Gesichter in Oder-Spree: Der Baumdoktor

Dick, dicker, am dicksten: Siegfried Schulz kann sich auch in diesem Sommer auf eine ertragreiche Ernte freuen.
Jörg KotterbaEin Land, eine Stadt und selbst ein Dorf wären nichts ohne Menschen. Viele haben es noch nie in die Schlagzeilen geschafft und sind dennoch wichtig und interessant. Und alle haben etwas zu erzählen. Die MOZ stellt in einer Serie Gesichter aus der Region vor. Heute Dr. Siegfried Schulz aus Müllrose.
In wenigen Tagen fliegt Siegfried Schulz mit seiner Liselotte nach Toronto, eine Millionenstadt in Kanada, 6500 Flugkilometer von Berlin entfernt. Ein ganz schöner Kanten für einen Mann, der im Mai 1931 geboren wurde. „Ach, das schaffe ich schon. Eines unserer vier Kinder lebt dort.“ Hinzu kämen elf Enkelkinder. Und im Juli kommenden Jahres sei er mit seiner Liebsten, die Floristik-Meisterin ist, 60 Jahre lang verheiratet, fügt der promovierte Diplom-Gartenbau-Ingenieur stolz an. Diamantene Hochzeit. Hut ab!
Seine Kindheit, erzählt Siegfried Schulz, habe er in Großbeeren genossen. Dort arbeitete Vater Karl-Otto, ein Obergartenmeister und Gartenbau-Ingenieur, im Institut für Gemüse- und Zierpflanzenbau. So war der Berufsweg von Klein-Siegfried quasi vorprogrammiert. Mit 17 wurde der Pubertierende Gärtnergehilfe; mit 24 Jahren Gartenmeister; 1962 Gartenbau-Ingenieur. Da arbeitete er schon einige Jahre im Gemüsekombinat Wollup im Oderbruch. Und „hielt“ es dort bis 1980 aus.
Das Oderbruch stammt aus dem Mittelhochdeutschen Wort Bruoch. Und das steht für Sumpf oder Moor. „Es gab damals nicht viele, die dort länger als drei Jahre durchhielten“, blickt Schulz zurück. Ja, durchhalten – eine seiner Lebensdevisen. Über die Zeit im Bruch schreibt er ein Buch.
MOZ-Leser kennen Dr. agr. Siegfried Schulz, da er als „Baumdoktor“ jahrelang Leserfragen zum Thema Grün beantwortete. Schon 2011, zu seinem 80. Geburtstag, vermeldete die Märkische Oderzeitung, dass Schulz seit mehr als zwei Jahrzehnten zweimal jährlich als Gartenexperte am Ratgebertelefon der Zeitung sitzt und damit der dienstälteste Experte dieser Leseraktionen ist. Fünf Jahre später stellte Schulz seinen Nachfolger vor: Gartenbauingenieur Tassilo Wengel aus Panketal.
Dienstältester MOZ-Experte
„Mir hat diese Arbeit großen Spaß gemacht. Manche Leser haben sich immer wieder gemeldet, andere hatten sich gleich eine Liste mit Fragen aufgeschrieben, um nichts zu vergessen. Etwa tausend Fragen habe ich im Laufe der Jahre wohl beantwortet“, bekannte damals der agile Gärtnermeister aus dem Schlaubetal. Er machte sich auch als jahrelanger Vorsitzender des Bezirksverbandes der Kleingärtner, als Landesgartenfachberater, als Mitglied im Naturbeirat des Landkreises Oder-Spree und des Umweltausschusses der Stadt Müllrose einen Namen.
Längst tritt er kürzer. Sagt er. Sein hundert Quadratmeter großen Garten am Müllroser Möllenweg würde ihn schon in Trab halten. Dabei hat der jetzt 88-Jährige längst sein Projekt „Klimafreundliche Region – Alternativen zum Klimawandel“ Müllroser Stadtpolitikern und Unternehmern vorgestellt. „Der Klimawandel, vor Jahren von der Politik und der Bevölkerung noch als Zukunftsproblem angesehen und verstanden, ist global mit voller Wucht zur Tagesaufgabe geworden“, begründet Siegfried Schulz sein Tun. Die Zeit renne uns davon. Deshalb plädiere er für eine grüne Offensive. „Denn Grün ist Leben und Bäume die Lebensversicherung der Menschen.“ Deshalb sollten in den Städten und Dörfern mehr Bäume und Gehölze gepflanzt werden, „zur Stärkung der Fotosynthese, Feinstaubbindung, Wasserregelung und Temperaturgestaltung. In jeder Gemeinde sollten die in den vergangenen 15 Jahren gepflanzten Bäume in einem Baumkataster erfasst und ein Pflegekonzept erstellt werden. Anwohner sollten Baumpatenschaften übernehmen und Unternehmer Bäume für eine saubere Luft sponsern.“
Wer hat Sie in Ihrer Entwicklung am meisten beeinflusst, geprägt?Mein Gärtner-Lehrmeister Max Opitz in Dresden. Ich rede jetzt von den Jahren 1946 bis 1948. Bei der Promotion Ende der 60er- bis Mitte der 1970er-Jahre betreute mich Prof. Egon Seidel aus Berlin. Er war zugleich auch mein Gutachter. Geprägt haben mich aber auch viele Freunde und Wegbegleiter – ob nun im VKSK der DDR, dem Verband der Kleingärtner, Siedler und Kleintierzüchter, im Gartenverband Brandenburg, im Naturschutzbeirat oder im Beirat "Schöner unsere Stadt Müllrose". Ich denke dankbar an sie zurück.Was würden Sie als Erstes veranlassen, wenn Sie Bürgermeister Ihres Ortes wären? Wir haben mit Thomas Kühl einen guten Bürgermeister mit großer Mehrheit gewählt. Das ist gut so. Was er sicher auch anstrebt: Ich würde als Bürgermeister versuchen, eine Balance für ein gutes Klima in der Stadt zu schaffen. Auf die Tagesordnung der Stadtverordnetenversammlung käme bei mir regelmäßig der Klimawandel mit all seinen Auswirkungen und Erfordernissen.Möchten Sie noch einmal 17 sein? Ja und nein. Ja, wenn ich die rasante Entwicklung von Wissenschaft und Technik sehe. Nein, weil ich dankbar bin für das, was hinter mir liegt.Was wünschen Sie sich seit Jahren?Mein angefangenes Buch über meine Zeit im Oderbruch von 1993 bis 1980 will ich endlich fertigstellen. Träumen Sie gern?Ja. Schöne Träume sind eine Bereicherung im Leben.Was hält Sie in Ihrer Heimat? Würden Sie noch woanders hinziehen?Wo man wohnt und lebt – ist Heimat. Müllrose bietet alles, um zu sagen: Hier ist meine Heimat. Hier bin ich zu Hause.⇥jko