Fußball: Nur fast ein Eisenhüttenstädter

Abgeklärt und humorvoll: So stellt sich der DDR-Auswahlspieler Lutz Lindemann (rechts) im Fürstenberger Kunsthof vor. Autor Frank Willmann (links) ergänzt ihn mit Passagen aus seinem Buch "Optimist aus Leidenschaft".
Hagen Bernard205 Spiele hatte Lindemann in der DDR-Oberliga bestritten, was keine 100 anderen Spieler noch geschafft haben. Dazu stand der zentrale Mittelfeldspieler im Finale des Europapokals der Pokalsieger 1981 in Düsseldorf, das Carl Zeiss Jena 1:2 gegen Dynamo Tbilissi abgegeben hatte. „Viele haben mich schon gefragt, ob wir dieses Spiel auf Anweisung von oben verlieren mussten. Dem war nicht so. Dynamo Tbilissi war damals eine der bekanntesten sowjetischen Mannschaften und vor allem spielerisch stark. Die waren besser und wir hatten im Finale nicht unsere Bestform, um unsere 1:0-Führung zu verteidigen“, stellt Lindemann klar. 2014 war er Präsident des FC Carl Zeiss Jena, derzeit ist er Experte für die Dritte Liga beim MDR.
So schlagfertig mit einem Schuss trockenen Humors wie in Eisenhüttenstadt hätte man ihm eine glatte Laufbahn als Spieler zugetraut. Zunächst hatte sich die Karriere des aus einfachen Verhältnissen stammenden Halberstädters – „ich musste mit einem zweitältesten Bruder in einem Bett schlafen, die Freizeit hat größtenteils im Freien stattgefunden“ –, ordentlich angelassen. „Lutzchen“, da er klein und schmächtig war, hatte sich 1962 in die Bezirksauswahl gespielt. Der „Straßenfußballer“ begann mit der 9. Klasse an der Kinder- und Jugendsportschule in Magdeburg und war schnell für die DDR-Junioren-Auswahl ein Thema. Doch als der laut Lindemann rauchende Auswahltrainer Manfred Pfeiffer ihn in der Bahn beim Biertrinken erwischte, war der Auswahl-Zug zunächst abgefahren. Dabei wollte Lindemann seinem Vorbild Pelé nacheifern, von dem er auch während des Schulunterrichts träumte. Zwar erhielt er noch eine zweite Chance, doch nach einer Verletzung waren Auswahl-Einsätze passé.
Tiefschlag durch Heinz Krügel
Doch ausgerechnet der legendäre Trainer Heinz Krügel, der den 1. FC Magdeburg 1974 zum Europapokalsieg geführt hatte, war maßgeblich an Lindemanns Karriereknick beteiligt. Als im Sommer 1967 in der Vorbereitung für die Oberliga-Männer des 1. FC Magdeburg eine Trainingsreise nach Bulgarien anstand, wurde das gerade erst verpflichtete Stürmertalent Heinz Oelze ihm vorgezogen. „Für den Männerfußball war ich körperlich noch nicht reif genug, ich war die Nummer 26 im Team“, erklärt Lindemann. Doch gegen Krügel scheint auch nach den vielen Jahren noch ein gewisser Groll geblieben. Nach dieser Ohrfeige kamen da die Offerten des DDR-Ligisten BSG Stahl Eisenhüttenstadt, der mit hohem finanziellen Aufwand die Beletage des DDR-Fußballs anstrebte, gerade recht. Zusammen mit dem später öffentlich als „Wandervogel“ verschrieenen Heinz Steinborn hatte er sich die Offerten des damaligen Mannschaftsleiters und „Mann mit dem Geldkoffer“ Siegfried Nowka angehört und war sich auch mit dem Eisenhüttenstädter Trainer Arthur Bialas einig. Doch der Fußballverband hatte damals allenfalls die Wechsel von Talenten zu den Erstligisten befürwortet und nicht umgekehrt.
Wechsel zur BSG Stahl scheitert
Während Steinborn durfte und wenig später nach dem gescheiterten Aufstieg die Eisenhüttenstädter wieder in Richtung Magdeburg zu Krügel verließ, durfte Lindemann erst gar nicht wechseln. „Ich war allein. Damals war ich richtig sauer auf Krügel, mein Vater hatte mich zum Wechsel bestärkt.“ Stattdessen jedoch war Lindemann für eineinhalb Jahre für sämtliche Fußballspiele gesperrt, verlor seinen Ausbildungsplatz über den Klub und musste als Lehrling bei RAW Halberstadt Schweißnähte abfeilen. „Fußball hatte ich erst einmal nicht gespielt. Ich war völlig raus.“
Im April 1968 war Lindemann wieder für Spiele bis zur Bezirksklasse zugelassen. „Da musste ich für die anderen viel laufen. Da gab es einige Spieler mit deutlichem Ansatz zum Bauch.“ Als der Staffelsieg gefeiert wurde und ganz in der Nähe in einer Villa Tanzmusik zu hören war, wollte er dort mit einigen Spielern mitfeiern. Als dort eine Frau dieses Ansinnen abwies und sie mit „Pack“ titulierte, beschimpfte er sie mit „Kommunisten-Eule“. Doch in einem Ferienheim mit verdienten Widerstandskämpfern kam das nicht gut an. Um diesen Fauxpax auszugleichen, ließ Lindemann sich mehr oder weniger freiwillig für drei Jahre beim Wachregiment Feliks Dzierzynski mit der Option DDR-Oberliga BFC Dynamo anheuern. Nach der zehnwöchigen Grundausbildung erhielt zwar Lindemann unter Harry Nippert diese Chance, doch nach zwei Meniskusrissen war er für den Erstligisten uninteressant und wurde daher bereits nach 18 Monaten entlassen. Stattdessen hatte er eine zeitlang für 3000 Esser tagein tagaus Kartoffeln schälen müssen. Immerhin hatte Lindemann nach viermonatiger Wartezeit die notwendige Knie-Operation in der Charitee erhalten, was damals keineswegs für einen „Normalo“ selbstverständlich war, und konnte später wieder Fußball spielen.
Aus „Lutzchen“ wird „Linde“
Ohnehin war aus dem „Lutzchen“ mittlerweile die "Linde“ geworden. Körperlich robust, spielte der „Zehner“ ab 1970 sieben Jahre lang beim mittelmäßigen DDR-Oberligisten FC Rot-Weiß Erfurt. Um es nicht bei U-23-Auswahl-Einsätzen zu belassen, musste er als 27-Jähriger zum benachbarten FC Carl Zeiss Jena, der dort einen Nachfolger für Harald Irmscher suchte. „In Jena ging das Training bis zur Kotzgrenze. Während sich in Erfurt einige bei den Läufen immer in die Büsche schlugen, wurde in Jena abgezählt. In den ersten sechs Wochen war ich nach dem Training so kaputt, dass ich nicht mal mehr nach Erfurt fahren konnte und in Jena übernachtete.“ Dreimal tägliches Training war in den Kernbergen usus. Allerdings machten die Knie dort nur noch vier Jahre mit, immerhin sprangen noch 21 Europapokal-Spiele heraus.
Amüsant sind die kurz eingestreuten Erzählungen. So von der DDR-Auswahl. „Ich war oft mit Joachim Streich auf einem Zimmer. Er musste immer als Erster ins Bad, um dort zu rauchen. Scheußlich, doch es war gerecht. Schließlich war er der bessere Fußballer.“
Natürlich wurde Lindemann auch zum Jenaer Drittlisten und zum aktuellen Fußball befragt. Im Gegensatz zu vielen im Kunsthof äußert sich der ehemalige Präsident des Jenaer Drittligisten durchweg positiv über den durch eine Brause-Firma finanzierten Bundesligisten RB Leipzig. „Je mehr Geld man hat, desto mehr Fehler sind auch möglich. Die haben jedoch mit viel Geld wenig Fehler gemacht.“ Sponsoren könnten auch die Jenaer gebrauchen, doch der Brausehersteller Dietrich Mateschitz wäre für den Traditionsverein nicht in Frage gekommen.
Stationen als Spieler und Trainer
geboren am 13. Juli 1949 in Halberstadt Nachwuchsspieler bei Aufbau/Empor Halberstadt, 1. FC Magdeburg1971 Wechsel von Motor Nordhausen zu Rot-Weiß Erfurt1977 Wechsel zu Carl Zeiss Jena1.7. 1981 KarriereendeTrainer Motor Hermsdorf (1982/83), Fortschritt Weida (1983-89), Erzgebirge Aue (1992-95, 96-98), Manager in Aue (1998-2003), Hallescher FC (2004-06), sportlicher Leiter CZ Jena (2007/08), Sportfreunde Siegen (2009-13), Viktoria Berlin (2013/14), Trainer/Sportdirektor KF Prishtina (2016/17)