Außerordentliche Betriebsversammlung: „Stirbt das Werk, stirbt die Stadt“
Es ist eine richtige kleine Völkerwanderung am Freitagmorgen auf der Werkstraße in Eisenhüttenstadt. Obwohl kein Schichtwechsel ansteht, herrscht reger Betrieb. Das Ziel steht allerdings vor dem Werktor: das Zelt für die außerordentliche Betriebsversammlung. Junge, Ältere, welche in Arbeitskluft oder Anzug, Männer, Frauen — dort kommen alle zusammen, um zu zeigen, dass sie sich sorgen um die Zukunft des integrierten Hüttenwerks in Eisenhüttenstadt. „Was da passiert, ist schrecklich, einfach nur schrecklich“, findet eine Frau, die ihren Namen zwar nicht nennen möchte, aber erzählt, dass sie im Kaltwalzwerk arbeite und in Altersteilzeit sei. „Dass das alles so hinterrücks läuft, ohne dass die Kollegen auch nur eine Ahnung hatten“. Sie schüttelt den Kopf. Ihr sei das alles andere als egal, obwohl sie nicht mehr lange arbeiten muss.
Die Strukturveränderungen im Flachstahlsektor von ArcelorMittal, die im Raum stehende Fusion mit ArcelorMittal Bremen, all das lässt in Eisenhüttenstadt die Emotionen hochkochen. Nach Jahren bangen die Beschäftigten wieder um ihre Jobs. Sie wollen Klarheit. Für Johannes Tietz ist diese Situation komplett neu, er kennt den Kampf der Stahlwerker nach der Wende nur vom Hörensagen. „Ich habe schon Zukunftssorgen“, gibt er zu. Er habe jüngst erst seine Ausbildung abgeschlossen, jetzt arbeitet er im Kaltwalzwerk. „Ich habe geplant, hier sesshaft zu werden. Aber wenn das Werk stirbt, stirbt die Stadt.“ ArcelorMittal sei ein guter Arbeitgeber mit guten Konditionen und gutem Gehalt. „Da kommt kein anderes Unternehmen hier ran“, betont Tietz.
Diese Sorgen haben der Betriebsrat und die Gewerkschaft aufgegriffen. „Wer den Standort in Frage stellt, muss mit Widerstand rechnen“, betont Olivier Höbel, Bezirksleiter der IG Metall Berlin–Brandenburg–Sachsen. Er spricht von nicht zu Ende gedachten Fusionsplänen und kritisiert den fehlenden Respekt, weil Beschäftigte weder rechtzeitig informiert noch mit einbezogen wurden in die Entscheidung des Konzerns. "Kehren Sie zurück zur Mitbestimmungskultur“, fordert er von der Konzernführung.
Auch Holger Wachsmann, der Betriebsratsvorsitzende von ArcelorMittal Eisenhüttenstadt, kritisiert die Kommunikationspolitik in den vergangenen Wochen. Wirkliche Verhandlungen habe es bislang nicht gegeben. Er spricht von Telefonaten. Renato Thielecke vom Betriebsrat meint: "Wir haben am Ende sogar eher etwas gewusst als die Geschäftsführung, das ist doch makaber.“ Wachsmann betont: „Wir werden nicht als Bittsteller in die Gespräche gehen, wir haben was einzubringen. Wir sind ein guter Standort, der Kennziffern hat, die manch anderer in Europa haben möchte.“ Für die im Raum stehende Verschmelzung mit Bremen gibt es ihm zufolge keinen plausiblen Grund.
Pierre Jacobs, der Vorsitzende der Geschäftsführung von AMEH, erinnert in seiner Ansprache an die gut 100 Millionen Euro, die in den vergangenen drei Jahren in die Flüssiglinie am Eisenhüttenstädter Standort geflossen sind. Das hätte man nicht gemacht, wenn man genau diesen Produktionsbereich würde schließen wollen, versucht er den Anwesenden etwas Angst zu nehmen. Doch auch die Versicherung des Konzerns, dass keine Produktionsbereiche geschlossen werden sollen und der Standort durch die Strukturveränderungen nicht in Frage gestellt wird, beruhigt an diesem Tag nicht wirklich jemanden. In Eisenhüttenstadt wartet man noch immer auf Antworten.


