ArcelorMittal Eisenhüttenstadt: Mehr Geld, weniger arbeiten – das sagt der Arbeitsdirektor

Ein Stahlarbeiter steht vor einem glühenden Stahl-Coil (Archivfoto). In der Stahlindustrie gibt es nach dem jüngsten Tarifergebnis mehr Geld – auch für Mitarbeiter von ArcelorMittal Eisenhüttenstadt.
Rolf Vennenbernd/dpa- IG Metall erzielt Abschluss: 1500 € im Jan 2024, weitere 1500 € in Raten, 5,5 % ab Jan 2025
- Arbeitszeit kann zur Transformation auf bis zu 32 Std. sinken, mit teilweisem Lohnausgleich
- Zwei Warnstreiks bei ArcelorMittal Eisenhüttenstadt; 24h-Streik hätte gravierende Folgen
- Hochofen sensibel: Notfallvereinbarung schützt Aggregate; ganztägiger Streik „täte weh“
- Seit 2008/09 Option: 32-Stunden-Woche mit Lohnverzicht; 80 % nutzten das Modell
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Das war knapp. Und ArcelorMittal Eisenhüttenstadt ist an einer ziemlich schmerzhaften Premiere vorbeigeschrammt, die es sehr wahrscheinlich gewesen wäre, wenn es in der Tarifauseinandersetzung in der Stahlindustrie keine Einigung gegeben hätte.
Nach der nordwestdeutschen Stahlindustrie am 16. Dezember hat die IG Metall am 18. Dezember auch in der ostdeutschen Stahlindustrie ein vorläufiges Verhandlungsergebnis erzielt. Laut IG Metall sieht dieses wie folgt aus: „1500 Euro im Januar 2024, weitere 1500 Euro in Raten, 5,5 Prozent mehr Geld ab Januar 2025. Die Arbeitszeit kann zur Sicherung von Arbeitsplätzen in der Transformation auf bis zu 32 Stunden verkürzt werden, mit teilweisem Lohnausgleich.“
Arbeitsdirektor: Weitere Streiks hätten wehgetan
Zuvor hatte es zwei mehrstündige Warnstreiks bei ArcelorMittal Eisenhüttenstadt gegeben. Die IG Metall sprach bereits von einem möglichen 24-Stunden-Streik. „Wäre es dazu gekommen, wären die Auswirkungen gravierender als bei den Warnstreiks in Stundenblöcken“, sagt Michael Bach, Arbeitsdirektor von ArcelorMittal Eisenhüttenstadt.
Vor allem im Roheisenwerk würde ein 24-Stunden-Streik die Verantwortlichen vor große Herausforderungen stellen. Denn einen Hochofen kann man nicht einfach ab- und anstellen per Knopfdruck. Das ist ein sensibles Aggregat, bei dem ein kleiner Eingriff große Folgen für die Produktion und die Anlage haben kann. „Wir haben für unser Werk in Eisenhüttenstadt mit der Gewerkschaft eine Notfallvereinbarung, die sicherstellt, dass unsere Aggregate keinen Schaden nehmen, wenn gestreikt wird.“
Aber ja, das gibt der Arbeitsdirektor zu: Ein ganztägiger Streik täte weh. „Aber das ist auch das Ziel eines Streiks.“
Michael Bach zur Arbeitszeitverkürzung
Und wie schätzt Michael Bach, die Streikkultur hierzulande ein? „Exzessiv betroffen sind wir davon in Deutschland nicht“, sagt er. In Belgien und Frankreich würde häufiger und auch länger gestreikt.
Angesprochen darauf, ob die von der Gewerkschaft geforderte Arbeitszeitverkürzung nicht kontraproduktiv sei, weil man dann noch mehr Fachkräfte benötigt, an denen aber Mangel besteht, sagt er: „Das ist ein schwieriger Spagat, den wir da machen müssen.“ Der Arbeitsalltag in der Stahlindustrie sei von kontinuierlicher Schichtarbeit geprägt. Andererseits müsse der Arbeitgeber aber auch attraktiv sein für die Menschen, die dort arbeiten.
Aus diesem Grund habe man beispielsweise am Stahlstandort in Eisenhüttenstadt in Folge der Wirtschaftskrise 2008/09 einen besonderen Vorschlag gemacht, um Personalanpassungen zu vermeiden. Die Arbeitnehmer konnten die Arbeitszeit freiwillig verkürzen, sagt Bach. Dieses Optionsmodell hätten 80 Prozent der Arbeitnehmer angenommen. Für sie gilt im Jahresdurchschnitt bereits die 32-Stunden-Woche. „Sie arbeiten weniger und haben dafür auf Einkommen verzichtet.“
Michael Bach sagt: „Ich hoffe, wir haben die glücklicheren Schichtarbeiter im Vergleich zu anderen Industriebetrieben.“
Das sagt der Arbeitsdirektor zu Gehaltsforderungen
Bach weiß: „Wir müssen uns dem Angebot und der Nachfrage stellen. Arbeitskräfte sind Mangelware und Arbeitnehmer haben Wünsche, die wir wir erfüllen müssen, um genug Menschen zu gewinnen.“ Mit einer 40-Stunden-Woche könne man in einem Betrieb wie diesem wahrscheinlich kein Personal mehr locken. „Der Zug ist abgefahren.“
Und wie steht Michael Bach zu den Gehaltsforderungen in der Tarifrunde? Die Menschen messen sich gern mit denen, die ein noch besseres Einkommen haben, sagt er. „Die Stahlindustrie in Europa braucht sich grundsätzlich nicht zu verstecken“, findet der Arbeitsdirektor. „Facharbeiter in unserer Industrie sind immer noch fähig, eine Familie zu ernähren und eine Mietwohnung zu bezahlen oder Eigentum zu erwerben. Berufe in der Stahlindustrie sind gut bezahlt.“
Er könne verstehen, dass manch einer kritisch auf die Stahlarbeiter schaue, wenn die mehr Geld und weniger Arbeitszeit fordern. Aber das funktioniere nur, weil „wir unsere Arbeitsbedingungen über einen Tarifvertrag weiter entwickeln“. Grundsätzlich wünsche er das jedem Beschäftigten – ganz egal in welcher Branche – ebenfalls. „Da ist viel aufzuholen, aber die Gesellschaft braucht eine Messlatte und da gehören wir als Maßstab dazu.“




