Bei ArcelorMittal Eisenhüttenstadt (AMEH) sind die meisten der rund 2700 Mitarbeiter seit mehreren Wochen in Kurzarbeit. Seit Sonntag stehen das Roheisenwerk und das Stahlwerk aufgrund einer Reparatur des Hochofens komplett. Dieser wird in dieser Woche wieder angeblasen. In den anderen Bereichen ist die Produktion gedrosselt, bestimmte Anlagen produzieren gar nicht. Bürgermeister mehrerer Städte haben bereits im Mai einen Brief an Bundeskanzlerin Angela Merkel geschickt, um auf die prekäre Situation aufmerksam zu machen. Wie  es an den ArcelorMittal-Flachstahlstandorten Eisenhüttenstadt und Bremen aussieht, dazu beantwortete Reiner Blaschek, der Vorsitzende beider Geschäftsführungen, Fragen der Märkischen Oderzeitung.
Herr Blaschek, wie schätzen Sie die aktuelle Situation für ArcelorMittal in Eisenhüttenstadt und Bremen ein?
Die größte Herausforderung in den vergangenen Wochen war die Ausbreitung des Coronavirus einzudämmen und damit die Gesundheit unserer Belegschaft sicherzustellen. Dies ist uns auch sehr gut gelungen, sodass wir durch den Einsatz entsprechender Hygiene- und Schutzmaßnahmen weiter produzieren konnten. Die Corona-Pandemie ist aber nicht nur eine beispiellose humanitäre, sondern auch eine außerordentliche wirtschaftliche Herausforderung. Sie kam zu einem Zeitpunkt, in der die Stahlindustrie ohnehin bereits vom konjunkturellen Abschwung bei wichtigen Kundenbranchen betroffen war. So fiel im Jahr 2019 die Rohstahlproduktion in Deutschland zum ersten Mal seit 2009 unter die Marke von 40 Millionen Tonnen. Die ersten Monate 2020 machten Hoffnung, dass sich die Wirtschaft wieder erholen würde und die Konjunktur in Fahrt kommt, wenn auch auf niedrigem Niveau. Der industrielle Shutdown im Zuge der Corona-Pandemie zerstörte vehement diese Aussichten.
Inwiefern unterscheiden sich die Probleme der beiden Standorte?
Wir sind bei ArcelorMittal weltweit von der Krise betroffen und arbeiten überall mit dem gleichen Engagement und Einsatz daran, die Auswirkungen der Pandemie abzufedern. Jedoch stellen sich die Bedingungen in jedem Land und für jeden Standort anders dar. Insofern gibt es an den beiden Standorten, für die ich verantwortlich bin, Gemeinsamkeiten, aber auch Unterschiede. Was ich erlebe, ist, dass in beiden Werken alle Beteiligten sehr verantwortungsvoll diese schwierige Situation annehmen und daran arbeiten, die Krise zu meistern. Ich bin zuversichtlich, dass wir am Ende gestärkt daraus hervorgehen werden.
Wie ist die aktuelle Auftragslage in den zwei deutschen Arcelor-Mittal-Werken?
Die Corona-Krise wird tiefe Einschnitte hinterlassen. Seit dem Ausbruch der Pandemie ist die Stahlnachfrage in allen unseren Kundensegmenten deutlich zurückgegangen. Wir gehen davon aus, dass unser Versand im zweiten Quartal mehr als 30 Prozent niedriger sein wird als im ersten Quartal. Ab Mitte März hatten alle Autohersteller begonnen, ihre Produktionsstandorte zu schließen. Auch zahlreiche Industriekunden in Osteuropa stellten insbesondere über die Osterfeiertage ihre Produktion ein. Wir mussten unsere Produktion an die neue Auftragslage anpassen. Wie an allen europäischen Standorten von ArcelorMittal wurde deshalb auch in Eisenhüttenstadt und Bremen die Produktion drastisch heruntergefahren, teilweise komplett gestoppt. Noch ist völlig ungewiss, wie lange dieser Zustand anhalten wird. Prognosen, wie sich die Lage in den nächsten Wochen und Monaten entwickeln wird, sind deshalb nur schwer möglich. Im laufenden Quartal rechnen wir weiter mit stark eingeschränkter Produktion.
In welchem Bereich ist der Markt am meisten eingebrochen?
Der Stahlmarkt ist in fast allen Segmenten dramatisch eingebrochen. Dabei zeigen sich starke Unterschiede zwischen Auto- und Industriekunden. Der Produktionsstopp in der Automobilindustrie hat uns besonders hart getroffen, da wir gerade in diesem Segment auch einen hohen Marktanteil haben. Erschwert wurde diese Situation noch durch die kurzfristige Schließung der Grenzen in Europa.
Haben Sie das Gefühl, dass die deutsche Politik aktiv genug ist, was die Stahlkrise angeht?
Die Bewältigung der Corona-Krise ist ein gesamtgesellschaftlicher Kraftakt mit historischer Dimension. In den vergangenen Wochen hat die Bundesregierung ein beachtliches Maßnahmenpaket verabschiedet, um die Folgen der Krise zu mildern. Nun kommt es darauf an, die Wirtschaft wieder in Gang zu bringen. Das in der letzten Woche von der Bundesregierung aufgelegte Konjunkturprogramm bietet dafür die richtige Grundlage, weil es Nachfrage-Stabilisierung und Zukunftsorientierung miteinander verbindet. Für die Stahlindustrie ist es wichtig, dass im Rahmen des Zukunftspakets die nationale Wasserstoffstrategie rasch auf den Weg gebracht werden soll und die Zusage, Maßnahmen für den wichtigen technologischen Wandel zu einer CO2-neutralen Stahlproduktion zu fördern. Wir brauchen einen Strukturwandel, damit grüner Stahl in Zukunft auch Abnehmer hat. Diese Ausrichtung darf aber nicht nur Deutschland betreffen, sondern muss ganz Europa umfassen. Entscheidend dabei ist, dafür auch faire Bedingungen im internationalen Wettbewerb zu schaffen.
Was sagen Sie zu der Initiative verschiedener deutscher Bürgermeister, die bezüglich der Stahlkrise einen Brief an die Bundeskanzlerin geschrieben haben?
Zunächst muss man feststellen, dass die europäische Stahlindustrie vor einer weiteren gewaltigen Herausforderung steht. Wichtige stahlproduzierende Länder wie China, die Türkei und Russland haben trotz des weltweiten Konjunktureinbruches durch die Corona-Krise ihre Stahlproduktion nicht dem Marktbedarf angepasst. Damit wurden weiter Überkapazitäten erzeugt, die nun in den europäischen Markt drängen. Aus diesem Grund haben vor einigen Tagen die Stahlproduzenten in Deutschland gemeinsam mit der IG Metall die EU-Kommission aufgefordert, ihre bestehenden Schutzmaßnahmen zeitnah anzupassen und konsequent anzuwenden. Die Initiative der Bürgermeister von deutschen Stahlstandorten geht in die gleiche Richtung. Es muss verhindert werden, dass andere Länder ihre Strukturprobleme auf dem europäischen Stahlmarkt abladen. Die EU-Kommission ist nun in der Pflicht, schnell und konsequent zu handeln, um den Stahlstandort Europa vor weiterem Schaden zu bewahren.
Wie schlägt sich ArcelorMittal im internationalen Vergleich mit anderen Stahlkonzernen?
ArcelorMittal hat sehr schnell reagiert. Als Anfang März die ersten Anzeichen einer größeren Krise zu sehen waren, wurde das Produktionsniveau sofort angepasst, Hochöfen vorübergehend stillgelegt und die Produktion anderer Hauptanlagen reduziert. Das Tempo, mit dem wir unser Geschäft angepasst und neu ausgerichtet haben, ist in unserer Branche beispiellos. Ein Vorteil war, dass ArcelorMittal in ganz Europa tätig ist. Da sich die Krise vom Süden Europas nach Norden bewegte, hatten wir einen zeitlichen Vorlauf. Letztlich mussten jedoch alle Stahlunternehmen in Europa die gleichen Maßnahmen durchführen, nur zeitversetzt.
Wie viele Mitarbeiter sind in Kurzarbeit und wie lange wird die Kurzarbeit andauern?
Die Regelung zur Kurzarbeit ist ein bewährtes und wirksames Instrument, um in Krisenzeiten Unternehmen finanziell zu entlasten und Kündigungen zu vermeiden. Als absehbar war, dass die Corona-Pandemie auch erhebliche wirtschaftliche Folgen mit sich bringen wird, haben wir mit dem Betriebsrat sofort Vereinbarungen zur Anwendung von Kurzarbeit im Unternehmen getroffen. Seitdem wird in allen Bereichen Kurzarbeit verfahren. Ein Großteil unserer Mitarbeiter befindet sich gegenwärtig in Kurzarbeit, das wird im Juni und Juli weiterhin der Fall sein.
Viele Menschen in Eisenhüttenstadt haben Angst, dass das Stahlunternehmen die aktuelle Krise nicht überstehen wird? Ist diese Angst berechtigt?
Mein Vorgänger als CEO, Pierre Jacobs, hat vor einem Jahr in der Märkischen Oderzeitung das Werk in Eisenhüttenstadt als eine Perle bezeichnet. Dem kann ich mich nur anschließen. ArcelorMittal Eisenhüttenstadt ist ein gut aufgestelltes und leistungsfähiges integriertes Hüttenwerk mit einer engagierten Belegschaft und hoher Flexibilität. Sie können mir glauben, dies wird nicht nur von Konzernseite so gesehen, sondern auch zahlreiche Kunden schätzen die Qualitätsprodukte aus Eisenhüttenstadt. Wir begehen in diesem Jahr das 70-jährige Jubiläum von Werk und Stadt. Ein Blick in die außergewöhnliche Geschichte zeigt, dass man hier schon zahlreiche Wendepunkte und Krisensituationen überstanden hat und immer wieder gestärkt daraus hervorgegangen ist. Deshalb bin ich zuversichtlich, dass das Unternehmen auch die Corona-Krise und seine wirtschaftlichen Folgen überstehen wird. Vor uns liegt ein schwerer Weg, der von allen Beteiligten ein hohes Maß an Flexibilität und Anpassungsfähigkeit verlangt.
Wie geht es jetzt konkret weiter? Sehen Sie langsam Licht am Horizont? Oder ist das Tal noch gar nicht erreicht?
Die wirtschaftlichen Folgen, die das Corona-Virus ausgelöst hat, sind immens und weltweit. Man sollte daher nicht mit einer schnellen Erholung rechnen. Zum einen muss klar sein, das Virus ist weiterhin da. Deshalb sind alle Prognosen, die jetzt auch in der Wirtschaft angestellt werden, äußerst fragil. Zum anderen sollten die allmählichen Lockerungen, die wir momentan erleben, nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich die Weltwirtschaft und damit auch die Stahlindustrie immer noch in einer schweren Absatzkrise befinden. Die schwerste Zeit werden wir voraussichtlich im dritten Quartal durchlaufen. Deshalb bereiten wir zusammen mit dem Betriebsrat eine mittelfristige Strategie für unser Unternehmen vor, um auch bei geringer Auslastung wettbewerbsfähig zu bleiben. Ich habe schon gesagt, Eisenhüttenstadt ist gut aufgestellt im Konzernvergleich und von den Kunden anerkannt, aber letztendlich steuert der Markt und die Nachfrage unser Geschäft. Deshalb müssen wir gerade in diesen schweren Zeiten unsere Wettbewerbsfähigkeit Tag für Tag immer wieder neu unter Beweis stellen.

Zur Person Reiner Blaschek


Reiner Blaschek ist seit 1. Mai 2019 der Vorsitzende der Geschäftsführung von ArcelorMittal Eisenhüttenstadt. Auch im Bremer Flachstahlwerk von ArcelorMittal führt er die Geschäfte. Der gebürtiger Fürther, Jahrgang 1968, der aktuell in Bremen wohnt, ist verheiratet und hat zwei Kinder. Blaschek studierte von 1987 bis 1993 Fertigungstechnik an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. Danach war er unter anderem beim Stahlunternehmen Usinor in Frankreich tätig, gefolgt von einer Zeit bei Arcelor in Brasilien. Seit dem Jahr 2005 ist er am Stahlstandort Bremen, wo er seit 2008 Mitglied des Vorstandes war und 2017 die Geschäftsführung übernahm. red