Alte Nationalgalerie: Ausstellung „Unendliche Landschaften“ zu Caspar David Friedrich

Die Bilder „Mönch am Meer“ (l.) und „Abtei im Eichwald“ sind in der Ausstellung "Caspar David Friedrich. Unendliche Landschaften“ anlässlich des 250. Geburtstages des Künstlers in der Alten Nationalgalerie zu sehen.
Jens Kalaene/dpaEines gleich vorweg: Die neue Werkschau „Caspar David Friedrich. Unendliche Landschaften” in der Alten Nationalgalerie enthält NICHT den „Wanderer über dem Nebelmeer“, das ikonische, um 1818 herum entstandene Gemälde, das in der Wahrnehmung der Nachwelt oft als stellvertretend für die deutsche Romantik angenommen wird. Es ist dennoch eine beeindruckende, überwältigende Schau geworden, die das Schaffen eines der wichtigsten Künstler der deutschen Geschichte in vielen Facetten beleuchtet. Er habe „nicht einfach möglichst viele Meisterwerke“ zeigen wollen, erklärt Museumsdirektor Ralph Gleis vor Journalisten anlässlich der bevorstehenden Ausstellungseröffnung am Freitag, 19. April. Sondern vielmehr „Bilder, die ins Konzept passen“.
Dass dieses Konzept angesichts der Fülle an Caspar-David-Friedrich-Würdigungen im Jahr seines 250. Geburtstages eng abgesteckt sein muss, versteht sich von selbst. Schließlich ist erst vor wenigen Wochen die große, von Besuchern geradezu überschwemmt Ausstellung in der Hamburger Kunsthalle über die Bühne gegangen. Und es folgt noch ab 24. August die Schau „Wo alles begann“ in den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden. Jeweils mit einigen Überschneidungen der gezeigten Werke; Leihgaben und eine enge Kooperation machen es möglich. Von weiteren, kleinen Ausstellungen beispielsweise in Friedrichs Heimatstadt Greifswald ganz zu schweigen.

Die Gemälde „Mönch am Meer“ (l.) und „Abtei im Eichwald“ von Caspar David Friedrich in der Alten Nationalgalerie Berlin. Die Ausstellung anlässlich des 250. Geburtstages des Malers ist vom 19. April bis zum 4. August 2024 geöffnet.
JOHN MACDOUGALL/AFPWährend es in Hamburg vor allem um den Einfluss Caspar David Friedrichs auf die Nachwelt ging, sollen in Dresden die Einflüsse der in der dortigen Sammlung reichlich vorhandenen Alten Meister auf den jungen Romantiker gehen. In Berlin soll es, in den Worten von Direktor Ralph Gleis, „ganz um Friedrich“ gehen. Das „Eismeer“ (1823-24) ist hier ebenso zu sehen wie die „Abtei im Eichwald“ (1809-1810) und der „Mönch am Meer“ (1808-1810). Von den berühmteren unter den Spätwerken ist unter anderem „Das brennende Neubrandenburg“ (1830-1835) vertreten. Die Fakten in Kürze: 115 Werke von Caspar David Friedrichs hat das Team der Alten Nationalgalerie um Kuratorin Birgit Verwiebe zusammengetragen, davon 61 Gemälde und 54 Zeichnungen.
Anknüpfungen an die "Deutsche Jahrhundertausstellung" von 1906
Einen wichtigen Bezugspunkt bildet die „Deutsche Jahrhundertausstellung“ von 1906 in der Berliner Nationalgalerie, in der insgesamt mehr als 3300 Werke deutscher Künstler versammelt waren und die den Auftakt einer Wiederentdeckung des bis dahin vergessenen Caspar David Friedrichs (1774-1840) darstellte. 93 Gemälde von Caspar David Friedrich waren damals vereint, 45 von ihnen sind jetzt auch wieder in der Berliner Nationalgalerie zu sehen, wie Kuratorin Birgit Verwiebe sagt. Diese Parallelisierung mit der damaligen Exposition bringt es mit sich, dass die heutige Werkschau einen starken rezeptionsgeschichtlichen Fokus hat.

Drei verschiedene Varianten des Bildes „Zwei Männer in Betrachtung des Mondes“ sind in der Ausstellung "Caspar David Friedrich. Unendliche Landschaften" anlässlich des 250. Geburtstages des Künstlers in der Alten Nationalgalerie zu sehen.
Jens Kalaene/dpaDiese Ausstellung lädt zum Vergleichen ein: Denn in den Ausstellungsräumen sind mehrere Motive gleich in mehrfacher Ausführung zu sehen. Das „Segelschiff“ etwa, das „Kreuz an der Ostsee“ oder auch die berühmte Bildreihe „In Betrachtung des Mondes“ - sie alle malte Friedrich gleich mehrfach, zum Teil als Auftragswerke. In kleineren Nebensälen der Alten Nationalgalerie wird dazu gezeigt, wie und welche Pauszeichnungen der Maler für das Figurenarsenal in seinen großen Gemälden wieder und wieder verwendet hat.
Eine Nationalgalerie ist kein Kaufhaus
Einem neuerlichen Publikumserfolg steht mit den „Unendlichen Landschaften“ also wenig im Wege. Allenfalls die natürlichen Grenzen des Altbaus auf der Berliner Museumsinsel, auf die Direktor Gleis hinweist: Der Altbau sei nun einmal „kein Kaufhaus, in das beliebig viele Besucher hineingepresst werden“ könnten. Von einer drangvollen Enge wie in der etwas labyrinthischen Hamburger Ausstellung ist angesichts der weitläufigeren Berliner Räumlichkeiten vorerst nicht auszugehen. Eine Ticketvergabe mit Reservierung und Zeitfenstern ist bereits eingeplant; eine Öffnung des Haus rund um die Uhr sei „denkbar, aber noch nicht geplant“. Das sind die Kategorien, in denen angesichts einer immer weiter umgreifenden Eventisierung im Kunstbetrieb heute gedacht wird.
Caspar David Friedrich jedenfalls bleibt ein überaus zugkräftiger Name, der mit seiner Deutungsoffenheit unterschiedlichste Assoziationen weckt. Ein Moderner, dessen Gemälde „kein Abbild der Natur“ sind, wie Ralph Gleis es ausdrückt, sondern einer, der auf dem Wege der Naturdarstellung „zu den großen philosophischen Fragen“ der Menschheit vordringt. Ein Markstein der deutschen Geistesgeschichte, der immer wieder auch von verschiedenen Seiten ideologisch vereinnahmt worden ist. Als tümelnder Nationalist zum Beispiel, in den beiden Weltkriegen. Ein Umstand, auf den die Verantwortlichen in der Nationalgalerie hinweisen. Ihre Schau freilich leistet eine gute Arbeit darin, Friedrichs Rezeptionsgeschichte differenziert in die Entstehungszeit einzuordnen. Dafür sorgen auch einige aufgeschlagene kunsthistorische Bände in Schaukästen.
Ausstellung „Caspar David Friedrich. Unendliche Landschaften“ in der Alten Nationalgalerie, Museumsinsel in Berlin-Mitte, 19.April bis 4. August 2024, Internet: https://www.smb.museum/museen-einrichtungen/alte-nationalgalerie/home/

