Leichtathletik: Ein Olympiasieger zum Anfassen

Informativ und unterhaltsam: Waldemar Cierpinski und Moderatorin Kristin Lenk. Teilweise humorvoll erzählt der Hallenser von seinen Erlebnissen. Viele der überwiegend älteren Gäste im Kunsthof hatten seine Erfolge mit viel Anteilnahme und Stolz verfolgt.
Hagen BernardFast obligatorisch lief zu Beginn der dreistündigen Veranstaltung mit der moderierenden Kristin Lenk die legendäre Fernseh-Reportage mit Heinz Florian Oertel über seine Ankunft im Stadion beim zweiten Olympiasieg 1980 mit “... liebe junge Väter oder angehende, haben Sie Mut, nennen Sie Ihre Neuankömmlinge des heutigen Tages ruhig Waldemar! Waldemar ist da!“ Was sich im Gedächtnis vieler deutscher Sportanhänger festgesetzt hatte, fand Cierpinski eher „fürchterlich“, weil das im Gegensatz zu Oertels herorisierenden Reportage in Montreal nichts mit Marathon zu tun hatte. Erst später habe er in Form mehrerer Wäschekörbe voll Fan-Post mitbekommen, wie gerade Oertels Moskau-Reportage seinen Erfolg so richtig populär gemacht habe. Einige Väter hatten sogar daraufhin ihren Söhnen seinen Vornamen gegeben. Mit einigen hatte sich der Hallenser getroffen.
Körperlich keine Beschwerden
Ansonsten konnten sich auch die Eisenhüttenstädter davon überzeugen, dass Cierpinski der Ausdauersport in die Wiege gelegt worden war. Sogar als 68-Jähriger habe der bei 1,70 Metern Größe schlank Gebliebene keine körperliche Beschwerden, beim 40-Kilometer-Trainingslauf konnte er vor einigen Jahren mit seinem zur nationalen Spitze zählenden Sohn Falk mithalten. Als Inhaber zweier Sportartikelgeschäfte treffe er sich dreimal wöchentlich zum Fußball spielen, spiele regelmäßig Golf, Tennis und Tischtennis.
Unverwüstlich war der unter einfachen Verhältnissen auf dem Dorf Aufgewachsene seit jeher. So habe er als 15-Jähriger nahezu mit leerem Magen einfach so einen 55-Kilometer-Lauf nonstop absolviert, nur um mal zu sehen, wie lange er so laufen könne. „Heute fragt man eher, ob das gesundheitliche Konsequenzen hat. Früher hat man das einfach gemacht.“ Vorbild war Abebe Bikila, dessen Marathonsieg er 1960 vor dem Fernseher verfolgt hatte.
Nach diversen Erfolgen bei regionalen Laufwettbewerben kam er als 16-Jähriger an die Kinder- und Jugendsportschule nach Halle. Über viele Jahre war Walter Schmidt sein Trainer. Prinzipiell habe man erst einmal die Läufer über die kürzeren Distanzen geschickt. Bei Waldemar war es die Hindernis-Strecke. Als er 1972 die DDR-interne Olympianorm um 2,2 Sekunden verpasste, konzentrierte er sich für internationale Einsätze auf die 10 000 Meter. Doch da wurde ihm 1975 sein Gemeinschaftsgefährte und 1974-er Europameister Manfred Kuschmann vorgezogen. Damit er seinen Traum von Olympia doch noch erfüllen könne, sattelte er im Herbst 1975 auf die 42,195 Kilometer um. Im Frühjahr 1976 musste er innerhalb sechs Wochen zweimal die interne Olympianorm von 2:13 Stunden erfüllen. Doch von diesen beiden Marathons – „wenn man die voll läuft, dann maximal zwei im Jahr“ – hatte er sich erst eine Woche vor der Entscheidung in Montreal erholt. Im Training hatte er alles auf den hohen Favoriten Frank Shorter ausgerichtet. Der 1972-er-Olympiasieger war seit zehn Läufen auf dieser Distanz unbesiegt und hatte jeweils durch Zwischenspurts die Konkurrenz zermürbt. Cierpinski ließ sich davon nicht beirren und lag ab Kilometer 34 allein vorn.
Ursprünglich wollte Cierpinski nach diesem Erfolg aufhören, doch nach einem halben Jahr strebte er die Spiele in Moskau an, um wie Bikila seinen Olympia-Erfolg zu wiederholen. Dieses Mal wollte er den Fünf-Kilometer-Abschnitt zwischen 35 und 40 Kilometer so schnell laufen wie kein anderer. Das gelang mit 14:45 Minuten. Nun strebte Cierpinski mit bis zu viermal täglichem Training den erneuten Erfolg in Los Angeles an. Er bereitete sich auf eine Weltbestzeit von 2:05 Stunden vor. Mental hatte er sich auf einen 100-Meter-Spurt eingestellt, den hatte er bei der Weltmeisterschaft 1983 erfolgreich als Dritter geprobt. „Um Marathon-Olympiasieger zu werden, benötigt man auch Glück. Ich wollte alle Möglichkeiten ausschöpfen. Dazu gehörte auch, nicht als Favorit anzutreten. Das war ich in Moskau, ich hatte mehrere Male den Ellenbogen abbekommen.“ Daher habe er sich in Helsinki zurückgehalten.
Form für das dritte Gold war da
Nach einigen Zwischentiefs nach Olympia 1980, da Cierpinski nicht immer so marathonspezifisch für Top-Zeiten trainierte, um mehr athletische Grundlagen zu legen, stimmte die Form im Frühjahr. Die 100 Meter konnte er um die 11,8 Sekunden sprinten, auf allen Trainingsstrecken lief er Bestzeiten. Den Olympia-Boykott habe er relativ gefasst aufgenommen. „Beim Training im März und Mai in Amerika haben wir gemerkt, dass die Stimmung auf der Straße gegen die Läufer aus dem Osten aggressiv war. Insgesamt war es eine bittere Pille für mich. Vier Jahre Training umsonst. Für einen Ersatzlauf in Grünau konnte ich mich nicht motivieren, auch nicht für den Weltcup in Hiroshima. Außerdem hatte ich mittlerweile bis zu zehn Stunden täglich trainiert, ich hatte genug.“ So erfuhr die Welt nie, ob Cierpinski die angestrebten 2:05 Stunden geschafft hätte.
Später gab der DHfK-Absolvent – zur Wende hatte er seinem Trainer für die eine Trainer-Planstelle den Vortritt gelassen – sein Wissen an seinen Sohn Falk weiter, doch die Unterstützung durch den Verband sei viel zu wenig, um unbelastet für Weltspitzenleistungen trainieren zu können. Den großen Abstand der Deutschen zur Elite erklärt Cierpinski so: „In der DDR hatten wir einige kompakte Trainingsgruppen wie wir in Halle. In der DDR gab es 20 Leute, die unter 2:15 liefen. Jetzt trainieren in Deutschland die Spitzenläufer meistens einzeln. In Äthiopien oder Kenia sind es 100, die sich im gemeinsamen Training antreiben. Der Verband hat im Langstreckenlauf kapituliert, als die Afrikaner so stark wurden.“