Ausflugstipp
: Das ist Woltersdorfs hölzerner Riese

Weitblick bis nach Berlin bietet der Woltersdorfer Aussichtsturm. Ein Blick in die Geschichte des Bauwerks lohnt sich.
Von
Annette Herold
Woltersdorf
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  • Hölzerner Riese: Der Aussichtsturm auf dem Woltersdorfer Kranichsberg steht 102 Meter über dem Meeresspiegel und ist 25 Meter hoch.

    Hölzerner Riese: Der Aussichtsturm auf dem Woltersdorfer Kranichsberg steht 102 Meter über dem Meeresspiegel und ist 25 Meter hoch.

    Annette Herold/MOZ
  • Weitblick: In der Ferne ist Erkner mit seinem Chemiewerk zu sehen.

    Weitblick: In der Ferne ist Erkner mit seinem Chemiewerk zu sehen.

    Annette Herold/MOZ
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Die kann der Besucher mit Pausen zurücklegen, und zwar nicht nur, weil es großzügige Treppenabsätze gibt. Der Ortshistoriker Gerald Ramm, einst Vorsitzender des örtlichen Verschönerungsvereins, hat an den Wänden eine Ausstellung über Woltersdorfer-Rüdersdorfer Filmgeschichte gestaltet. Vom „Tiger von Eschnapur“ ist zu lesen, von Hans Albers’ Dreharbeiten im kleinen märkischen Hollywood oder von Ernst Lubitsch, einem der Ufa-Starregisseure.

Seit den 1990er-Jahren gibt es die Film-Ausstellung, und nach der Wende ist der Turm überhaupt erst wieder öffentlich zugänglich gemacht worden. In den Siebzigern hatte die DDR-Staatssicherheit das Gebäude mit Beschlag belegt. Was genau sich drinnen abspielte, liegt bis heute im Dunkeln, berichtet Gisela Schuldt, heutige Vorsitzende des Verschönerungsvereins, der den Turm im Auftrag der Gemeinde bewirtschaftet. Gemunkelt werde über eine Abhörstation.

Genau genommen dürfte es den Turm gar nicht geben. Zumindest nicht aus Holz. Der Vorgänger, der an anderer Stelle stand und nicht ganz so hoch war wie der jetzige, brannte im April 1945 ab. Warum? Das ist noch so ein Rätsel der Woltersdorfer Turmgeschichte. Im Ort hält sich die Meinung, dass er von Angehörigen des sogenannten Volkssturms angezündet wurde, die zum Ende der Nazi-Zeit für die Deutschen retten sollten, was wenig später endlich vorbei war. Jedenfalls wünschten sich viele Woltersdorfer bald nach dem Krieg einen neuen Turm. Aus Holz sollte er sein, so wie sein Vorgänger.

Wäre da nur nicht kurz vorher der Aussichtsturm in den nahen Müggelbergen abgebrannt. Aus Berlin habe es geheißen, dass hölzerne Türme fortan tabu seien, erinnert sich Gisela Schuldt. Mit einem Trick fand sich eine Lösung: Gemeinde und Forst vereinbarten die Errichtung eines kombinierten Brandwach- und Aussichtsturmes. Der war 1962 fertig.

Noch ein Mysterium

Warum ausgerechnet Brandwachtürme aus Holz sein durften? Ein weiteres Mysterium um das beliebte Ausflugsziel, und vielleicht inzwischen eher für Historiker von Interesse. Die meisten Ausflügler jedenfalls locken Aufstieg, Ausstellung und Weitsicht. „Eine sehr schöne Ausstellung und ein toller Blick nach Berlin“, lobt etwa Jürgen aus Stuttgart im Gästebuch. Diese Mischung und die besondere Atmosphäre sind es wohl auch, die manche für einem ganz besonderen Tag auf den Turm zieht: Auf dem Aussichtsturm kann man auch heiraten.

Theodor Fontane hatte längst Hochzeit gehalten, als er im Sommer 1887 zur Sommerfrische in Rüdersdorf weilte. In einem Brief an seine Frau berichtet er über einen Abstecher nach Woltersdorf. Auf dem Kranichsberg ist er der Überlieferung nach nicht gewesen, hat aber Flakensee, Kalksee und Schleuse an dessen Fuß bestaunt. Die 1998 aufwändig restaurierte Schleuse ist nach wie vor in Betrieb. Genutzt wird sie von Rüdersdorfer Firmen, die auf dem Wasserweg Waren in Richtung Berlin transportieren, von Ausflugsschiffen und Wassersportlern.

Wer an Land mit dem Fahrrad oder Auto unterwegs, muss deshalb auch mit Wartezeiten an der Woltersdorfer Schleuse rechnen. Ausflügler verfolgen das technische Schauspiel, wenn sich die Klappbrücke öffnet, gern von der jederzeit passierbaren Fußgängerbrücke aus.

Rund um Aussichtsturmund Schleuse

Auf den Kranichsberg führen ausgeschilderte Wanderwege. Bis ganz oben gelangt man nicht mit dem Auto, für den Aufstieg ist etwas Kondition nötig. Ein Parkplatz befindet sich an der Maiwiese. Geöffnet ist der Turm bis Oktober wochentags von 9.30 bis 15.30 Uhr, an den Wochenenden 10 bis 17 Uhr. Wer die Treppen bis zur Turmspitze nicht steigen möchte, kann sich unten auf Bänken ausruhen.

An der Schleuse laden Gaststätten und Cafés zur Rast ein. Im Hotel "Kranichsberg" steht der Kümmelschnaps Gilka mit Soda auf der Karte, den sich Fontane dort schmecken ließ. ⇥ahe