30 Jahre Mauerfall
: Mit dem Trabi in den Westen

Der Müllroser Pfarrer Matthias Hirsch erinnert sich an die Grenzöffnung 1989. Die erste Reise führte ihn nach Lübeck.
Von
Frank Groneberg
Müllrose
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Zeitzeuge: Pfarrer Matthias Hirsch erzählt von seinen Erinnerungen an die Geschehnisse um den 9. November 1989.

Frank Groneberg

An diesem Sonnabend ist es genau 30 Jahre her, dass die DDR–Regierung für ihre Bürger die Staatsgrenzen zu Westberlin und zur BRD geöffnet hat. Damit waren das Ende der Mauer und auch das absehbare Ende der DDR besiegelt. Der 9. November 1989, ein Donnerstag, war einer der Höhepunkte im sogenannten Wendeherbst 1989, in dem eine der Hauptforderungen die Gewährung der Reisefreiheit war. Am darauffolgenden Wochenende reisten geschätzt etwa 1 Million DDR–Bürger in die BRD und nach Westberlin, um Verwandte zu besuchen, sich mal „im Westen“ umzuschauen und — zumindest trifft das für die allermeisten Reisenden zu — anschließend wieder in ihre Heimat zurückzukehren.

Es gab aber auch viele Menschen, die erst Wochen oder gar Monate nach der Grenzöffnung zum ersten Mal "rüberfuhren“. Zu ihnen gehört Matthias Hirsch, Pfarrer der evangelischen Kirchengemeinde Müllrose — Mixdorf  — Fünfeichen — Rießen. Er erinnert sich noch sehr genau an den 9. November vor 30 Jahren. „Da ich mitten in der Arbeit als Pfarrer steckte, außerdem unsere drei Kinder klein waren, war der 9. November 1989 für mich ein ganz normaler Arbeitstag“, erzählt er. Damals habe er „fernab Berlins auf einem kleinen Dorf zwischen Grimmen und Greifswald“ gearbeitet.

Von den rasanten Entwicklungen an diesem Abend hätte er beinahe nichts erfahren, denn: „Bis zur Wendezeit hatten wir keinen Fernseher“, erinnert er sich. „Das war auch kein Verlust.“ Der Blick rüber über die Mauer via Fernseher sei ihnen so nicht möglich gewesen. „Aber im Herbst haben meine Eltern uns ein Gerät geschenkt. Und jetzt wurde es spannend, die Aktuelle Kamera zu sehen. Und dort habe ich auch von der Grenzöffnung erfahren.“

Von plötzlich einsetzender Euphorie konnte jedoch keine Rede sein, berichtet der Pfarrer. Er habe nämlich „die Nachricht von Schabowski nicht so verstanden, dass die Mauer sofort offen wäre, sondern eher an eine Verwaltungsregelung gedacht. Aber die Bilder, die dann bald zu sehen waren, haben gezeigt, dass jetzt mit einer geordneten Verwaltung nichts mehr zu machen war.“

Dankbarkeit ist noch heute da

In den Westen reiste Matthias Hirsch dann erst später. „Durch die Arbeit in der Gemeinde hatte ich keine Zeit, nach der Maueröffnung nach Berlin zu fahren“, betont er. „Viele Menschen um mich herum haben zwar immer wieder gefragt und auch mit Unverständnis reagiert, aber ich konnte ja nicht einfach die Gemeinde sein lassen oder Gottesdienste ausfallen lassen, um in den Westen zu fahren.“

Die erste Autoreise hat die Familie dann erst nach Weihnachten gemacht. „Sie hat uns nach Lübeck zu Freunden geführt. Lübeck — Schlutup war jetzt wirklich aufgeschlossen. Allerdings konnte ich kaum fahren, weil die Straße so voll war. Außerdem stieg mein Blutdruck erheblich an: mit dem Tabi in den Westen fahren und keiner schießt auf uns! Es war unbegreiflich.“ Und ein wenig von diesem Gefühl der Dankbarkeit und Aufregung sei immer noch bei ihm vorhanden. „Ich darf Grenzen passieren — und ich muss mich nicht rechtfertigen. Einfach großartig.“