Lesung: Geschichten zum Hitler-Stalin-Pakt im Schützenhaus

Im Müllroser Schützenhaus: Reno Hölzke begrüßte Claudia Weber, die ihre neue Studie vorstellte. Reinhard Kieschnick (94./l.) ist einer der letzten in der Region lebenden Zeitzeugen des Krieges, er hat seine Erinnerungen in einem Buch niedergeschrieben. Rund 50 Zuhörer waren gekommen.
Ralf LoockDer in Moskau unterzeichnete Vertrag war und ist ein heftig umkämpftes Terrain: Wie ist er zu deuten und zu bewerten? Ist es ein nur pragmatisch und widerwillig abgeschlossenes Dokument oder ist es ein Pakt zweier Verbündeter mit vielen Gemeinsamkeiten – womöglich sogar eine Zusammenarbeit wesensähnlicher Systeme? Namentlich die Zeitung „Junge Welt“ hat Claudia Weber und ihr Buch heftigst kritisiert. Entgegen ihrer Behauptungen könne, so heißt es dort in einem Artikel, keinesfalls aus dem Vertrag „eine Zusammenarbeit, ein Bündnis, ein Pakt oder eine inhaltliche Übereinkunft zwischen dem Deutschen Reich und der Sowjetunion konstruiert werden.“
Der Kölner Historiker Jost Dülffer kritisierte in seinem Beitrag in der „Süddeutschen Zeitung“: „Die grundlegende deutsche Edition in über einem Dutzend Bänden scheint unbekannt zu sein. Das ist für eine Wissenschaftlerin nicht seriös.“ Sie erwiderte später in einem MOZ-Interview, dass sie diese Bände sehr wohl kenne, sich aber auf Tagebücher und Memoiren der Akteure gestützt habe. Dülffer wirft ihr vor, Quellen nicht überprüft zu haben. Als Beispiel nennt der Kölner jene Passage, bei der sie, offenbar um die Gemeinsamkeiten des deutschen und des sowjetischen Verwaltungsapparates zu verdeutlichen, über die diversen Umsiedlungen berichtete. Dabei hätten, so Claudia Weber, die Deutschen den Russen gesagt, sie wollten nicht noch mehr Juden im deutschen Bereich haben, die Russen sollten sie „doch selbst liquidieren“. Wo hat Weber das her?, fragt Jost Dülffer und antwortete: „Polens Exilministerpräsident Stanislaw Mikolajczyk, der damals in London saß, hatte das im Gespräch mit US-Zeitungen erklärt. Woher er das hatte, ob das stimmte oder nicht, ob es andere Quellen dafür gibt, interessiert nicht; es passt so schön.“
Nun also standen die Lesungen in der Oderstadt und im Schlaubetal an; und das Interesse war in beiden Städten bemerkenswert groß. Eingeladen hatte das Bündnis Müllrose, es sei die erste Kultur-Veranstaltung von vier geplanten, erläuterte der Stadtverordnete Reno Hölzke vom Bündnis, der diesen Abend moderierte. Nachdem Claudia Weber aus ihrem Buch einleitende Abschnitte zum Beziehungsgeflecht von Churchill, Stalin und Hitler vorgelesen hatte, fragte die Müllroser Stadtverordnete Angelika Peter (SPD), welche Quellen und Archive die Autorin genutzt hatte und warum die russischen Archivalien zu diesem Thema auch heute noch gesperrt seien.
Claudia Weber bestätigte, dass die Akten in Moskau heute unzugänglich seien. Womöglich befürchte man dort, dass ein Blick in die Dokumente kein gutes Bild von der deutsch-sowjetischen Zusammenarbeit liefern würde, namentlich von den Arbeitstreffen von SS und NKWD. Sie habe aber deutsche Archive nutzen können, ferner seien sowjetische Originale in ukrainische Einrichtungen zugänglich. Benutzt habe sie auch gedruckte Editionen, Tagebücher und Memoiren. Insgesamt hat sie dabei viele bislang unbekannte Angaben ans Tageslicht befördert, namentlich zu den Arbeitstreffen von SS und NKWD.
Ein sensationeller Aktenfund, der zu einer kompletten Neubewertung führen würde, war aber nicht dabei. Auf die Frage, ob denn Hitler den Einmarsch in Polen 1939 auch ohne diesen Pakt befohlen hätte, sagte Claudia Weber, dass dies ein spannender Gedanke sei, den sie kaum beantworten könne. Auf jeden Fall aber habe dieses Bündnis Hitler die Entscheidung zum Einmarsch 1939 deutlich erleichtert.
Debatte im Logenhaus
Warum man denn heute nach all diesen schrecklichen Erfahrungen wieder deutsche Soldaten in weltweite Kampfeinsätze schicke?, fragte der Müllroser Reinhard Kieschnick (94), der im Alter von 17 Jahren 1943 als Wehrmachtssoldat den Krieg mit all seiner Brutalität erlebt hatte. Die Zuhörer, unter ihnen waren Katharina Staar, Bürgermeisterin in Grunow-Dammendorf, Förster Michael Köckritz, Peter Palwitz, Präsident der HSG Schlaubetal-Odervorland, und Dr. Wolfgang Strübing vom Beirat des Müllroser Heimatmuseums bedankten sich bei Claudia Weber mit viel Applaus.
Die Lesung im Frankfurter Logenhaus, die vor dem Müllroser Abend stattfand und zu der die Universität eingeladen hatte, war ebenfalls sehr gut besucht, rund 80 Zuhörer waren gekommen, der Saal bis auf den letzten Platz belegt. Gemeinsam mit Prof. Dr. Krzysztof Ruchniewicz, Direktor des Willy-Brandt-Zentrum in Wrocław, sprach sie über die Auswirkungen des Hitler-Stalin-Paktes auf Polen. Er betonte dabei, dass das Buch aus polnischer Sicht sehr zu begrüßen sei und verteidigte es gegen kritische Rezensionen. Auch wenn sowjetische Archive nicht zugänglich seien, so biete das Werk eben den aktuellen Forschungsstand.
In der Aussprache wurde darauf aufmerksam gemacht, dass die Beschreibung der Zusammenarbeit dieser beiden Staaten in diesen 22 Monaten nicht so ganz neu sei, denn es wurden dazu bereits viele Studien vorgelegt – die aber oft in historischen Fachzeitschriften erschienen waren und somit von der breiten Öffentlichkeit nicht wahrgenommen wurden. Ein Zuhörer machte darauf aufmerksam, dass dieses deutsch-polnisch-sowjetische Beziehungsgeflecht im Jahr 1939 kaum zu verstehen sei ohne die Jahre 1918/1921. Damals hat Polens Befehlshaber Pilsudski mit seiner Armee trotz der Friedensschlüsse mehrere Kriege im Osten geführt und unter anderem Teile der West-Ukraine und Litauens besetzt und annektiert. Krzysztof Ruchniewicz antwortete dazu, dass Polen damals „seine Rechte geltend gemacht hat.“
In sieben Kapiteln durch 22 Monate Weltpolitik
In einer anschaulichen Sprache führt die Autorin die Leser in eine heute weithin kaum bekannte Welt – die Phase der deutsch-sowjetischen Zusammenarbeit. In sieben Kapiteln zeigt Claudia Weber, dass es auch eine 22-monatige Kooperation der Regierungsstellen gegeben hat. Auch wenn sowjetische Archive nicht zugänglich sind, so ist das Buch dennoch als ein großer Gewinn zu betrachten. Es gibt zwei zentrale Schwachstellen: Erstens eine unzureichende Überprüfung einiger in Zitaten enthaltener Behauptungen. Zweitens fehlt eine zusammenfassende Bewertung: Auf dieses Manko ist Claudia Weber auch im Frankfurter Logenhaus angesprochen worden, dieses Fazit habe sie aus Zeitgründen nicht mehr schreiben können, antwortete sie. Es soll aber mit einer der nächsten Auflagen des Buches vorgelegt werden. Dann wird die Debatte sicher weiter an Intensität gewinnen. ⇥loo
Claudia Weber, Der Pakt. Stalin, Hitler und die Geschichte einer mörderischen Allianz 1939-1941. C.H. Beck Verlag, München 2019, 276 Seiten, 26,95 Euro.
