Literatur: Zwei Kilo mehr Stahlpreis im Gepäck

Preisträger und Laudatorin nebeneinander: Jakob Hein saß im Technologiezentrum in der ersten Reihe und neben der Autorin Elke Schlinsog.
Jörg HanischBevor der Mann des Abends – Jakob Hein – zum Lesen kam, standen am Donnerstagabend im Technologiezentrum in Eisenhüttenstadt erst einmal die Laudatio durch Autorin Elke Schlinsog und die Übergabe des Stahl-Literaturpreises auf dem Programm. Auch der Landrat, Eisenhüttenstadts Bürgermeister sowie das Künstlerehepaar Christoph und Christiane Hein, die im Publikum saßen, mussten sich etwas gedulden. Sie erfuhren jedoch jede Menge Interessantes.
Die Laudatorin ging auf das Leben von Jakob Hein ein, der 18 Jahre DDR erlebte, in Leipzig in eine lebendige Künstlerfamilie geboren wurde und in Berlin aufwuchs. Der studierte Mediziner und anerkannte Kinder- und Jugendpsychiater steht von Montag bis Freitag in seiner Praxis und schreibt in seiner Freizeit, an Wochenenden und auch mal im Urlaub. Dabei reflektiert er durchaus Erlebnisse aus seinem Berufsleben oder andere Begebenheiten. Mittlerweile hat er 16 Bücher veröffentlicht und erzählt in ihnen vom Leben.
Ein hellwacher Zeitgenosse
Feine Ironie, gewürzt mit einer Prise Humor und einer vermittelten Leichtigkeit des Seins. „Es scheint überhaupt sein Credo, über Dynamik, Bewegung und Tempo die Welt zu beschreiben. Doch die Welt ist viel komplizierter, als wir uns sie an unseren Schreibtischen vorstellen. Und die Laudatorin ist geneigt, ein ähnliches Tempo anzuschlagen in Text und Vortrag, um etwas mithalten zu können … im lustvollen Erklären der hellwachen Zeitgenossen“, formulierte Elke Schlinsog ihre Eindrücke über Heins Buch „Kaltes Wasser“.
Bevor er daraus las, schritten die Mitglieder der Stahlstiftung zur Tat und übergaben den Stahlliteraturpreis 2019, nebst Urkunde, Blumen und finanzieller Anerkennung. Übrigens wird dieser seit 2005 von den Auszubildenden von ArcelorMittal Eisenhüttenstadt hergestellt und wiegt etwa zwei Kilogramm. Aus schwarz lackiertem Stahl stellt dieser eine verkleinerte Ausgabe der Skulptur für „Deutsch-polnische Städtepartnerschaft“ dar, die vor dem Werkzentrum steht.
Mit viel Applaus bedacht, schritt der Schriftsteller zu Tat und zur Lesung aus seinem Roman „Kaltes Wasser“ und erweckte den Romanhelden zum Leben, der ähnlich alt, wie der Autor selbst, im Osten – in Halle (Saale) – geboren wurde, nach Berlin kam und unbedingt Wessi werden wollte, in Art, Verhalten, Lebensart. Gut verdienend mit einer Partneragentur für Adlige hätte das Leben auf Dauer schön sein können. Aber es kam jemand, der anfing, an der Identität des jungen Mannes zu zweifeln. Diese ironische Distanz zur DDR – ohne in Ostalgie zu verfallen, Spott auf die Absurditäten des Sozialismus machen seine Geschichten aus. Andere Bücher wie „Mein erstes T-Shirt“, „Die Orient-Mission des Leutnant Stern“, „Wurst und Wahn“ oder „Fish, Chips & Spreewaldgurken“ sind nur einige, die er über und für Menschen mit Geschichten schrieb. „Ich wollte schreiben, bevor ich es konnte“, bemerkte er dazu und setzte diesen Traum in die Realität um, in eine mit einem besonderen Preis gekrönte oben drein.
Jakob Hein reiht sich damit ein in die Reihe von Wladimir Kaminer, Walter Kempowski, Kerstin Hensel, Jenny Erpenbeck, Clemens Meyer, Thomas von Steinaecker, Kathrin Schmidt, Günter de Bruyn, Nadja Küchenmeister, Birk Meinhardt, Richard Schröder, Thea Dorn, Juli Zeh und Rosemarie Tietze, die den Stahlpreis ebenfalls bekommen haben.