Die Anspannung steigt – zumindest im hinteren Teil des Segelflugzeugs. In wenigen Sekunden geht es auf dem Verkehrslandeplatz Pohlitz in der Nähe von Eisenhüttenstadt in die Luft. Sebastian Bode sitzt entspannt, aber konzentriert im Cockpit des rund 500 Kilogramm leichten Fluggeräts, bei etwa 100 Flugstunden pro Jahr scheint er nicht mehr aufgeregt zu sein. Auf dem Platz hinter ihm in der Zwei-Personen-Kabine kann ein Flugschüler oder Gast sitzen. Nach einer kurzen Einweisung und dem Festzurren des Fallschirms, der sich im Notfall von alleine öffnet, sobald man sich abgeschnallt und vom Flugzeug entfernt hat, geht es auch schon los. Kein stundenlanges Einchecken, keine Gangway, keine Stewardess mit Tomatensaft.

Ein Stahlseil an der Startwinde ermöglicht das Abheben

Im Augenwinkel ist ein unscheinbar wirkendes Drahtseil zu sehen, was an der Spitze des Flugzeugs angebracht ist. Es hat eine Länge von 1200 Metern und ist mit der sogenannten Startwinde am anderen Ende des Flugplatzes verbunden, die den Segelflieger mithilfe von 320 PS in einem alten Mercedes-Motor auf rund 90 km/h beschleunigt. Einen Motor hat das Flugzeug nicht. Eine andere Startmöglichkeit ist ein sogenannter F-Schlepp, bei dem der Segelflieger von einem Motorflugzeug an einem Seil in die Höhe gezogen wird.
Nach kurzer Wartezeit geht alles ganz schnell: Per Funkgerät kommt das OK, dann wird das Seil in Höchstgeschwindigkeit von der Startwinde aufgezogen. Schon nach wenigen Sekunden rasanter Fahrt auf der holprigen Wiese hebt der Segelflieger ab. Im steilen Winkel geht es auf mehrere hundert Meter hoch – und schon ist die Aufregung vergessen. Der Blick geht auf unendliche Wälder und Felder, auf der linken Seite wirken Eisenhüttenstadt und das benachbarte Stahlwerk wie Zubehör für die Modelleisenbahn. Rechts sind die Umrisse von Frankfurt (Oder) zu erkennen, davor schmiegt sich der malerische Helenesee in die Landschaft. Und was vor allem auffällt: Bis auf das Pfeifen des Windes ist es wunderbar ruhig.

Hobby-Pilot Sebastian Bode mag das Gefühl von Freiheit

Sebastian Bode mag am Segelfliegen vor allem das Gefühl von Freiheit. „Man versucht, mit der Luft eins zu werden und die verschiedenen Strömungen zum Auftrieb zu nutzen. Frei und lautlos wie ein Vogel zu fliegen war schon immer ein Traum der Menschheit. Mit diesem Sport kann man sich diesen Wunsch erfüllen“, sagt der 34-Jährige. In der Luft kann er dem Alltag und der Hektik am Boden entfliehen, die Natur und das Land von oben bewundern. Mit seinem Flugzeug ist er schon rund um Berlin geflogen, hat den Harz, die Schneekoppe Tschechien und Polen von oben bewundert. „Von fünf Minuten bis acht, neun Stunden kann man unterwegs sein – bis zu eintausend Kilometer am Tag. Der Vorteil ist, dass Segelflieger überall landen dürfen“, berichtet er.
Neben Entspannung und Muße hat Bode aber auch sportliche Ambitionen, ist mit einigen Vereinsmitgliedern in diesem Jahr erstmals in die 1. Segelflug-Bundesliga aufgestiegen. Dort starten die 30 besten von insgesamt rund 500 Vereinen aus ganz Deutschland. „Es war ein langer und harter Weg dorthin, aber es macht nach wie vor großen Spaß. An schlechten Tagen erreichen wir eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 80 km/h, an guten Tagen sind wir bis zu 160 km/h schnell – und das alles ohne Motor. Aus unserem Verein sind 24 Piloten im Alter von 16 bis 72 Jahren aktiv beteiligt, es ist also ein echter Breitensport“, erzählt der Vorsitzende.

Der Flugsportverein Eisenhüttenstadt verteidigen Platz 5 und schaffen den Aufstieg

Nachdem sie in der 2. Bundesliga auf Platz 15 starteten, konnten sie sich kontinuierlich verbessern und die letzten fünf Runden erfolgreich den 5. Rang verteidigen, der zum Aufstieg berechtigt. Als sportliches Ziel haben sich die Eisenhüttenstädter den Klassenerhalt vorgenommen. „Segelfliegen ist ein Sport, der stark mit der Natur verbunden ist. So können wir bei Regen oder starker Bewölkung nicht starten und gehen daher mit null Punkten auch mal leer aus“, erklärt Bode. „Auch die geografischen Gegebenheiten vor Ort sind natürlich völlig unterschiedlich. Da haben zum Beispiel die Kollegen in der Schwäbischen Alb meistens einen Vorteil.“ Neben der Bundesliga geht Sebastian Bode auch bei als Einzelstarter in die Luft, nimmt regelmäßig an Wettkämpfen in Tschechien und Sachsen teil.
Nach einigen Minuten und einigen Runden über dem Flugplatz geht Sebastian Bode wieder in den Sinkflug, unten warten bereits die nächsten Gäste. Gekonnt dreht er eine halbe Runde und bringt das Flugzeug so in Landeposition. Mit Bremsklappen reduziert er Höhe und Geschwindigkeit und schon setzt der Flieger auf der Landesbahn auf – die aus einer abgemähten Hoppelwiese parallel zur asphaltierten Piste besteht.

Die Fluglizenz kostet zwischen 1500 und 3000 Euro

Als nächstes steht Lea Fünfstück im Einsitzer „Pirat“ zum Starten bereit. Die 15-Jährige absolviert momentan ihre Ausbildung zur Segelflug-Pilotin. „Wenn ich alleine im Cockpit sitze, bin ich eigentlich gar nicht mehr besonders aufgeregt, sondern freue mich einfach auf die tolle Aussicht. Ich bin total gerne hier auf dem Flugplatz, auch weil sich jeder hilft und Jung und Alt zusammen kommen.“ Ihre Fluglizenz kann sie frühestens mit 16 erhalten, die eineinhalb- bis zweijährige Ausbildung kostet zwischen 1500 und 3000 Euro.
„Abgesehen davon ist Segelfliegen aber kein übermäßig teures Hobby. Eine Maschine können Mitglieder bei uns für 48 Euro pro Tag mieten“, berichtet Sebastian Bode. Geflogen werden kann je nach Witterung von März bis Oktober. „Danach wird es zu kalt. Außerdem benötigen wir die Zeit für die Wartung der Maschinen. Da muss alles perfekt sein, schließlich vertrauen uns die Eltern ihre Kinder an.“
Nicht alle Mitglieder des FSV suchen die sportliche Herausforderung. So wie Jessica Knespel, die über ihren Vater im Verein gelandet ist. „Ich bin hier quasi auf dem Flugplatz groß geworden und schätze vor allem die familiäre Atmosphäre. Und natürlich liebe ich es, in der Luft zu sein. Das ist immer wieder ein Gefühl von Freiheit. Kein Flug ist wie der andere, es gibt immer anderes Wetter und etwas Neues zu sehen“, sagt die 23-Jährige und hilft ihrer jungen Vereinskollegin, das Flugzeug auf die Startposition zu schieben. „Hier packt jeder mit an, alle helfen einander“, schwärmt Jessica Knespel.

Teilnehmer bei nationalen und internationalen Titelkämpfen

Das betont auch Sebastian Bode. Er begann mit dem Fliegen bereits als 14-Jähriger, seit drei Jahren engagiert er sich als Vorsitzender des Flugsportvereins Eisenhüttenstadt. Dieser hat aktuell 60 Mitglieder im Alter von 14 bis 80 Jahren. „Ich habe früher im angrenzenden Vogelsang gewohnt und unser Nachbar war Fluglehrer, so bin ich beim Segelfliegen gelandet“, erzählt der Hobby-Pilot, der mittlerweile in Königs Wusterhausen lebt, aber so oft es geht auf den Flugplatz fährt.
Den Vorsitz übernahm er, um die Tradition und das rege Vereinsleben fortzusetzen, wie er sagt: „Der FSV hat es als einer der wenigen Vereine aus den neuen Bundesländern geschafft, früher wie heute Teilnehmer für Deutsche Meisterschaften sowie Welt- und Europameisterschaften zu stellen.“ Geflogen wird in Eisenhüttenstadt seit 1956, speziell auf dem Flugplatz Pohlitz seit 1966. Der Flugsportverein gründete sich 1990 aus der aufgelösten Flugsportsektion der GST (Gesellschaft für Sport und Technik) sowie neuen Mitgliedern.
Mit dabei sind nicht nur Flug-Begeisterte aus der Stahlstadt, sondern auch aus dem weiteren Umland bis nach Berlin und Cottbus. „Uns ist es wichtig, unseren Sport in Einklang mit der Natur zu betreiben. Dies ist mit lautlosem Fliegen in unserer einzigartigen Flugplatz-Flora mit wildem Lavendel möglich“, schwärmt Sebastian Bode und macht seinen Segelflieger zum nächsten Start bereit.

Segelflug-Bundesliga


Die Teilnehmer treten nicht direkt gegeneinander an, sondern laden in dem dezentralen Wettbewerb ihre Flüge auf einer offiziellen Internetplattform hoch. Alle Daten werden mit einem GPS-Logger aufgezeichnet und können so ausgewertet werden. Ermittelt wird die schnellste Geschwindigkeit innerhalb von zweieinhalb Stunden.

Geflogen wird regulär an 19 Wochenenden, aufgrund der Pandemie gab es dieses Jahr nur 13 Runden. Dabei werden pro Verein die besten/schnellsten drei Piloten ermittelt. Die drei Daten werden addiert und ergeben somit eine Gesamtgeschwindigkeit.
Den Meistertitel sicherte sich in diesem Jahr der LSV Rinteln aus Niedersachsen.