Scheidender Geschäftsführer: „Das Werk ist eine Perle“

Geht mit einem weinenden und einem lachenden Auge: Pierre Jacobs war mehr als sieben Jahre bei ArcelorMittal in Eisenhüttenstadt tätig. Mittlerweile ist er zurück in Luxemburg und nun im Langstahl-Sektor des Konzerns aktiv.
Gerrit FreitagHerr Jacobs, Sie waren sieben Jahre in Eisenhüttenstadt, war es eine gute Zeit?
Sieben Jahre und vier Monate – die längste Arbeitszeit an einem Ort, die ich jemals hatte. In dieser Zeit ist viel passiert, wir haben hier viel verändert, umgesetzt und verbessert. Ich schaue auf eine wunderbare Zeit zurück. Das Werk war für mich schon eine Perle, als ich in Bremen war. Das kann ich jetzt bestätigen: Es ist eine Perle.
Glänzt diese Perle jetzt noch mehr?
Das war mein Ziel, als ich kam. Ich denke, wir haben es zusammen hinbekommen, aus dem kleinen Eisenhüttenstadt ein kleines Gent zu machen. Gent ist das Flaggschiff für Flachprodukte bei ArcelorMittal Europa. Eisenhüttenstadt ist kleiner, weil es nur zwei Millionen Tonnen Roheisen schafft, aber in der Performance ist es absolut vergleichbar mit Gent.
Wie haben Sie die Perle glänzender gemacht?
Wir haben einige Strukturen in der Organisation geändert und dabei das Tagesgeschäft vom Bereich Projekte getrennt. Das hat das Arbeiten optimiert. Außerdem habe ich versucht, allen klarzumachen, dass Eisenhüttenstadt zu einer Gruppe gehört und dass wir uns auch als Mitglied dieser Gruppe verstehen müssen. Wir waren bis 2002 ein total eigenständiges Werk mit eigener Produktion, eigenem Einkauf und Verkauf. Dann gingen Verkauf und Einkauf weg, und die Finanzen wurden zentralisiert. Das muss nicht nachteilig sein. Wir sind Teil einer größeren Gruppe, haben so auch mehr Möglichkeiten zu überleben. Wenn wir so selbstständig gewesen wären wie zur Jahrtausendwende, hätten wir mit großer Wahrscheinlichkeit die Krise von 2008/2009 nicht überlebt. Trotz der vollzogenen Zentralisierung wird sich produktionstechnisch in Eisenhüttenstadt nichts ändern. Das Herzstück des Standorts ist und bleibt die Produktion. Das Drumherum wird optimiert.
Und verstehen sich die Eisenhüttenstädter als Teil des großen Ganzen?
Wir müssen uns als Eisenhüttenstädter mehr öffnen, auch mal von oben auf etwas schauen. Wir haben beispielsweise spezielle Karrieretrainings, bei denen wir unsere Leute zu anderen Standorten schicken. Wenn sie zurückkommen, haben sie einen anderen Blick und mehr Erfahrung. Die Eisenhüttenstädter sind als Techniker und Finanzexperten ausgezeichnete Leute. Die Ausbildung ist topp. Das Einzige, was ein wenig fehlt, ist die Einstellung, dass wir versuchen uns als Teil von etwas Größerem zu betrachten.
Klingt nicht so, als würden Sie sich wegen der neuen Struktur mit Bremen Sorgen machen.
Ich mache mir diesbezüglich tatsächlich keine Sorgen. Erstens, die Eisenhüttenstädter sind sehr gut, in dem, was sie tun. Zweitens, jetzt kommen auch wieder kompetente Leute in die Geschäftsführung. Da ist Michael Bach, der ab Juli Arbeitsdirektor wird. Dann gibt es Nico Dewachtere, der in Bremen Geschäftsführer für Finishing war und das Gleiche nun in Eisenhüttenstadt macht. Das sind sehr sachliche, objektive Leute. Genau wie Reiner Blaschek, der neue Geschäftsführer für beide Standorte, den ich schon als direkten Vorgesetzten aus meiner Bremer Zeit kenne. Er wird beide Werke gleichberechtigt behandeln, da bin ich mir sicher.
Hat er sich Tipps geholt?
Ja, klar, wir haben einen sehr intensiven Austausch gehabt. Er hat sehr gut zugehört, lässt sich auch beraten. Er wird für Eisenhüttenstadt eine Bereicherung sein.
War es für Sie schwer, zu den Eisenhüttenstädtern einen Zugang zu finden?
Nichts ist einfach im Leben. Ich bin auch nicht immer einfach. Ich möchte manchmal schneller sein als das Licht, das ist einer der Vorwürfe, die man mir macht. Ich bin ab und zu ein Motor, der schwer zu stoppen ist. Aber ich habe hier gelernt, mich zurückzunehmen. Manches geht nicht so schnell, wie man es sich als Geschäftsführer wünscht.
Warum waren Sie denn so lange in Eisenhüttenstadt?
Als ich 2012 kam, wurde ich zunächst berufen für drei Jahre. Danach sollte es eigentlich zurück in meine Heimat Luxemburg gehen – zu meiner Frau. Dann hieß es 2014: Du bleibst und übernimmst in Eisenhüttenstadt die Geschäftsführung. Also ist meine Frau hierher gekommen und hat zwei Jahre an einer Eisenhüttenstädter Grundschule unterrichtet. Doch 2016 musste sie aufgrund von Lehrermangel zurück nach Luxemburg. Wir hatten bis dahin in Mixdorf in einem Haus gewohnt. Nun ging es für mich in eine Wohnung nach Müllrose. Ich arbeitete von 6 bis 19 Uhr, kam nach Hause und weder Frau noch Hund waren da. Das war schwer. Dann war ich wohl Opfer meines Erfolgs und sollte weiterhin bleiben. 2018 wollte man einen Nachfolger suchen, doch das hat schlussendlich nicht geklappt. Und im Januar 2019 kam die neue Struktur, und aus privaten Gründen, weil ich endlich wieder bei meiner Frau sein wollte, habe ich um eine Versetzung nach Luxemburg gebeten.
Aber Sie bleiben bei ArcelorMittal?
Ja, ich übernehme ein Langstahl-Werk in Luxemburg.
ArcelorMittal ist für Sie eine Herzenssache?
Ja, ich war bislang in vier Unternehmen: in drei amerikanischen und eben bei ArcelorMittal. Ich bin sehr glücklich hier. Ich finde die Stahlindustrie sehr spannend. Es ist eine alte Industrie, die unter Druck kommt, auch was die Umwelt angeht. Das sind Herausforderungen, die ich gern angehen möchte. Ohne Stahl kann die Welt nicht existieren, das ist einer der wichtigsten Werkstoffe, die wir haben.
.
Ja, wir brauchen die jungen Leute, die sich mit der CO2-Reduzierung und Energieeinsparung befassen. Das Thema CO2 ist derzeit die größte Bedrohung für die europäische Stahlindustrie.
Wie bleibt Eisenhüttenstadt auf der Gewinnerseite?
Wir brauchen regelmäßig frisches Blut, also junge Menschen. Wir brauchen zudem Investitionen, die über Ersatzinvestitionen hinausgehen. Ein sechstes Gerüst fürs Warmwalzwerk wäre eine gute Sache. Dann wäre es möglich, höher feste Stähle zu walzen.
Was nehmen Sie mit von Eisenhüttenstadt nach Luxemburg?
Meine Erfahrungen und Erinnerungen, meinen PC und ein wunderschönes, dreidimensionales Bild von der Coilbox im Warmwalzwerk, das ich bei der Abschiedsfeier bekommen habe.
Zur Person
Pierre Jacobs ist 58 Jahre alt und aus Luxemburg. Vor seiner Zeit bei ArcelorMittal hat er Erfahrungen in der Kunststoffindustrie in Frankreich, Luxemburg und Belgien gesammelt. Auch die Glasindustrie ist ihm nicht unbekannt. Eine weitere Station war ArcelorMittal Bremen. In Eisenhüttenstadt startete er 2012 als Geschäftsführer Finishing. 2014 übernahm er den Vorsitz der Geschäftsführung. ⇥ja
