Schikane an Schulen
: Mobbing kaum zu kontrollieren

Nach dem Selbstmord einer Elfjährigen in Berlin, rückt das Thema Mobbing an Schulen wieder ins öffentliche Blickfeld.
Von
Patrizia Czajor
Eisenhüttenstadt
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Tatort Internet: Schüler einer Erfurter Schule nehmen an einem Medienkompetenz-Kurs teil. (Symbolbild)

Martin Schutt

Noch immer konnte nicht abschließend geklärt werden, warum sich eine 11–jährige Schülerin aus Reinickendorf das Leben nahm. Der Fall sorgt auch hierzulande für Gesprächsstoff. Denn Mobbing an Schulen ist ein Dauerthema.

Noch bevor der Fall in Berlin abschließend geklärt gewesen ist, war das Wort Mobbing schon in aller Munde, wie Ute Tupy kritisiert. Die Schulleiterin der Gesamtschule 3 ist der Ansicht, dass das Wort zu inflationär gebracht wird – oft ohne zu wissen, was es überhaupt bedeutet. Ute Tupy stellt klar, dass für sie Mobbing eine Situation beschreibt, in der ein Stärkerer einen Schwächeren sucht und ihn über eine längere Zeit bedrängt. „Zumindest glaubt derjenige, stärker zu sein.“ Das dürfe nicht mit den täglichen Reibereien und Meinungsverschiedenheiten verwechselt werden, die sie und ihre Kollegen gerade bei Jugendlichen im pubertären Alter beobachteten. Doch schon bei vermeintlichen Kleinigkeiten müssten Pädagogen eingreifen, betont sie, denn Banalitäten könnten sich zu schlimmeren Fällen entwickeln. Als Beispiel nennt die Schulleiterin den Fall einer ihrer Schülerinnen, die von einem Jungen beleidigt worden ist. „Sie hat angefangen zu weinen.“ Erst als dem Jungen die Frage gestellt worden sei, wie er sich in der Situation des Mädchens gefühlt hätte, habe er das Ausmaß seiner Worte verstanden.

Dass es bislang keine größeren Fälle von Mobbing an der Gesamtschule gegeben habe, führt Henry Dahms, stellvertretende Schulleiter der Gesamtschule, auf den präventiven Umgang mit Konflikten zurück. Für die Siebtklässler würden je zwei Stunden, für die Achtklässler je eine Stunde in der Woche dafür reserviert, dass man sich zusammensetzt und über Probleme spricht. „Über 90 Prozent der Konflikte basieren auf Missverständnissen.“

Auch Volker Kamolz, Leiter der Grundschule „Erich–Weinert“, vertritt die Auffassung, möglichst früh einzugreifen und meint damit auch das Alter der Schüler. Doch dazu bräuchten die Schulen auch Personal. „Was uns fehlt, sind Sonderpädagogen“, sagt er. So lange das Fachpersonal nicht zur Verfügung steht, steht der Schulleiter jeden Tag selbst in den großen Pausen draußen, um zu schlichten.

Doch selbst wenn Lehrer und Pädagogen Schülern möglichst durchgängig als Ansprechpartner zur Verfügung stehen, einen Einblick in das Verhalten außerhalb des Unterrichts, etwa im Netz, haben sie nicht. Aus Sicht von Roland Görlitz, Schulleiter des Albert–Schweitzer–Gymnasiums, sind soziale Netzwerke, das „scheinbar anonyme Medium“, das weitaus größere Problem. Zum Teil geben die jungen Nutzer dort alles von sich preis, ohne sich Gedanken darüber zu machen, dass sie damit auch Gefahr laufen, bloßgestellt zu werden, wie er zu Bedenken gibt.

Auch viele Fälle von Mobbing fänden gerade im Netz statt, wie Ralph Kotsch von Staatlichen Schulamt darlegt. Das ist auch der Grund dafür, dass das Thema aus seiner Sicht nur schwer zu erfassen ist. Beim Schulamt gemeldet werden laut Ralph Kotsch jedenfalls nur selten Vorfälle. „Es sei denn, dass die Situation so eskaliert, dass es zu einer Gewalttat kommt.“ Wichtig ist aus seiner Sicht deswegen, dass Lehrer als vertrauensvolle Ansprechpartner zur Verfügung stehen.

Die Pädagogen setzen außerdem auf den Kontakt zu den Eltern. An der Gesamtschule 3 wurde etwa vor einiger Zeit eine  Internetplattform ins Leben gerufen, auf der sich Eltern freiwillig registrieren können. „So haben wir einen direkten Draht zu ihnen“, sagt Dahms.