Essen in Eisenhüttenstadt: Marktschreier – das kosten Fisch, Wurst, Käse und Schokolade

Aal-Hinnerk, das Original vom Hamburger Fischmarkt, bietet auch in Eisenhüttenstadt bis 18. November 2023 eine Variation an Räucherfisch an. Von Aaal bis Makrele.
Janet Neiser„Aauusverkaauuf!“, tönt es durch die Lindenallee in Eisenhüttenstadt. Nein, es macht kein weiteres Geschäft zu, sondern in Hütte sind Marktschreier zu Gast, genauer gesagt handelt es sich um die „Echte Gilde der Marktschreier“ – manch einer nennt sie auch die besten Marktschreier Deutschlands – mit so knallig-witzigen Namen wie Aal-Hinnerk, Wattwurm-Helmut, Nudel-Kiri, Käse-Mai sowie Milka-Maaxxx. Die legen sich gleich am ersten Tag (16. November) mächtig ins Zeug, um die Kunden herumzukriegen, sodass die ihr Portemonnaie zücken.
Und dabei frotzeln und sticheln sie auch mal gegeneinander. Da wird der Schokoladen-Händler zum Milka-Fuzzi und der Käse-Mai zum Käse-Knallkopp. „Alles nur Spaß!“, versichert Maaxxx.
Das Sticheln ist nur Show
Nudel-Kiri, ein paar Meter weiter, bestätigt das. „Kein Streit. Wir lieben uns!“ Das Sticheln gehöre nun mal dazu. Den meisten Kunden in Eisenhüttenstadt gefällt’s. Zumindest verraten das die Lacher.
Bis einschließlich 18. November werden die Marktschreier ihre Waren in der Lindenallee noch täglich von 10 bis 19 Uhr anpreisen. Zusätzlich zu denen, die Tüten und Eimer in ihren Trucks vollpacken, gibt es Frische Fischbrötchen am laufenden Band. Auch Bratwurst und Getränke sind nebenan ausgepreist. Und an Anbietern von beispielsweise Süßigkeiten und Lederwaren an Ständen – wie man sie von Stadtfesten kennt – kommen Besucher der Mini-Marktmeile auch vorbei.

Beim Wattwurm gibt es jede Menge Wurst.
Janet Neiser„Wir waren jetzt schon drei Mal hier“, sagt Achim Borgschulze, das Original von Gelsenkirchen, aus der Event und Werbeagentur Jobo. Er komme aus dem Ruhrgebiet, erzählt er nach der Markteröffnung. Brandenburg sei seine zweite Wahlheimat. „Ich habe meine Frau in Guben kennengelernt.“ Natürlich sei man noch immer glücklich zusammen. „Ich bin gern hier!“
Als eine Frau vorbeikommt, ruft er mit Blick auf ein paar Häppchen: „Greif zu!“ Die einen machen Appetit! Die anderen bekommen ihn – hoffentlich. Darum geht es schließlich auf dem Markt. Kurz darauf klingelt Borgschulzes Telefon. Die Gilde der Marktschreier ist eben gefragt.

Fischbrötchen dürfen bei der Marktschreier-Gilde in Eisenhüttenstadt nicht fehlen.
Janet NeiserRekordverdächtige Lautstärken
Bis vor kurzem gehörte auch Wurst-Achim zu der Marktschreier-Familie. Bis ein Unfall auf der Autobahn ihn im September aus dem Leben riss. Ein Bild am Getränkewagen erinnert an den wohl lautesten Menschen. Der habe es beim Schreien auf 116 Dezibel gebracht, berichtet Aal-Hinnerk vom Hamburger Fischmarkt. „Lauter als ein Presslufthammer.“ Und er selbst, der nach eigenen Aussagen schon seit knapp 30 Jahren Marktschreier ist? „110 schaffe ich auch.“ Das wäre dann etwa eine Kreissäge.
Und wie hält er seine Stimme fit? Er grinst: „Ich habe zu Hause nichts zu melden, da kann ich die Stimme schonen und wenn ich dann auf den Markt komme, dann kann ich mal alles das rauslassen, was ich zu Hause nicht sagen darf.“
Die Leute würden immer denken, dass Hinnerk sein echter Name sei, kommt er während einer kurzen Pause ins Plaudern. Aber das sei nur sein Künstlername. „Das ist wie bei einer Frau im Freudenhaus, die heißt ja auch nicht Chantalle.“ Sein Name sei Heiko. Und der hatte gerade erst seinen 60. Geburtstag.

Aal-Hinnerk im Gespräch mit Kunden in Eisenhüttenstadt.
Janet NeiserAuch Tipps gibt es vom Händler
„Soll ich mal ein schönes Paket für euch zusammenpacken?“, ruft der Neu-Sechziger einem älteren Pärchen zu. Und schon ist er in seinem Element: „Ich hab‘ heute gute Laune, ich habe Geburtstag, werde 35.“ Der potenzielle Kunde mit Silberlocken scherzt zurück: „Klar, und ich werde 25.“ Aal-Hinnerk: „Oh, haste deine Haare auch gefärbt?“ So geht das weiter. Und nebenbei wird Geld gemacht.
„Forelle, Makrelenfilet und dicken Lachs mit oben drauf. Hering auch? Der schmeckt scheiße ...“ Kurze Pause, ein Lächeln: „Nein, der ist lecker.“ Auch geräucherten Aal und Bückling gibt es bei ihm.

Bei Käse-Mai kommt der Genuss in einen Eimer.
Janet NeiserAm Ende hat er fünf oder sechs gute Stücken Räucherfisch zusammengepackt, 15 oder 20 Euro kostet das Fisch-Paket in Spezialpapier. „Mach aber keine Folie drum, sonst wird der matschig. In dem Papier hält er zehn bis zwölf Tage.“
Nebenan werden Eimer voller Käse-Spezialitäten gepackt. Zehn Teile für 15 Euro. Auf Wunsch kommt eine bestimmte Sorte hinzu, wenn eine andere weicht. Die Leute lassen sich auch von Käse-Mai aus Osnabrück überzeugen.
Schokolade und Pasta kommen auch an
Der bekommt immer mal einen verbalen Seitenhieb von Milka-Maaxxx, der für 20 Euro etwa 14 verschiedene Naschereien einpackt. Während ein Mann noch zögert, greift eine Dame sofort zu. „Eine Frau, ein Wort!“, lobt der Marktschreier und macht gleich weiter.

Milka-Maaxxx liebt es süß und packt Naschereien in eine große Tüte.
Janet NeiserAn Nudel-Kiris Stand haben sich mittlerweile ein paar Frauen eingefunden. „Señora, wollen Sie auch eine Tüte mitnehmen? Wirklich tolle Sachen, tolles Sortiment“, preist er Pasta, Vino, Bruschetta und Co. an. „Alles frische Waren! Ausverkauf!“ Er sei nun auch schon ein paar Jahre dabei, berichtet der Marktschreier, nachdem er gerade mehrere Beutel für 20 Euro verkauft hat. Er freue sich immer auf die Leute.

Nudel-Kiri preist Genuss an – mit oder ohne Wein.
Janet NeiserNebenan geht’s derweil beim Wattwurm ab. „Frankfurter, Wiener, Schmorwürste, dann geht das immer noch weiter. Edelsalami, die Dicken, die das Herz erquicken. Die passt gar nicht rein. Hausmacher-Leberwurst. Raus damit. Mettwurstring dabei und als Dank der Schlepperei Lachsschinken im Netz“. Er reicht eine prall gefüllte Tüte raus, bekommt einen Schein zurück.
„Was kostet das?“, will ein anderer Mann wissen. „Ob die rostet?“, fragt der Marktschreier. „Nein, wat das kostet?“ Für 20 Euro ist er auch dabei. Und schon ist der nächste Mode: „Ja? Nein? vielleicht? Wollen sie noch mal schauen?“
Humor muss man haben
Unermüdlich plappert der Michel am Wattwurm-Stand. Mit Erfolg. Die Stimme hält. „Das ist ja unser Job.“ Die Mikros, die die Händler haben, erleichtern die Arbeit, gibt er zu.
„Ich lache abends oft genug über das, was am Tag passiert ist“, verrät Aal-Hinnerk. „Man muss über sich selber lachen können, wenn man diesen Job macht.“ Am ersten Tag in Eisenhüttenstadt ist er ein wenig genervt vom Wetter. Der Regen, der immer mal wieder kommt, hält Kunden fern. Aber sobald welche kommen, kann er sie meistens überzeugen. Wie ihm das gelingt?

Auf der Lindenallee sind Marktschreier bis 18. November zu erleben.
Janet Neiser„Mit Probieren lassen und mit einem guten Angebot, was kein normaler Händler unterbieten kann.“ Durch die Masse an frischen Produkten, die er hole, könne er auch günstigere Preise weitergeben. „Ich muss ja alle Leute glücklich machen“, ruft er einem Mann zu, der kurz darauf auch noch frischen Fisch kauft.
Und am Abend? Geht es für die Marktschreier ins Hotel Berlin. Stimme schonen für den nächsten Tag.
Die Marktschreier in Eisenhüttenstadt, Lindenallee, 16., 17., 18. November, 10 bis 19 Uhr.



