„Die ganze Lage erschlägt einen. Das ist so viel, da ist einfach alles zerstört, das kann man gar nicht fassen.“ René Petzold sucht noch Tage nach dem Hilfseinsatz nach den richtigen Worten. Zusammen mit weiteren Feuerwehrleuten aus Müllrose war er jetzt in Rheinland-Pfalz, um beim Aufräumen nach der Flutkatastrophe zu helfen. Im Rahmen eines Hilfseinsatzes des Landes Brandenburg. „Ich war mal ein halbes Jahr mit der Bundeswehr im Kosovo im Einsatz“, sagt er, „aber das in Rheinland-Pfalz hat eine ganz andere Dimension. Und dass so etwas in Deutschland passiert, das kann man sich irgendwie nicht vorstellen.“

Kein Wasser und kein Strom

Fast sieben Wochen ist es jetzt her, dass die Flutkatastrophe im Westen Deutschlands unzählige Ortschaften zerstört und 183 Menschenleben gefordert hat. Und sieben Wochen später könne von einem „normalen Leben“ zum Beispiel in Ahrbrück im am schwersten betroffenen Landkreis Ahrweiler – dort waren die Müllroser im Hilfseinsatz – noch überhaupt keine Rede sein, berichtet Feuerwehrkollege Torsten Dahms. „Alle vier Brücken des Ortes sind zerstört. Es gibt nur in wenigen Häusern Strom. Brauchwasser wird in großen Tanks bereitgestellt, Trinkwasser gibt es nur in Flaschen. Die Abwässer laufen in die Ahr. Straßen gibt es oft nicht mehr. Die Menschen sind nach wie vor damit beschäftigt, aufzuräumen – und das wird noch Wochen dauern.“

Beeindruckender Zusammenhalt

Die Hilfskräfte aus Brandenburg – insgesamt mehr als 200 – waren vom Land Rheinland-Pfalz angefordert worden, um technische Hilfe zu leisten. Vom 5. August bis zum 16. August waren sie im Einsatz. Aus Müllrose wurde speziell der Gerätewagen Logistik (GWL-2) samt Besatzung ins Ahrtal beordert, neben René Petzold und Torsten Dahms fuhren auch Torsten Braun und Rico Gerlach mit. Zusammen mit weiteren Feuerwehrleuten aus Oder-Spree, aus Frankfurt und aus Märkisch Oderland bildeten sie einen Logistikzug. Dessen Hauptaufgabe war das Abpumpen der Heizöltanks.

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„Wir haben aber bei allem geholfen, was nötig war“, erzählt René Petzold. Täglich zehn bis elf Stunden waren sie im Einsatz. „Die Leute haben uns angesprochen, nachdem sie Vertrauen zu uns gefasst hatten.“ Und sie seien „unendlich dankbar“ gewesen für die Hilfe. „Was mich wirklich sehr beeindruckt hat, sind der Mut und die Zuversicht der Menschen“, ergänzt Torsten Dahms. „Sie arbeiten und arbeiten, sie jammern nicht, sie funktionieren einfach.“ Und das, obwohl so viele Häuser gesperrt sind, etliche Häuser einfach verschwunden sind. „Ich habe niemand getroffen, der gesagt hat: Ich ziehe weg. Alle wollen bleiben.“
Auch der Zusammenhalt der Menschen habe sie tief beeindruckt. „In der Grundschule in Ahrbrück wird täglich gekocht“, nennt Torsten Dahms ein Beispiel. „Aber nicht nur für die Helfer. Viele Einwohner haben ja noch immer keine Küche. Da kochen Tag für Tag die Bürger für ihre Nachbarn. Und dann hält plötzlich ein Auto und jemand lädt 20 Pizzen ab. Und wenig später bringt jemand Kuchen und Kaffee. Das ist toll.“

Familien sterben in ihren Autos

In Gesprächen haben die Feuerwehrleute von vielen persönlichen Schicksalen erfahren. „Es gibt Stellen im Ort, da standen mal Häuser, jetzt stehen dort nur noch Kerzen“, sagt René Petzold leise. „Einige Leute haben uns erzählt, dass sie Tage nach der Flut Autos ausgegraben haben aus dem Schlamm, in denen saßen ganze Familien drin.“ Die Zerstörungen könne man sich kaum vorstellen, gerade auch nicht mit Blick auf das Oderhochwasser 1997: „Das kann man nicht vergleichen. Das ist so, als wenn 1997 die Häuser mitten in der Oder gestanden hätten. Bäume, Autos – alles ist mit dem Wasser durch die Häuser getrieben worden.“
Wichtig sei es jetzt, die Menschen nicht alleinzulassen, betont Torsten Dahms. „Unser Einsatz dort war sehr wichtig.“ Und das nächste Problem komme mit dem Herbst: „Viele der Häuser, die noch stehen, haben keine Heizung mehr. Aber es gibt weder ausreichend Handwerkerfirmen noch Material. Und etliche Häuser sind auch immer noch nass und können nicht getrocknet werden.“ Was ihnen leider auch aufgefallen sei, das waren die vielen Schaulustigen, berichtet René Petzold. „Vor allem am Wochenende sind die durch den Ort gefahren, um zu gucken und zu fotografieren. In Autos, aber auch ganze Motorradkolonnen.“ Das sei ärgerlich gewesen.

Private Vorsorge ist wichtig

Die Menschen in Ahrbrück waren nach der Flut mehrere Tage lang komplett auf sich allein gestellt, haben die Müllroser Feuerwehrleute erfahren. Und das oft unvorbereitet. „Was ich persönlich mitnehme, ist: Ich werde mich jetzt besser vorbereiten auf einen solchen Fall“, erklärt Torsten Dahms. „So, dass man sich mehrere Tage lang allein versorgen kann. Auch bei uns kann mal für ein paar Tage der Strom ausfallen. Wichtig ist, dass jeder dafür privat vorsorgt – mit Nahrungsmitteln, mit Wasser, mit Batterien, mit Kerzen.“
Wie Brandenburg den Unwetter-Opfern hilft, lesen Sie auf unserer Themenseite.
Hier haben bis zur Flut Menschen gelebt: Zwei Einsatzfahrzeuge der Feuerwehr aus Müllrose und aus Oder-Spree stehen auf einer Fläche an der Ahr, auf der das Wasser mehrere Wohnhäuser einfach weggerissen hat.
Hier haben bis zur Flut Menschen gelebt: Zwei Einsatzfahrzeuge der Feuerwehr aus Müllrose und aus Oder-Spree stehen auf einer Fläche an der Ahr, auf der das Wasser mehrere Wohnhäuser einfach weggerissen hat.
© Foto: René Petzold