Kunst: Eine Schatztruhe für Kreativität
„Wenn die Ostereierausstellung gut besucht ist, dann wird es ein gutes Jahr.“ Diese Erfahrung hat Sabine Reichardt mittlerweile gemacht und die teilt sie auch gern mit den zahlreichen Besuchern, die die Eröffnung eben dieser traditionellen Ausstellung am Wochenende nicht verpassen wollen. Im vergangenen Jahr habe diese Schau allein 1200 Besucher ins Strohhaus gezogen, erzählt sie und erntet erstauntes Nicken. Erstaunt sind die Gäste aber nicht nur über diese Zahl, sondern vor allem auch über die vielen filigran gestalteten Eier, die sie zu sehen bekommen. Knapp 500 sind ausgestellt. Wer denkt, das seien jedes Jahr die selben Exponate, der irrt. In den Vitrinen gibt es jede Menge neuer Kunstwerke zu entdecken.
Eigentlich ist Edwin Keller auf alle seine Werke stolz, ob es sich nun um die Badende am Meer handelt oder aber um den Leuchtturm auf Hiddensee. Aber ein Ei hebt er an diesem Tag besonders hervor, das sei das erste Mal überhaupt zu sehen. Eine Weltpremiere sozusagen. Es handelt sich um ein Straußenei, auf dem das Neuzeller Barockwunder verewigt wurde — mit Blattgold und anderen Blattmetallen. „Durch die Mischung wird das richtig plastisch“, schwärmt Edwin Keller. Der 81–Jährige wird nicht müde, was neue Kreationen angeht. „Es gibt noch so viele unentdeckte Dinge“, betont er und verspricht, dass er nächstes Jahr eine Eierserie mit Motiven des indianischen Horoskops präsentieren möchte. Seine Frau Ingrid, die jüngst ihren 80. feierte, hat auch für Nachschub in den Vitrinen gesorgt. Edwin Keller mahnt indes an, dass die industriell gefertigten Schmuckeier immer mehr zur Bedrohung für die Volkskunst werden. „Wenn Leute das irgendwann als Kunst ansehen, dann ist die Kreativität verloren. Denn diese Industrieeier, das hat mit Kunst nichts zu tun“, sagt er.
Ob mit Servietten ummantelte, kunstvoll durchbohrte Eier, mit Wachs verzierte oder aber einfach nur bemalte Schmuckstücke — Techniken gibt es etliche. Und Edwin Keller will möglichst alle ausprobieren und perfektionieren. Auch Monika und Klaus Krüger gehören zu den Eierfanatikern, die sich jedes Jahr aufs Neue hinsetzen und ihrer Kreativität freien Lauf lassen. Einige ihrer Exemplare werden demnächst in Chemnitz eine Wohnung schmücken. Anke Otto aus Chemnitz schaut sich die mit Farbe und Wachs verschönerten Eier Made by Krüger ganz genau an und sucht sich letztlich sechs davon aus. Die junge Frau gehört zur Verwandtschaft der Kellers und war mit ihrer Familie gerade auf Besuch in Neuzelle. Da durfte sie die Eröffnung der Eierausstellung natürlich nicht verpassen.
Die Stimmung im Strohhaus, wo auch Oderwendische Trachten gezeigt werden, ist an diesem Tag ausgelassen. Der Neuzeller Bürgermeister ist vor Ort, Lehrer schauen sich um, genau wie Lokalpolitiker und andere Osterfans. Alle kommen ins Gespräch, trinken ein Käffchen, naschen selbst gebackenen Kuchen und fachsimpeln über die zerbrechlichen Kunstwerke. „Das sieht ja toll aus“, hört man da. Oder aber: „Wie filigran das ist!“ Und Edwin Keller hat keine ruhige Minute. Überall muss er ein Schwätzchen halten, überall erntet er dankende Blicke. Im Bauernmuseum wird heute ebenfalls eine Ostereierausstellung eröffnet. Damit dürfte Neuzelle landesweit einen Ostereier–Spitzenplatz einnehmen.
Internationale Ostereierausstellung im Strohhaus bis 5. Mai, Di–So 11 bis 16.Uhr, Tel. 033652 82558. Heute wird zudem die Ostereierausstellung im Bauernmuseum Neuzelle eröffnet, die Mo–Fr von 10 bis 14 Uhr zu sehen ist.


