Lebensgefährliche Aktion: Kletter-Duo bezwingt Kraftwerk-Ruine bei Fürstenberg

Da muss man schon zweimal hinschauen: Vor kurzem hing eine Hängematte zwischen den Schloten der Kraftwerksruine an der Oder zwischen Vogelsang und Fürstenberg.
privatEine spektakuläre Aktion allerdings hat die 100 Meter hohen Kraftwerkstürme über Nacht im Internet berühmt gemacht. „Frühstück in der gefährlichsten Hängematte der Welt“ hieß das mehrminütige Youtube-Video, das mittlerweile wieder aus dem Netz verschwunden ist.
Zwei junge Männer aus Oder-Spree waren am Himmelfahrtstag bei Dunkelheit aufgebrochen, um ein spezielles Abenteuer zu erleben. Sie kletterten mit professionellem Equipment ausgestattet auf die Schlote, spannten Seile dazwischen und hievten sich schließlich in die Hängematte, in der sie ein Frühstücksbrötchen genossen und eine Drohne starten ließen, die unglaubliche Aufnahmen gemacht hat. Die Aktion endete zum Glück mit Herzklopfen, aber ohne einen Unfall.
Es war und wird nicht die letzte Kletteraktion auf dem Gelände der Ruine gewesen sein. Schon seit Jahren lockt das bizarr anmutende Bauwerk vor allem junge Leute auf der Suche nach einem kurzen Kick an. Selbst Verbotsschilder, auf denen das Wort „Lebensgefahr“ warnt, schreckten in all den Jahren nie jemanden ab. Fraglich ist, ob die Abenteuerlustigen wissen, wo sie sich da eigentlich in Gefahr begeben.
Die Kraftwerksruine ist ein historisch wichtiges Denkmal. Der Weg dorthin war ein umkämpfter und der Bau für viele eine tödliche Tortur. Dort, wo heute Vögel zwitschern und der Wind durchs Gemäuer pfeift, schufteten Mitte der 1940er-Jahre insgesamt Tausende Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter im Auftrag des Stromkonzerns Märkische Elektrizitätswerk AG (MEW), das seine Energiebasis im etwa zehn Kilometer entfernten Finkenheerd hatte. Das dortige Großkraftwerk zählte zu den leistungsstärksten im Deutschen Reich. Doch mit Beginn des Zweiten Weltkriegs kündigten sich aufgrund des Rüstungsausbaus und des gestiegenen Energiebedarfs Versorgungsengpässe an. Um in Zukunft genug Strom für den „totalen Krieg“ zu haben, legte Rüstungsminister Albert Speer ein Sofortprogramm zur Schaffung von fünf Einheitskraftwerken auf. Eins davon sollte bei Fürstenberg entstehen.
Bis 900 Menschen sind dort ab April 1943 täglich auf der Baustelle gewesen. Zeitzeugen berichten von „dramatischer Unterernährung“ und von gewalttätigen und teilweise tödlichen Übergriffen des Wachpersonals. Ohne das 1939 von der Wehrmacht errichtete Kriegsgefangenenlager „Stammlager III B“ in Fürstenberg, das für 10.000 Menschen ausgelegt war, hätte das Kraftwerk gar nicht errichtet werden können. Denn es waren die Gefangenen aus vielen Nationen, die dort zum Einsatz kamen. Das zuvor stagnierende Provinzstädtchen Fürstenberg (Oder), heute Ortsteil von Eisenhüttenstadt, war damals Mittelpunkt kriegswichtiger Industrien. Kurz vor Stilllegung der Baustelle Ende Januar 1945 erfolgte der Probelauf einer Maschine. In den Regelbetrieb gegangen ist das Werk nie.
„Anfang Februar 1945 überwanden sowjetische Verbände nördlich von Fürstenberg die Oder und erstürmten das Kraftwerk. Zahlreiche schwere Geschosstreffer an der östlichen Gebäudefront bezeugen heute die Kampfhandlungen. Bis zu ihrem weiteren Vorrücken im April blieben die sowjetischen Kräfte im Bauwerk verschanzt. Der von deutscher Seite vorgenommene Versuch zur Rückeroberung scheiterte verlustreich... Noch am 24. April 1945, als die sowjetischen Truppen schon Berlin erreichten, wurde am Kraftwerk weiter gekämpft“, heißt es in dem Aufsatz „Denkmal oder Altlast?“ der Historiker Axel Drieschner und Barbara Schulz. Die Rote Armee begann schließlich mit der Demontage der Kraftwerksanlagen, um sie als Kriegsreparationen in die UdSSR zu bringen. Die Ruine am Deich blieb sich selbst überlassen, bis sie Mitte der 1970er-Jahre von Betriebskampftruppen als Übungsgelände genutzt wurde.
Nach der Oderflut 1997 drohte der Totalabriss – angeblich aus Sicherheitsgründen. Naturschützer aber stoppen die Sprengarbeiten auf dem 178.240 Quadratmeter großen Areal im Naturschutzgebiet zwischen Oder und Kleingartenkolonie, das damals dem Land Brandenburg zugewiesen wurde. Denn die Ruine hatte sich zum Lebensraum für bedrohte Vogelarten und Fledermäuse entwickelt. Später stellte sich durch eine Universitätsstudie heraus, dass die Betontürme durchaus standsicher seien. „Da wurde ein hochwertiger Beton verwendet“, weiß Axel Drieschner, der dafür kämpfte, dass die Ruine unter Denkmalschutz gestellt wird, da das Einheitskraftwerk auch eine baugeschichtliche Bedeutung hat.
Vor zehn Jahren schließlich wurde das Areal versteigert. Das Land erhielt 8500 Euro. „Da ist weiterhin alles sich selbst überlassen“, kritisiert Drieschner. Es sei nicht klar, was damit werden soll. Eigentümer ist ein niederländisches Unternehmen namens Peja, dem auch der ehemalige Wasserturm in Fürstenberg gehört.
