Kraftwerk Brieskow-Finkenheerd
: Als Thomas Gottschalk das Ende eines Werkes moderierte

Worüber Showmaster Thomas Gottschalk einst bei „Wetten, dass...?“ den Abgesang begleitete, wird 25 Jahre später in Brieskow-Finkenheerd zum neuen Leben erweckt.
Von
Hagen Bernard
Brieskow-Finkenheerd
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Bürgermeister Horst Siebke durchschneidet zusammen mit einstigen Kraftwerks-Mitarbeitern wie dem einstigen Werksleiter Hans-Ulrich Konieczek (rechts) das Band zur Eröffnung des Kraftwerkdenkmals in Brieskow-Finkenheerd.

Hagen Bernard

Am 10. Oktober 1998 war für Showmaster Thomas Gottschalk die Welt noch in Ordnung. Während die TV-Legende am 25. November 2023 ihren Abgesang bei „Wetten, dass...?“ im ZDF moderierte, befand sie sich vor 25 Jahren auf dem Höhepunkt der Fernseh-Unterhaltung.

Eingerahmt von den beiden Rennfahrer-Brüdern Ralf und Michael Schumacher begleitete Thomas Gottschalk den Abgesang des Kraftwerkes in Brieskow-Finkenheerd, das am 28. September 1923 den ersten Strom erzeugt hatte und in den 1920er-Jahren als modernstes Mitteleuropas galt. 1943 hatte es immerhin ein Achtel von Deutschland mit Strom (270 Megawatt) versorgt. Diese Leistung wurde auch nach dem Krieg nicht mehr erreicht.

Finkenheerder gewinnen Wette

Für „Wetten, dass...?“ hatte der damalige Geschäftsführer Werner Lutz an das ZDF die Wette herangetragen, dass bei der Sprengung der letzten beiden Schornsteine die 50 Meter entfernt stehenden, gut 100 Meter hohen Gebilde sich beim Zusammenfallen berühren. Er gewann die Wette. Am 3. Mai 1996 war mit dem Abriss begonnen worden.

Dieser Kompressor von 1943 errinnert an das Groß-Kraftwerk in Finkenheerd. Es versorgte große Teile von Brandenburg, Mecklenburg und Pommern mit Strom. Bis 1955 stammte die Energie aus den Gruben um Brieskow-Finkenheerd, ab 1956 erfolgte die Fernbekohlung aus den lausitzer Gruben Welzow, Cottbus Nord und Jänschwalde.

Hagen Bernard

Der erste der sieben Schornsteine wurde am 30. September 1996 gesprengt. Etwa 150.000 Kubikmeter Schutt fielen laut dem Brieskow-Finkenheerder Historiker Marcel Höhne insgesamt an, ein Teil davon wurde für den Straßenbau verwendet.

Er ließ im Rahmen der Eröffnung des Kraftwerk-Denkmals am 2. Dezember 2023 neben der Rettungswache in Brieskow-Finkenheerd das Kraftwerk in Anwesenheit des organisierenden Vereins „Kulturschmiede“, des Bürgermeisters Horst Siebke, des Amtsdirektors Dirk Wesuls und einigen ehemaligen Kraftwerksmitarbeitern wie Werksleiter Hans-Ulrich Konieczek Revue passieren.

Industrielle Epoche lebendig halten

Während auf Youtube die Wette abrufbar ist, ist vom einstigen Werk außer den unterirdischen Bauteilen nicht mehr viel sichtbar. Die 2400 Einwohner zählende Gemeinde mutiert zur Schlaf-Siedlung. Dabei hatte sie in den 150 Jahren zuvor eine große wirtschaftliche Rolle gespielt, begünstigt durch den Friedrich-Wilhelm-Kanal, der Eisenbahn und der dortigen Braunkohle.

Ansicht des Finkenheerder Kraftwerkes 1992. Danach begann der schrittweise Abriss.

Winfried Mausolf

Um diese industrielle Epoche lebendig zu halten, bemüht sich seit 2020 der örtliche Verein Kulturschmiede mit der kommunalen Verwaltung um einen Platz für Industriegeschichte.

Klaus Giering gab den Anstoß

Den Anstoß dazu hatte der ehemalige Finkenheerder Netzmaschinist für Fernwärme Klaus Giering gegeben. Er hatte erfahren, dass am Lager Triftweg in Frankfurt (Oder) ein Kompressor aus dem Finkenheerder Kraftwerk verschrottet werden soll. Nach dem Abriss war er zunächst in der Potsdamer Straße beim Fernwärme-Betrieb gelandet und lagerte von 1997 bis 2020 bei Wind und Wetter beim ehemaligen Heizwerk Nord.

Die tonnenschweren fünf Exponate wurden am 15. August 2020 nach Brieskow-Finkenheerd geschafft. Nachdem die Gemeinde dafür ein Grundstück gekauft und eine Munitionsentsorgungsfirma ihr Okay gab, begannen Ende 2020 erste Erdarbeiten und wurde im Herbst 2022 mit dem Gießen der einzelnen Fundamente begonnen.

Kolbenkompressor von 1943

Laut Hans-Ulrich Konieczek, der das bis zu 550 Mitarbeiter zählende Werk von 1984 bis 1993 leitete, ist es ein um 1943 gebauter Kolbenkompressor der Firma Borsig. Mit ihm wurde die Luft für die Entaschungsanlage verdichtet. Sein Rad hat einen Durchmesser von 2,20 Meter, er saugte minütlich 40 Kubikmeter Luft unter einem Druck von 3 bar an.

Die Rost-Patina soll bleiben

Zu sehen sind noch Reste des gelben Anstriches. Die Lackierung wird laut dem Kulturschmiede-Vorsitzenden Jens Mende nicht erneuert, es bleibe die rot-braune Rost-Patina. Aus Kostengründen werde auch auf die geplante Kraftwerks-Silhouette verzichtet, der Platz solle jedoch nächstes Jahr hergerichtet und mit weiteren Exponaten aus der ehemaligen Industrie-Gemeinde versehen werden. Zur Eröffnung hing ein großes Foto einer Teilansicht des Kraftwerkes von 1962 am Zaun. Geplant ist auch eine Sitzraufe.

Obwohl noch so manches an diesem offenen Industrie-Denkmal provisorisch wirkt, ist mit dem derzeitigen Stand der ehrenamtliche Ortsbürgermeister Horst Siebke zufrieden. „So einen Tag im Leben als Bürgermeister habe ich nicht sehr oft. Aber ich habe solch einen gern, schließlich ist etwas fertig geworden, auch wenn es nur ein rostiges Etwas ist.“