Der symbolische erste Axthieb durch Industrieminister Fritz Selbmann erfolgte am 18. August 1950, einen Tag, nachdem die DDR-Spitze dem Fünfjahresplan zum Aufbau des Hüttenwerkes Ost und der dazugehörigen Wohnstadt für die Arbeiter zugestimmt hatte. Damals soll es eine Wette gegeben haben. Für jeden Axthieb, den Selbmann benötigte, um die Kiefer zu fällen, habe er den Arbeitern einen Kasten Bier spendieren müssen, heißt es. Zwei Dutzend waren es am Ende. Die Kiefer erwies sich als zäh. Zähigkeit mussten auch die Schmelzer und Stahlwerker immer wieder in der nun 70-jährigen Geschichte von Werk und Stadt beweisen.

ArcelorMittal und Eisenhüttenstadt

Der 18. August ist ein Doppelgeburtstag: Es ist der Beginn des größten ostdeutschen Eisen- und später Stahlproduzenten, der heute zum Weltkonzern ArcelorMittal gehört und noch immer liebevoll EKO genannt wird. Und es ist der Beginn der ersten sozialistischen Stadt, einer Planstadt, die zunächst namenlos war, dann ab 1953 Stalinstadt hieß und schließlich 1961 zu Eisenhüttenstadt wurde. Werk und Stadt – von Beginn an eine Symbiose. Es war das Prestigeprojekt der Deutschen Demokratischen Republik, es sollte der Beweis für die Überlegenheit des Sozialismus sein.

Der Standort war nicht unproblematisch: Man entschied sich für die Nähe zu Fürstenberg/Oder – einst selbstständige Kleinstadt, seit 1961 zu Eisenhüttenstadt gehörig –, weil der Anschluss zu Binnenwasserstraßen gegeben war. Was Erze und Kohle für die Hochöfen anging, war das Werk auf die Sowjetunion und Polen angewiesen. Ein teures Unterfangen. Aber für dieses Modellprojekt schien nichts zu teuer.

Roheisen als Eisenhüttenstädter Gold

"Es war eine Stadt nach Plan, in einem Staat, in dem der Plan regiert", wird in einem Dokumentarfilm aus den 1950ern gesagt. Schon ein Jahr und drei Tage nach dem ersten Axthieb ging der Hochofen I in Betrieb, der ist heute kalt und technisches Denkmal. Bis 1954 wurden fünf weitere Öfen angeblasen. Keiner der alten produziert noch. Seit 1997 gibt es den Hochofen 5A, der ist größer, moderner, in der Marktwirtschaft geboren und spuckt täglich 5200 Tonnen Roheisen, das Eisenhüttenstädter Gold, das dann zu Stahl und Blech für Autokarossen und Haushaltsgeräte wird. Dass der Ofen irgendwann nicht mehr glüht, das ist die größte Sorge der Menschen. Das Werk hatte immer Vorrang, erst dann kam die Stadt. So war das auch 1950. Die Arbeiter lebten in Baracken, der Wohnungsbau begann erst 1951. Die ersten Blöcke im sogenannten I. Wohnkomplex waren der Staatsführung allerdings zu nüchtern, zu schmucklos. Das sollte sich ändern. Die Bauweise der "nationalen Tradition" wurde Gesetz, in der Stadt, die heute das national größte zusammenhängende Flächendenkmal mit DDR-Architektur beheimatet.
Dieses Flächendenkmal, das wiederholt Filmteams anlockte, besteht aus drei Wohnkomplexen, die in den Jahren 1951 bis 1963 entstanden und mittlerweile saniert sind. "Wir kamen wegen der Arbeit und der Wohnung", erinnert sich Jutta Rossow an das erste Jahrzehnt der Stadt. Die 77-Jährige lebt seit einer kleinen Ewigkeit in der Lindenallee, die früher Leninallee hieß. Das ist die einstige Prachtstraße mit Blick auf das Werk. "Aber da muss ich jetzt raus, es wird irgendwann saniert", erzählt sie. In den zwei Blöcken mit 64 Wohnungen wohnen nur noch sieben Mietparteien, teilt der Vermieter mit. Trotzdem mag Jutta Rosow ihre Stadt, will nicht mehr woanders hin.

Für 25.000 Menschen war die Planstadt konzipiert. Doch das Werk wuchs und mit ihm die Stadt. Erst das Kaltwalzwerk in den 1960ern, dann das Stahlwerk in den 80ern. Die Architektur änderte sich. Den Mauersteinen folgte die Großblockbauweise, am Ende kamen Plattenbauten hinzu. Das war kostengünstiger. Letztlich hatte Eisenhüttenstadt sieben Wohnkomplexe – jeder ausgestattet mit Kita, Schule und Kaufhalle – und Ende der 1980er-Jahre gut 53.000 Einwohner, das Werk 12.000 Beschäftigte.
Das Aus der DDR brachte nie gekannte Existenzängste. Die Privatisierung des Werkes klappte, es war ein Drama in mehreren Akten. Mit Leidenschaft haben die Arbeiter und die Geschäftsführung damals gekämpft. Nun, 30 Jahre später, hat das Werk noch etwa 2700 Mitarbeiter, Eisenhüttenstadt kratzt an der 24.000-Einwohner-Marke, Tendenz sinkend. Als die Stadt schon schrumpfte, wuchs das Werk zumindest metallurgisch. Das neu erbaute Warmwalzwerk machte es komplett und wettbewerbsfähig. "In unserer Existenz sind wir aktuell nicht bedroht", sagte Arbeitsdirektor Michael Bach jüngst. Herausforderungen aber bleiben viele. Der Plan ist es, das Werk grüner zu machen, umweltfreundlicher – die große Frage ist: Wer finanziert das und kann man so am Markt bestehen?

Mehr als 50 Prozent Einwohner verloren

Grüner als mancher denkt, ist die Stadt, zu der mittlerweile noch eine Papierfabrik gehört. Doch das Grün reicht nicht, um Menschen zu halten oder zu gewinnen. Seit der Wende hat Eisenhüttenstadt mehr als 50 Prozent der Einwohner verloren. Einzigartig. Der Wohnungsleerstand liegt bei etwa 15 Prozent, der Abriss geht weiter. In der einst – im wahrsten Sinne des Wortes – jüngsten Stadt Deutschlands sind etwa ein Drittel aller Einwohner 65 Jahre und älter.
Das große Stadtfest Ende August, auf dem das Jubiläum gefeiert werden sollte, fällt wegen der Corona-Pandemie aus. Doch die Stille lässt mehr Raum für Erinnerung und Reflexion. Eisenhüttenstadt ist auf der Suche: nach Einwohnern, nach der eigenen Rolle und einem visionären Plan für die Zukunft. Ein Wunsch aber eint alle: "Dieser Stahl ist hier gekocht. So wird es bleiben."