ländern sei aber immer klar, dass der Barnim von fernen Entscheidungen abhängig ist. „Hier schlagen internationale Marktmechanismen direkt durch“, konstatiert der Landrat.

Stadt wusste Bescheid

Laut Eberswaldes Wirtschafts- und Sozialdezernent Jan König wurde die Stadt bereits Mitte August über die Schließungspläne informiert. Nachdem die Mitarbeiter eingeweiht waren, wie er betont. „Wir waren zunächst natürlich mehr als irritiert, hatten aber ein sehr transparentes Gespräch mit der Unternehmensleitung“, so König. In diesem Gespräch seien die Beweggründe sehr plausibel und offen dargelegt worden.
Die Bedingungen vor Ort als auch die Qualität der Mitarbeiter werden sehr positiv bewertet, jedoch sei Thyssenkrupp im Bereich des Eberswalder Werkes auf dem Weltmarkt aktiv. „Da ist die Konkurrenzsituation sehr stark und diese Bedingungen wirken natürlich auf die wirtschaftliche Situation der einzelnen Unternehmen“, sagt König. „Wir haben aber vereinbart gemeinsam nach Lösungen für die Beschäftigten zu suchen“, so der Dezernent. So werden den Azubis Perspektiven im Unternehmen aufgezeigt, mit anderen Arbeitgebern gesprochen und Altersteilzeitregelungen ausgelotet.